Nach den Festnahmen in Norddeutschland

Terrorismus-Experte im tz-Interview: "IS kann Schläfer jederzeit aktivieren"

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Die Polizei geht gegen IS-Sympathisanten vor (Symbolbild).

München - Die Festnahme von drei mutmaßlichen IS-Mitgliedern in Deutschland lassen aufhorchen. Terrorismus-Experte Rolf Tophoven ordnet die Lage ein.

Bei einer Großrazzia in Flüchtlingsunterkünften in Norddeutschland sind drei mutmaßliche IS-Mitglieder festgenommen worden, die vermutlich Bezüge zu den Paris-Attentätern hatten. Es könnte sich um eine "Schläferzelle" gehandelt haben, sagte Innenminister Thomas de Maizière (CDU) in Berlin. Die drei Männer mit syrischen Pässen werden verdächtigt, im Auftrag der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) im November 2015 nach Deutschland gekommen zu sein.

Die tz sprach mit Terrorismus-Experte Rolf Tophoven über die neuesten Entwicklungen.

Wie bewerten Sie diese Festnahmen?

Rolf Tophoven: Es ist einerseits beruhigend, dass die Sicherheitsbehörden in Deutschland die islamistische Szene unter Beobachtung haben. Beunruhigend ist jedoch, dass wir davon ausgehen müssen, dass es mehrere noch unentdeckte Schläferzellen in Deutschland gibt.

Was bedeutet es, dass die Terrorverdächtigen Verbindungen zu den Paris-Attentätern hatten?

Tophoven: Es zeigt, dass es ein komplettes Netzwerk an Schleusern und Passfälschern gibt, die an den IS angebunden sind. Ob ein Anschlag unmittelbar bevorstand, werden erst die weiteren Ermittlungen zeigen. Klar ist: Der IS kann diese Schläfer aktivieren, wann immer er es für passend hält.

Steigt die Terrorgefahr in Europa dadurch, dass der IS in Syrien, Libyen und dem Irak militärisch so unter Druck geraten ist?

Terrorismus-Experte Rolf Tophoven.

Tophoven: Der Druck im Kessel ist derzeit enorm. Sollte die Waffenruhe um Aleppo halten und sollte sich die Kooperation zwischen den USA und Russland wirklich so verbessern, dass es zu einem gemeinsamen Kampf gegen den IS kommt, wird sich der Druck weiter erhöhen. Für Europa, auch für Deutschland, bedeutet das jedoch, dass die Anschlagsgefahr steigt. Denn der IS muss beweisen, dass er noch schlagkräftig ist - Terroranschläge müssen also die Schwäche im eigenen "Kalifat" kompensieren.

Wie bewerten Sie die Tatsache, dass unter den Verdächtigen Flüchtlinge sind?

Tophoven: Es war naiv, zu glauben, der IS würde die Flüchtlingsströme nicht für seine Terrorstrategie nutzen. Mit den in irakischen und syrischen Städten erbeuteten Blanko-Pässen kann der IS quasi "legale" Pässe herstellen. Die Islamisten können in Deutschland zudem auf ein Netzwerk zugreifen, das versucht, in Flüchtlingsheimen neue IS-Kämpfer zu gewinnen. Der Verfassungsschutz sprach kürzlich von Hunderten Anwerbeversuchen in Flüchtlingsheimen durch salafistische Hassprediger. Die sprechen gezielt Flüchtlinge an, die frustriert sind von ihrer Situation in Deutschland.

Die meisten Flüchtlinge sind vor dem IS-Terror geflohen und sicher bereit, es unseren Behörden anzuzeigen, falls sich Hassprediger in den Unterkünften breitmachen. Ein Ansatz für Ermittler?

Tophoven: Ja, es gibt Broschüren der Sicherheitsbehörden, in denen den Leitern und Betreuern der Flüchtlingsheime erklärt wird, mit welchen Werbemethoden die Islamisten vorgehen

Einer der Festgenommenen ist erst 17, in Paris wurde ein 15-Jähriger festgenommen. Warum setzt der IS auf solche Kinderterroristen?

Tophoven: Der IS hat spezifische Propaganda für jedes Alter zu bieten. Und für jedes Geschlecht – wie die Festnahmen von drei Frauen in Frankreich zeigen. Sie spielen auf allen Klaviaturen.

KR

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