Interview mit Rolf Tophoven

Terrorismus-Experte: Das ist die Taktik des IS

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Bagdad nach dem Anschlag mit der Autobombe.

München - Eine Woche voller Terroranschläge liegt hinter uns. Feige Attentäter schlagen in Istanbul, Dhaka und Bagdad zu. Terrorismus-Experte Rolf Tophoven bezieht Stellung.

Wenige Tagen nach den Anschlägen auf den Flughafen in Istanbul erschüttern neue Terrorakte Welt. Dabei wurden mindestens 97 Menschen getötet, mehr als 130 verletzt. In der Nacht zum Sonntag sprengte sich in der irakischen Hauptstadt Bagdad ein Selbstmordattentäter  mit einer Autobombe im belebten Geschäftsviertel Karrada in die Luft, Dort waren zu diesem Zeitpunkt wegen der bevorstehenden Feierlichkeiten zum Ende des muslimischen Fastenmonats Ramadan gerade besonders viele Menschen unterwegs. Dabei starben mindestens 75 Menschen. Im Internet bekannt sich die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) zu der Tat.

Barbarisch exekutiert wurden 20 Menschen, die von einer Terrorgruppe am späten Freitagabend in einem Restaurant Dhaka in Bangladesch in Geiselhaft genommen worden waren. Zwar gelang es einer Spezialeinheit der Polizei am Samstagmorgen das Gebäude zu stürmen und 13 Geiseln zu befreien. Für neun Italiener (u. a. Geschäftsleute, die vor Ort mit Baumwollproduzenten verhandeln wollten) sieben Japaner, eine US-Bürgerin und einen Inder kam dieser Einsatz aber zu spät. Außerdem wurden auch noch Einsatzkräfte getötet. Zwar bekannte sich der IS zu der Tat. Die Regierung von Bangladesch bestreitet aber, dass die Terrormiliz im Land aktiv ist.

Die tz sprach mit Terrorismus-Experte Rolf Tophoven über die Strukturen des IS. Tophoven ist Direktor des "Instituts für Krisenprävention" in Essen.

Interview mit Terrorismus-Experte Rolf Tophoven

Herr Tophoven: Erneut gab es Anschläge mit vielen Toten - diesmal in Bangladesch und Bagdad. Steht hinter allem wieder der sogenannte Islamische Staat?

Terrorismus-Experte Rolf Tophoven.

Tophoven: Man muss eher davon ausgehen, dass es dem IS von Asien über Europa bis in die USA - also global - gelungen ist, Sympathisanten und aktive Kämpfer anzuheuern und zu platzieren. Wenn Erklärungen im Namen des IS abgegeben werden, so wie zum Beispiel beim Terrorangriff auf den Schwulenclub in Orlando, muss aber nicht immer IS drin sein, auch wenn IS draufsteht. Manchmal wollen sich Attentäter damit auch nur in eine elitäre Rolle hieven. Generell gilt aber, dass der IS vom Kriegsgebiet in Syrien und Irak ausgehend, aktuell seine Aktionen wie zuletzt in Istanbul verstärkt.

Aus welchem Grund?

Tophoven: Das hängt damit zusammen, dass er zuletzt in seinem eigenen Operationsgebiet in Syrien und im Irak Rückschläge durch militärische Gegenaktionen der US-geführten Anti-IS-Koalition hinnehmen musste.

Sie denken an Falludscha im Irak, das vor drei Tagen zurückerobert wurde?

Tophoven: Ja. Und ich denke, dass diese Rückeroberung durch den Anschlag in Bagdad sofort kompensiert werden sollte.

Sie glauben an einen unmittelbaren Zusammenhang?

Tophoven: Ja, das gilt auch für den Anschlag in Istanbul. Der IS will beweisen: Wir können trotz partieller Rückschläge jederzeit zuschlagen. Und wir können dort treffen, wo wir wollen - gestern in Istanbul, heute in Bangladesch oder Bagdad. Es zeigt uns, wie fundamental die ganze IS-Bewegung durch den Westen unterschätzt wurde. Es kann nicht sein, dass seit zwei Jahren eine Terrororganisation die demokratisch freie Welt bedroht und eine Art Staat - das Kalifat - errichtet hat. Da fragt man sich doch, was ist denn geschehen?

Ihre Antwort?

Tophoven: Die Ursache ist Uneinigkeit im Umgang mit Syrien. Erst wollte man Assad weghaben, jetzt braucht man ihn vielleicht als Partner. Es gab keine einheitliche westliche Strategie. Weder von Europa aus, noch von den USA. Auch aus Angst, Bodentruppen einsetzen zu müssen.

Und ohne die geht es nicht?

Tophoven: Nein, ich bleibe dabei: Ohne den massiven Einsatz westlicher Bodentruppen, ist der IS nicht an der Wurzel zu packen und militärisch zu besiegen.

Das heißt, es braucht auch noch andere Ansätze?

Tophoven: Wir brauchen auch politische, ideologische Gegenkonzepte. Der IS hat ja heute eine politische Ideologie aufgebaut, die sich in den Köpfen vieler junger Männer festgesetzt hat. Und die müssen wir wieder zurückgewinnen, damit sie nicht abkippen und sich als Suizidtäter im Auftrag des IS in Istanbul, Brüssel oder Paris in die Luft sprengen.

Gibt es denn inzwischen eine Strategie?

Terror-Opfer.

Tophoven: Das westliche Bewusstsein hat sich verändert. Aber die strategisch-taktischen und operativen Defizite allein in der Informationsbeschaffung was die Anschläge in Paris oder Brüssel betrifft sind bei den europäischen Sicherheitsbehörden immer noch da.

Gibt es dafür konkrete Erkenntnisse?

Tophoven: Ich weiß z. B., dass deutsche Sicherheitsbehörden Informationen an Kollegen in Brüssel und Frankreich weitergegeben haben, die dort nicht verfolgt wurden. Es fehlt eine Gesamtstrategie: Das sehen wir auch in der Türkei. Erdogan bekommt jetzt durch den IS die Quittung für seinen taktischen Wandel: Dass er plötzlich mit der Nato kooperiert, dass er die bisher ja sehr durchlässige Grenze zu Syrien schließt, um Infiltrationen auch europäischer Kämpfer nach Syrien abzublocken oder das Infiltrieren von Kämpfern des IS in die Türkei zu verhindern. Aber das erfolgt alles zu spät. Wir haben heute Hunderte Zellen - Schläfer - in der Türkei, operativ fähige Leute. Und Anschläge durch Usbeken, Kirgisen, Leute aus der russischen Provinz Dagistan - wie jetzt in Istanbul - zeigt zudem, dass besonders die Internationalität der IS-Kämpfer erhebliche Probleme macht.

Welche Rolle spielt Putin?

Tophoven: Putin hat natürlich cleverer als der Westen agiert und nach Syrien seine Luftwaffe geschickt. Erst um gegen die Rebellen, die gegen Assad sind, zu bomben, dann aber auch gegen die Lager des IS. Putin hat eingegriffen und ist nun soweit, dass der Westen heute seine Luftangriffe mit Russland abstimmen muss. So kritisch mancher das auch sehen mag: Putin hat nicht lange gefackelt während parallel dazu bei uns auf großer politischer Ebene nur diskutiert wurde.

Müssen wir uns damit leben, dass es alle paar Tage neue schwere Anschläge geben wird?

Tophoven: Damit ist zu rechnen. Je größer die Niederlagen des IS auf eigenem Territoriuim, desto größer die Gefahr, dass man von dort den Terror exportiert, um Macht und Stärke zu demonstrieren.

Heißt das, wir erleben gerade das letzte Aufbäumen des IS?

Dhaka nach dem Attentat.

Tophoven: Nein, Wer das glaubt, der unterschätz den IS. fatal. Und unterschätzen dürfen wir auch nicht die Gefahr, dass der IS über die Flüchtlingsbewegung Kämpfer in Europa einschleust. Der Verfassungsschutz spricht von 17 Fällen, zwei der Kämpfer in Paris waren als Flüchtlinge registriert. Der IS wird alle Möglichkeiten ausschöpfen - bis zum letzten Gefecht.

Das heißt, wir können nur versuchen, uns mit einem Großaufgebot an Sicherheitskräften zu schützen.

Tophoven: Ja, es ist eben so, dass wir die offene Gesellschaft nicht aufgeben können, sonst hätten wir ja einen Polizeistaat.

Würden Sie jemandem empfehlen, aktuell Urlaub in der Türkei zu machen?

Tophoven: Das muss jeder für sich selbst entscheiden. da kann ich keinen Rat geben. Man sollte aber die Empfehlungen des Auswärtigen Amtes beachten und sich auch selbst ein Bild von der politischen Situation im Reiseland machen.

Hat der IS Europäer besonders im Visier?

Tophoven: Das glaube ich nicht. Die Ungläubigen sind - zumindest im Selbstverständnis des IS - ja auch Muslime, die sich nicht zu den Zielen des IS bekennen. Daher kann es jeden treffen.

Könnten Sie sich vorstellen, dass der Is von innen ausgehöhlt wird, beispielsweise durch die Berichte von IS-Aussteigern, die von ihren schrecklichen Erfahrungen berichten?

Tophoven: Wir müssen verhindern, dass junge Menschen vom IS angezogen werden, aber ich weiß nicht, ob junge Leute, die vom IS fasziniert sind, sich von solchen Berichten abhalten lassen. Das wäre reine Spekulation. Die einzige Chance ist, dass man das IS-Territorium vernichtet, damit es keine Basen mehr gibt, neue Kämpfer auszubilden. Allerdings wird die Gefahr weiter bestehen, dass die Ideologie des IS sich in den Köpfen Einzelner festsetzt, die dann als Suizid-Attentäter und oder mit Kriegswaffen Anschläge verüben.

WdP

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