Vor 40 Jahren kam es zum Bruch

Trennung von CSU und CDU: Theo Waigel über den „Geist von Kreuth“

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An jenem legendären 19. November 1976 eskalierte der Dauer-Streit der beiden Erzrivalen Helmut Kohl (li.) und Franz Josef Strauß: der CSU-Chef verkündete in Wildbad Kreuth, seine Partei bundesweit ausdehnen zu wollen (Foto von 1980).

München - Vor 40 Jahren beschloss die CSU die Trennung von der CDU. Ex-Parteichef Theo Waigel spricht im Interview über den „Geist von Kreuth“.

Ein Geist geht um in der CSU – der Geist von Kreuth. Obwohl das Gespenst längst in die Jahre gekommen ist, prägt der Trennungsbeschluss der CSU-Landesgruppe, der sich am Samstag zum 40. mal jährt, noch immer das Verhältnis der Schwesterparteien. Zum ersten und bislang einzigen Male wagte die CSU an jenem 19. November 1976 im seither legendären Wildbad Kreuth die große Revolte und kündigte die Fraktionsgemeinschaft mit der CDU im Bundestag auf. Und mehr noch, der Plan von CSU-Chef Franz Josef Strauß sah auch vor, künftig bundesweit bei Wahlen anzutreten.

Anders als der seit über einem Jahr andauernde Zoff mit der CDU über die von der CSU geforderte Obergrenze für 200.000 Flüchtlinge dauerte 1976 die Mutter aller CSU-Revolten nur 23 Tage. Schon am 12. Dezember wurde der Trennungsbeschluss wieder zurückgenommen. Der Druck der CDU war einfach zu groß, der damalige Parteichef Helmut Kohl hatte dem Revoluzzer und CSU-Chef Franz Josef Strauß offen mit der Gründung eines bayerischen CDU-Landesverbandes gedroht. In der tz erinnert sich der CSU-Ehrenvorsitzende Theo Waigel an diese Schicksalstage seiner Partei.

Theo Waigel: Kreuth 1976 war „eine einmalige Geschichte“

Welche Erinnerungen haben Sie an den „Geist von Kreuth“?

Theo Waigel: Das war eine einmalige Geschichte, die 1972 und 1976 eine Rolle gespielt hat. Viele wissen ja gar nicht, dass Strauß schon 1972 einen ersten Versuch mit einer kleinen Gruppe von Vertrauten starten wollte. Damals hat sich aber bald herausgestellt, dass er nur wenig Unterstützer finden konnte. Dabei waren die Wahlergebnisse 1972 für die Union noch viel dramatischer als vier Jahre später. Wir waren sogar hinter die SPD zurückgefallen. Es sah wirklich düster aus.

Und wieso konnte Strauß es dann 1976 doch umsetzen, immerhin hatte die Union unter Kohl ein besseres Wahlergebnis erreicht?

CSU-Ehrenvorsitzender Theo Waigel.

Waigel: Weil es wieder nicht gereicht hatte, die Mehrheit zu holen. Kreuth begann nicht mit dem Willen, einen Trennungsbeschluss zu fällen. Anfangs gab es viele Kritiker, doch die wurden von Strauß im Laufe der Sitzung stärker attackiert. Ich selbst habe am nächsten Morgen in Abwesenheit von Strauß – er hatte sich verspätet – gegen eine Trennung gesprochen, wie schon 1972. Denn der Trennungsverlust, da war ich mir sicher, wäre zu groß. Zwei Unionsparteien nebeneinander, mit fast deckungsgleichen Inhalten und Zielen, das funktioniert nicht. Die Theorie vom getrennten Marschieren und gemeinsamen schlagen ist in der Praxis nicht möglich, eine Illusion.

War das Thema nach 1976 endgültig vom Tisch?

Waigel: Nein, 1990 gab es Überlegungen in der CSU. Es ging um die Ausdehnung nach Sachsen und Thüringen, auch das habe ich abgelehnt.

Wer ist denn im Rückblick der Gewinner der Revolte von 1976?

Waigel: Niemand. Die Diskussion hat der Union insgesamt nicht genützt, sie bedeutete Abnutzungen für CDU-Chef Helmut Kohl wie Strauß. Es gab einfach keinen Sieger. Für Kohl bedeutet sie, dass er auf seine Kanzlerkandidatur 1980 verzichtete, Strauß konnte 1980 als Kanzlerkandidat gegen Helmut Schmidt (SPD) nicht gewinnen. Am Ende hatte Kohl den längeren Atem und konnte dann auch Kanzler werden.

Warum ist der „Geist von Kreuth“ aber dennoch in der CSU so ein positiv besetzter Mythos?

Waigel: Ein Mythos lebt von der Erinnerung. Es sind noch immer viele Fragen offen und wir verbliebenen Zeitzeugen wissen, dass so manches von dem, was dazu gesagt wird, nicht stimmt. So ist etwa bis heute nicht geklärt, wer Kohl über den Beschluss informiert hat. Was in Kohls Biografie darüber steht, kann nicht stimmen.

Also hat die CSU sich am Ende geschadet?

Waigel: Nein. Die CSU konnte weiterhin selbstbewusst auftreten, die Stellung der Landesgruppe in der Unionsfraktion hat sich verbessert. Das tatsächliche Renommee der CSU im Bund hängt aber immer von den jeweiligen Spitzenpolitikern ab.

Was kann die CSU daraus lernen?

Waigel: Die Strategie der Trennung war damals falsch und sie ist es heute noch. Die CSU braucht ihren einzigartigen Status aus Bayern für den Bund und Europa, für ihre einzigartige Politik innerhalb und außerhalb Bayerns.

Zur Person: Theo Waigel

Theo Waigel (77) ist seit 1960 Mitglied der CSU, seit 2009 ist er Ehrenvorsitzender. Der Ex- Bundesfinanzminister arbeitet inzwischen in einer Münchner Anwaltskanzlei. Seit 1983 ist er Mitglied im CSU-Präsidium. Von 1988 bis 1999 war Waigel CSUChef. Er ist in zweiter Ehe mit der Ex-Skiläuferin Irene Waigel, geborene Epple, verheiratet und hat insgesamt drei Kinder.

tz-Stichwort: Kreuth

1974 pachtete die Hanns-Seidel-Stiftung das ehemalige Kurbad südlich des Tegernsees. Bis 2016 wurde es von der CSU-nahen Stiftung als Tagungshaus und Bildungszentrum genutzt. Und es war immer wieder der Spielort von politischen Dramen bei CSU-Klausurtreffen – nicht nur 1976 beim Trennungsbeschluss. So wurde bei der Landtagsklausur 2007 Edmund Stoiber als bayerischer Ministerpräsident entmachtet. Wegen einer deutlichen Erhöhung der Pacht gab die CSU im vergangenen Jahr den Tagungsort auf.

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