„Trump und wir - was nun?“ bei Plasberg

„Viele Menschen haben das Gefühl, dass eine bestimmte Meinung verlangt wird“

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Dieses Mal ging es bei „Hart aber Fair“ um Donald Trump.

Köln - Die „Hart aber Fair“-Ausgabe am Montag unter dem brennenden Motto „Trump und wir - was nun?“ war diesmal von überraschend selbstkritischen Einsichten geprägt.

Eigentlich sind Negativschlagzeilen, frauenfeindliche Sprüche und Realityshows seine Spezialität -  doch nun ist Donald Trump tatsächlich us-amerikanischer Präsident. Der Schock über das überraschend klare Wahlergebnis vom 8. November sitzt hierzulande noch immer tief - das wurde auch in der „Hart aber Fair“ Ausgabe vom Montag mehr als deutlich. Über das brennende Thema „Trump und wir - was nun?“ diskutierten am Montagabend der SPD-Fraktionsvorsitzende Thomas Oppermann, die stellvertretende Sprecherin der AfD Beatrix von Storch, der WDR-Intendant Fritz Pleitgen, die Finanzexpertin Sandra Navidi und der Politikwissenschaftler Christian Hacke. 

Während der Diskussion, die über weite Strecken überraschend ruhig blieb, stellten die Zuschauer wohl vor allem eines fest: Die Gäste kamen diesmal ungewohnt einsichtig, fast schon reuevoll daher. Zunächst einmal erteilte Frank Plasberg Fritz Pleitgen das Wort, der sogleich Gründe dafür lieferte, dass die aktuellen Sorgen vieler Bürger mehr als berechtigt sind. „So viel Macht hat in den letzten Jahren kein amerikanischer Präsident besessen“, erklärte er. „Und dieser Mann hat noch nie ein politisches Amt geführt.“ 

Kein Platz für politische Korrektheit 

Doch es wurde an diesem Abend nicht nur erörtert, in welches Chaos Trump diese Welt stürzen könnte. Vielmehr beschäftigte die Runde die Frage, welche innerpolitischen Auswirkungen Trumps Wahlsieg mit sich bringen wird.

Dahingehend schlug das Gespräch eine ungewohnt selbstkritische Richtung ein und drehte sich bald um zwei immer wieder kehrende Fragen: Sollte man den unzufriedenen Menschen in dieser Gesellschaft eine lautere Stimme geben? Und hat man es mit der politischen Korrektheit in der Vergangenheit tatsächlich ein wenig übertrieben? Die Antwort lautet offenbar gemeinhin ja. "Immer mehr Menschen fallen aus unserer Gesellschaft heraus, eine schlimme Armut greift um sich. Darum müssen wir uns kümmern, oft sind es junge Menschen. Sonst werden wir möglicherweise eines Tages unser blaues Wunder verleben", analysierte beispielsweise Pleitgen.

Oppermann übt Selbstkritik

Und sogar der SPD-Fraktionsvorsitzende Oppermann bekannte: „Oft hatten Menschen das Gefühl, dass sie vorsichtig sein müssen, wenn sie sich zum Thema Flüchtlinge äußern, ob sie das Richtige sagen. Und dass sie schnell in eine bestimmte Ecke gestellt werden." Weiterhin gestand er sogar ein, dass auch er stets versuchte, die politisch korrekte Fassade aufrecht zu erhalten - doch nun sieht er in gerade diesem Verhalten der deutschen Allgemeinheit die Wurzel allen Übels. „Viele Menschen haben das Gefühl, dass eine bestimmte Meinung verlangt wird, und dass sie sich lieber gar nicht äußern, wenn sie dieser Meinung nicht 100-prozentig entsprechen", schloss er. Von diesem gesellschaftlichen Konsens müsse man nun dringend abrücken, um eine ebenso große Katastrophe wie in den Staaten zu verhindern.

Auch die schon in der Vergangenheit häufig als heuchlerisch abgestempelte EU rückte kurzzeitig in den Fokus und auch an ihr ließ die Runde kein gutes Haar - vielmehr wurde ihr Konzept komplett in Frage gestellt: "Eine Lebenslüge, die von allen mitgetragen wurde", fasste der Politikwissenschaftler Christian Hacke schließlich zusammen. 

Kurswechsel: den Unzufriedenen zuhören

Diskussionsbestimmend waren aber trotzdem die besorgniserregenden Parallelen in der deutschen und amerikanischen Bevölkerungsstruktur. Die amerikanische Finanzexpertin Sandra Navidiwarnte die deutsche Politik davor, einen ähnlichen Fehler wie die Amerikaner zu begehen und jene Menschen zu vernachlässigen, die sich wirtschaftlich und in ihrer Identität abgehängt fühlen. „Die Menschen werden auch hier eine Handgranate ins System werfen wollen", sah sie bereits voraus.

Dass sich das Bewusstsein der deutschen Eliten bereits um 180 Grad gedreht hat und man sich nun vollends den Unzufriedenen widmen möchte, fiel bei genauem Hinsehen auch in der aktuellen Folge „Hart aber Fair“ auf: Die AfD-Politikerin Beatrix von Storch kam darin überproportional häufig zu Wort - und weder wurde sie unterbrochen, noch wurde ihr widersprochen, als sie sogleich eine Spitze in Richtung der anwesenden Politiker setzte: „Trumps Sieg ist ein Signal dafür, dass die Bürger in der westlichen Welt einen klaren Politikwechsel wollen.“ 

Nachdem von Storch weiterhin in alle Richtungen ausgeteilt hatte - unter anderem davon sprach, dass sich viele „gegen das Establishment“ stellen, weil sie sich nicht mehr in „Banken, Kirchen, Gewerkschaften und Medien“ wiederfinden würden - ging sie sogar noch einen Schritt weiter und stellte der Kanzlerin Angela Merkel ein „Armutszeugnis“ aus. „Merkel hat tatsächlich Bedingungen an die Zusammenarbeit mit Trump geknüpft – Demokratie, Rechtsstaat und Freiheit", meinte sie - von Storch zufolge stehe es der Kanzlerin allerdings nicht zu, ihre Zusammenarbeit mit Staatspräsidenten an Bedingungen zu knüpfen.

Nicht mal Oppermann als Repräsentant der SPD setzte sich vehement zur Wehr, nachdem die stellvertretende AfD-Vorsitzende mehr oder weniger subtil die Regierung angriff. Bezeichnend für eine Welt, die seit der einschneidenden Nacht zum 9. November buchstäblich Kopf steht.  

slo

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