Die Wege aus dem Wahnsinn

tz-Interview: Die Krisen der Welt und ihre Chancen

München - Der Anschlag in Nizza, der Putsch in der Türkei: Fast täglich werden wir mit Bildern von Gewalt, Toten und Verletzten konfrontiert. Angstforscher Frank Furedi sieht in den Krisen auch eine große Chance.

Man weiß gar nicht mehr, ob man Radio, Fernseher oder Internet überhaupt noch nutzen soll: Auf allen Informationskanälen wird man konfrontiert mit Hiobsbotschaften. Und es scheint so, als ob die Pause zwischen den Horrornachrichten immer kürzer wird. Der Anschlag in Nizza, der Putsch in der Türkei: Fast täglich werden wir mit Bildern von Gewalt, Toten und Verletzten konfrontiert. Dazu die aktuellen Berichte von Finanzkrisen, dem Brexit – der Europa vor eine Zerreißprobe stellt – und den vielen Gipfeltreffen unserer Politiker, die nach Worten ringen, um dann doch nichts zu sagen. Angst macht sich breit, die Sorge um die Zukunft und das Gefühl, überfordert zu sein. Aber es gibt Hoffnung – davon ist zumindest der britische Angstforscher Frank Furedi (69) überzeugt. Er sieht in den Krisen auch eine große Chance.

Angstforscher Furedi: Krisen bieten uns die Chance der Erneuerung

Angstforscher Frank Furedi.

Der Brite Frank Furedi ist einer der berühmtesten Angstforscher der Welt. Mit Büchern wie Die Kultur der Angst und Die Politik der Angst: Jenseits von Links und Rechts beleuchtet der Soziologe, wie Angst unser Leben prägt – und wie wir sie überwinden können. Großes Aufsehen erregte sein Buch Elternparanoia (2002), in dem er – ausgehend von seiner eigenen Sorge um seinen Sohn – darstellt, wie überängstliche Eltern die Entwicklung ihrer Kinder behindern. Furedi wurde 1947 in Budapest geboren, nach dem Ungarn-Aufstand 1956 emigrierte seine Familie nach Kanada. Seit 1969 lebt er in Großbritannien.

Es wirkt derzeit so, als sei die Welt aus den Fugen geraten. Ist das so? Oder sind wir Nachkriegseuropäer nur nicht mehr an derartige Krisen gewöhnt?

Frank Furedi: Die Probleme der Nachkriegsära von den 60er- bis hinein in die 90er-Jahren waren ganz andere. Wir hatten ökonomische Stabilität, Vertrauen in den technischen Fortschritt. Heute erleben wir eine große kulturelle Unsicherheit. Und wir haben eine politische Klasse, die sich in ihrem technokratischen Umgang mit Problemen weltweit sehr ähnelt: Deutsche oder britische Politiker ticken da ganz ähnlich. Das sind Leute, die aus Think Tanks oder hohen Positionen in globalen Verbänden kommen und dann Minister werden. Aber sie haben sich nicht im Alltagsleben beweisen müssen und kennen deshalb die Probleme mittelständischer Unternehmer oder normaler Arbeitnehmer nicht.

Brexit, Terror, Populisten wie Trump, Putin oder Erdogan: Machen Ihnen persönlich diese Entwicklungen Angst? 

Furedi:  Da muss man ein wenig unterscheiden. Mit dem Brexit habe ich keine Probleme, denn ich denke, dass es notwendig ist, dass sich die EU ändert. Der Brexit und das Wiederaufkeimen des Nationalismus zeigen, dass die politische Ordnung der Nachkriegszeit ins Wanken geraten ist. Die Volksparteien sind zu Zombie-Parteien geworden, die keinen wirklichen Kontakt zu den Bürgern mehr haben. In diese Lücke stoßen nun die populistischen Parteien.

Was macht Front National, Ukip oder AfD attraktiv?

Furedi: Sie sprechen anders, weil sie den normalen Leuten aufs Maul schauen. Aber das ist nur die Sprache, die populär wirkt – damit wollen sie den normalen Leuten dann gefährliche Ideen einpflanzen.

Was müssen demokratische Politiker besser machen? 

Furedi: Wir brauchen mehr liberale, demokratisch orientierte Persönlichkeiten, die sich anhören, was die Leute denken und sie nicht gleich dafür verurteilen. Sie sollten ihren Elfenbeinturm verlassen und nicht denken, dass sie alles besser wissen.

Ein Beispiel?

Furedi: Multikulti! Alle Politiker reden über die Bedeutung der Vielfalt in der Gesellschaft. Aber Multikulti ist erst einmal nur eine Beschreibung, dahinter stecken keine Werte. Deshalb müssen wir den Fokus stärker darauf legen, was wir bei aller Unterschiedlichkeit gemeinsam haben, egal ob wir schwarz oder weiß, moslemisch oder christlich sind. Damit unterschiedliche Kulturen gut zusammenleben können, brauchen wir vorher ein gemeinsames Bewusstsein, auf dem diese Unterschiede dann aufbauen können.

Bleiben nicht Minderheiten auf der Strecke, wenn die Politiker, wie Sie es fordern, auf die Masse hören?

Furedi: Nicht notwendigerweise. Das Problem entsteht nur, wenn die Leute keine moralischen Autoritäten mehr haben. Die Menschen in Europa hassen von Natur aus keine Homosexuellen oder Andersgläubige, sie gehen nicht einfach auf die Straße, um andersartige Menschen zu verprügeln.

Wie können die Bürger mit dieser Angst umgehen? 

Furedi: Es ist weniger Angst als Unsicherheit. Die Menschen haben ihren Platz in ihren eigenen Gesellschaften verloren, wissen nicht mehr, was es heißt, deutsch, britisch oder französisch zu sein. Wo sie früher immer dieselben Parteien gewählt haben, gehen sie jetzt in Experimente, wählen Rechts- oder Linkspopulisten. Sie sind auf der Suche nach neuen Antworten. Die Chance, die darin liegt, ist, dass sich die demokratischen Parteien reformieren müssen und wieder bürgernäher werden.

Blicken Sie insgesamt eher optimistisch oder pessimistisch in die Zukunft? 

Furedi: Eigentlich beides. Pessimistisch bin ich, weil unsere Eliten und Intellektuellen den Ereignissen gegenüber wie gelähmt wirken. Sie leben in der Vergangenheit, verschließen ihre Augen gegenüber den neuen Herausforderungen. Gleichzeitig sehe ich darin eine Chance. Es ist ein bisschen wie beim Märchen von des Kaisers neuen Kleidern: Die Menschen sehen, dass die Politiker plötzlich nackt dastehen. Deshalb steht die Politik unter Druck, sich reformieren zu müssen. Die Krisen bergen also die Chance, dass es hier eine Erneuerung des öffentlichen Lebens gibt.

Die Krisenherde der Welt

Die Türkei: Der Putsch steht für ein wachsendes Unbehagen in großen Teilen der türkischen Gesellschaft. Viele lehnen den Kurs von Präsident Erdogan ab, der auf eine Islamisierung des Landes zusteuert und auf die Nationalismuskarte setzt. Aber auch Erdogan-Gegner wollen keinen Militärputsch. Dem Orient-Experten Prof. Dr. Udo Steinbach macht genau dies Hoffnung: „Die türkische Gesellschaft ist in bemerkenswerter Weise demokratisch geworden!“

Die Rechtspopulisten: Nicht nur der Front National von Marine Le Pen in Frankreich (Foto), sondern rechte Parteien in ganz Europa (AfD in Deutschland, FPÖ in Österreich) haben starken Aufwind. Furedi weiß, dass diese Parteien „den normalen Leuten gefährliche Ideen einpflanzen“. Er empfiehlt, die ­Gemeinsamkeiten der Menschen zu betonen und so das Fundament dafür zu schaffen, auch Unterschiedlichkeiten tolerieren zu können. Ohne Fundament keine Toleranz.

Die Finanzkrise: Die Finanzkrise – von der in Europa vor allem Griechenland betroffen ist, aktuell aber auch Italien und Frankreich – verschärft nicht nur die wachsende Ungleichheit zwischen Arm und Reich. Sie ist außerdem auch der Kern aller anderen Krisen. Furedi erläutert: „Die Nachkriegsordnung in Europa war bestimmt vom Kalten Krieg und einem ­anhaltenden Wirtschafts­aufschwung. Seit der an seine Grenzen kam – also seit der ­Finanzkrise –, ist diese ­Ordnung zerstört.“

Terror und Islamismus: Das Foto links zeigt den Lkw des Attentäters von Nizza, der möglicherweise einen islamistischen Hintergrund hatte. Wer Terrorursachen bekämpfen will, muss verhindern, dass immer mehr junge Moslems sich abgehängt fühlen. Der Islam biete ein vorgefertigtes System von Antworten und Ideen. „Wie der Rechts- und Linkspopulismus ist auch der religiöse Fanatismus eine Reaktion auf die wachsende Unsicherheit der Menschen“, meint Angstforscher Furedi.

Brexit: „Mit dem Brexit habe ich keine Probleme, denn ich denke, dass es notwendig ist, dass sich die EU ändert“, findet Furedi. „Europa hat sich in zwei Welten gespalten: die politische Klasse, die nur noch Selbstgespräche führt und einen sehr technokratischen Zugang zur Lösung der Probleme hat. Und die Bevölkerung auf der Straße, deren Bedürfnisse und Sorgen ganz andere sind als jene, die die Politiker diskutieren. Der Brexit kann also potenziell positiv wirken, wenn er zu einer Reform der EU führt.“

Die zerrissenen USA: Die USA brauchen politische Persönlichkeiten, die die tiefe Spaltung der dortigen Gesellschaft überwinden helfen – und die Schwarz und Weiß wieder versöhnen, wie es einst Martin Luther King schaffte. Furedi: „Das öffentliche Leben ist in den USA so gespalten, dass Menschen, die einer bestimmten Meinung anhängen, nur noch mit Gleichgesinnten sprechen. Der Republikaner Donald Trump (Foto links) ist das negative, zerstörerische Symptom dieser politischen Zerrissenheit Amerikas.“

Die abgehobene Politik: Die etablierten Politiker sind laut Furedi zu weit weg von den Sorgen und Nöten der Bürger. „Was wir in der Politik brauchen, sind mehr liberale, demokratisch orientierte Persönlichkeiten, die sich anhören, was die Leute denken und sie nicht gleich dafür verurteilen“, so Furedi. „Sie sollten von ihrem Elfenbeinturm runtersteigen und dem zuhören, was die Menschen denken. Sie sollten sich in die Lage der kleinen Leute versetzen und nicht denken, dass sie alles besser wissen.“

Rubriklistenbild: © fkn

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