Massaker in Babi Jar

Gauck sieht Nazi-Gräuel als Verpflichtung

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Joachim Gauck (l) nimmt in Babi Jar in Kiew mit dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko (2.v.r) an der  Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag des deutschen Massenmords an den Kiewer Juden im Jahre 1941 teil.

Kiew - Das Massaker in Babi Jar an den Kiewer Juden war Vorläufer des industriellen Massenmordens der Nazis. Der Bundespräsident bekennt sich zur Schuld - und mahnt gemeinsames Erinnern an.

Bundespräsident Joachim Gauck hat die deutsche Verantwortung für die Gräuel der Nazis als Verpflichtung zum Einsatz für Menschenrechte und europäische Werte hervorgehoben.

"In dem ich mich vor all den Opfern von einst verneige, stelle ich mich an die Seite der Menschen, die heute Unrecht benennen, Verfolgten Beistand leisten und unverdrossen für die Rechte der Menschen eintreten, denen die Menschenrechte versagt werden", sagte Gauck am Donnerstag in Kiew bei der Gedenkveranstaltung zum 75. Jahrestag des NS-Massenmordes von Babi Jar an den Juden der Stadt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel drückte dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko in einem Telefongespräch ihr Mitgefühl aus. "An diesem Tag sind wir bei ihnen", sagte Merkel dem Präsidialamt in Kiew zufolge. 

Poroschenko nannte den vom deutschen NS-Regime verübten Massenmord eine Tragödie der ganzen Menschheit. "Doch geschah sie auf ukrainischem Boden", sagte der Staatschef. Daher dürften die Ukrainer diese Gräueltaten nie vergessen. Das Tal ist Massengrab vieler Nationalitäten: Juden, Ukrainer, Russen und Roma. Vergleichbar sei der Ort nur mit Auschwitz. "1,5 Millionen Juden wurden in der Ukraine von den Nazis ermordet - von den Nazis", sagte das Staatsoberhaupt.

EU-Ratspräsident Donald Tusk mahnte, ohne den Syrienkonflikt ausdrücklich zu erwähnen: "Schweigen und Gebete sind nicht genug." Angesichts des Massengrabes Babi Jar sei es eine Pflicht einzugreifen, wenn Unschuldige angegriffen werden.

Gauck: "Immer wieder fassungslos und voller Trauer"

Während der deutschen Besatzung von September 1941 bis November 1943 wurden in der "Weiberschlucht" bis zu 200.000 Menschen erschossen. 

Gauck stellte gemeinsam mit Poroschenko und Tusk Kerzen an einem Denkmal für die Opfer von Babi Jar auf. Die deutschen Besatzungstruppen hatten in dem Tal am 29. und 30. September 1941 insgesamt 33.771 Juden ermordet. Der Ort liegt im heutigen Kiewer Stadtgebiet. Der Bundespräsident sagte, er sei "immer wieder fassungslos und voller Trauer angesichts der monströsen Verbrechen anderer Deutscher in einer anderen Zeit".

Gauck nannte die Schlucht von Babi Jar einen einzigartigen Schreckensort, an dem sich "der verbrecherische Charakter des rasseideologischen Vernichtungskrieges" der Nazis im Osten Europas offenbare. "Die Verheerungen, die er in der Ukraine hinterließ, waren beispiellos."

Der Bundespräsident bezeichnete den Prozess, sich der eigenen deutschen Schuld zu stellen und dem Versagen nicht auszuweichen, auch viele Jahre nach dem 2. Weltkrieg als nicht abgeschlossen und generationenübergreifend. "Im Bewusstsein dessen wenden wir uns immer wieder Opfern zu, die hilflos dem Unrecht, der Not und der Verfolgung ausgesetzt waren oder sind."

Angesicht der aktuellen Spannungen zwischen Russland, der Ukraine, Polen und anderen Staaten aus dem früheren sowjetischen Einflussbereich mahnte Gauck eine gemeinsame Erinnerungskultur an. "Unsere Verantwortung liegt darin, aus Zahlen im Tötungsplan des nationalsozialistischen Regimes wieder Menschen, Individuen zu machen." In dem Maße, in dem dies gelinge, werde auch ein dringend benötigtes gemeinsames Erinnern möglich sein, "weil die Geschichte, um die es geht, eine gemeinsame ist".

In Babi Jar seien Juden, Ukrainer, Russen und Polen von Deutschen getötet worden, sagte der Bundespräsident. Jene, die heute verstehen wollten, wie es dazu habe kommen können, dass Väter und Großväter zu Mördern oder Opfern geworden seien, seien heute aufeinander angewiesen. "Antworten auf unsere Fragen werden wir nur gemeinsam finden", mahnte Gauck. Er plädiere nicht für ein Verwischen von Verantwortlichkeiten, sondern für eine grenzübergreifende, gemeinsame Forschung, die den Versuchungen des Nationalismus widerstehe.

Kiews Stadtoberhaupt Vitali Klitschko hatte am Morgen gemeinsam mit Vertretern der Stadtverwaltung und Stadtratsabgeordneten Blumen am Denkmal für die Opfer niedergelegt. "Unsere Mission ist es alles zu tun, dass zum 80. Jahrestag der Tragödie eine Gedenkstätte für die Opfer errichtet wird." Viele Ukrainer wüssten davon nichts, sagte der Ex-Boxweltmeister dem Magazin "Fokus".

dpa

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