Eine Spurensuche

US-Wahl 2016: So wurde Donald Trump zu Donald Trump

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Links: Donald Trump bei einem Wahlkampfauftritt in Selma (North Carolina). Das Archibild zeigt Donald Trump (rechts) auf der Militärakademie.

New York - Donald Trumps Leben ist geprägt von Wettkampf und dem Willen, immer der Beste zu sein. Wie wurde er zu dem Mann, der er heute ist? Eine Spurensuche zur US-Wahl 2016.

Sandy McIntosh weht der Wind durch die Haare. Die Luft schmeckt nach Meerwasser, im Hintergrund rauscht der Ozean. Eine dunkle Sonnenbrille verdeckt seine schmalen, brauen Augen. Die kräftige Stimme redet gegen den pfeifenden Wind an. Sein stämmiger Körper hat keine Probleme, den stärkeren Böen standzuhalten.

„Da vorne.“ Sein Finger deutet auf einen Sandstrand des Atlantic Beach Clubs, der von Liegeplätzen umstellt ist. Cabanas. Im Sommer entspannen Familien hier in Long Beach, 46 Kilometer von Manhattan entfernt. Ein Treffpunkt für Privilegierte. Wie schon vor 60 Jahren. „Da vorne, dort hatte Donald sein Zelt aufgebaut. Wir saßen zusammen und er brachte mir das Kartenspielen bei.“ McIntosh, damals um die elf Jahre alt, hält inne: „Canasta.“ Er spricht von Donald Trump. Spielkarten, Backförmchen, Sandburgen. Normal für einen kleinen Buben.

Donald Trump: Als Teenager auf Militärschule abgeschoben

Ein Blick in Trumps Vergangenheit verrät mehr. Vom strengen Vater auf Erfolg getrimmt, als Teenager auf eine Militärschule abgeschoben. „Sei ein Killer, sei ein König“ bläute Fred Trump, ein New Yorker Immobilienunternehmer, ihm schon in frühen Jahren ein, erklärt Biograf Michael D’Antonio. Eine Spurensuche in der Kindheit zeigt, wie aus einem kleinen Jungen aus Queens ein Mann werden konnte, der sich nicht nur als König von New York sieht, sondern als Heiland für eine Weltmacht.

Ein kleines Haus in Oceanside, Long Island. McIntosh kramt in einem überfüllten Bücherregal. „Da ist es“, sagt er stolz und holt ein schwarzes Buch mit silberner Aufschrift heraus. Das Jahrbuch der New York Militärakademie von 1964. Ein Absolvent: Donald Trump. McIntosh war zwei Jahrgänge unter ihm. „Mein Vater schickte mich auf die Militärakademie. Er kannte Donalds Vater Fred aus dem Beach Club. Als wir uns am Strand trafen, war das kein Zufall. Fred stellte uns vor und er hielt es für eine gute Idee, dass Donald auf mich achtgeben sollte.“ McIntosh spricht mit souveräner Stimme, wählt seine Worte mit Bedacht und nimmt sich Pausen zum Überlegen.

Biografin über Donald Trump: „Das Verhalten einer dominierenden Persönlichkeit wurde ihm vorgelebt“

Er schlägt das Buch auf, blättert und findet schnell die richtige Seite. „Hier, da ist Donald.“ Ein blonder Bub mit verschmitztem Lächeln. „Er war immer nett zu mir. Vielleicht aber auch, weil Fred ihm den Auftrag dazu gegeben hatte. Er gehorchte seinem Vater aufs Wort.“ Trump Senior war streng und arbeitete hart. Nichtstun ein Fremdwort. Und wenn die Kinder Zeit mit ihm verbringen wollten, begleiteten sie ihn auf die Baustellen. Ehrgeiz und Disziplin: zwei seiner Maximen. Von seinen Kindern verlangte er auch, dass sie mit dem Zeitungaustragen ihr eigenes Geld verdienen. „Das Verhalten einer dominierenden Persönlichkeit wurde ihm vorgelebt“, beschreibt Biografin Gwenda Blair die frühe Phase in Trumps Leben. Der Gegenpol war die Mutter. Fred scheute das soziale Umfeld und hatte nur Arbeit im Kopf. Mary Trump hingegen pflegte viele Kontakte und schmiss den Haushalt. „Sie hat sehr viel Wert auf Theatralik und Dramatik gelegt“, betont D’Antonio. „Das hat Donald von seiner Mutter übernommen“. In ihm „verschmolzen die Eigenschaften der Eltern“, ergänzt Blair. „Unermüdlicher Wettkampf und das Genießen des Rampenlichtes.“

Als Donald Trump 1946 geboren wurde, lebte die Familie im noblen Viertel Jamaica Estates in Queens. 40 Minuten von Manhattan entfernt. Ohne Gehupe, Menschenmassen, Stadtmief. Stattdessen brummen hier Rasenmäher und es duftet nach frisch gemähtem Gras. Und das Haus der Trumps im Wareham Place 85-15 ist nur eines von vielen. Fünf Schlafzimmer, vier Bäder auf 230 Quadratmetern. Kein Vergleich zu Trumps 100 Millionen Apartment im Trump Tower. Das Haus steht aktuell zumVerkauf.EinkurzerDruck auf die Klingel, der Besitzer öffnet. Gegen eine Besichtigung hat er nichts einzuwenden. EinreichverzierterKamin aus dunklem Holz schmückt das Wohnzimmer. Über offene Bogengänge geht es ins Esszimmer und in die rustikale Küche. Bodenständig.

Eine Treppe führt vom Wohnzimmer aus in den ersten Stock. Sie knarzt. Sechs Stufen, rechts, zwei Stufen, rechts, vier weitere Stufen. Angekommen. Ein kleiner Flur, vier Zimmer gehen von ihm ab, eine weitere Treppe führt ins Dachgeschoss. Links gelangt man direkt in eines der Bäder. Quietschiges Pink, goldene Armaturen. Eine Nasszelle der Marke Barbie-Traumhaus. Hier putzte sich Donald Trump die Zähne, bevor er über den Flur in sein Zimmer huschte oder sich vor dem Zubettgehen noch einmal die Treppe hinunterstahl, um einen Keks zu stibitzen.

Mit vier Kindern wurde das Haus für die Familie bald zu klein. Vater Trump begann zu bauen. Nur eine Querstraße weiter. 23 Zimmer, die Fassade aus Backstein, der Hauseingang von sechs weißen Säulen getragen. Ein wenig wie das Weiße Haus in Washington. Die langgezogene Treppe, die sich zur schlichten, braunen Eingangstür schlängelt, hat etwas von einem roten Teppich. Es war für Fred das, was für Donald der Trump Tower ist. Ein Statussymbol. „Sie haben sich immer als sehr privilegiert angesehen, fast schon mit royalem Charakter“, sagt D’Antonio. Nur ein paar Blocks entfernt lebte Ann Rudovsky. Mit ihren Freunden spielte sie auf den Straßen der Nachbarschaft. Wenn Donalds Vater mit einem seiner Cadillacs vorbeifuhr, erkannten sie das Auto sofort. Fred hatte personalisierte Nummernschilder. FT1, FT2. Damals eine Seltenheit. „Die Kinder sahen wir aber nie draußen spielen. Sie lebten in ihrer eigenen, kleinen Welt. Und definitiv nicht in meiner.“ Trump sei aber kein Einzelgänger gewesen, betont Biografin Gwenda Blair. „Er hatte seine soziale Gruppe, war zu Partys eingeladen. Er war weder sonderlich beliebt, noch ein einsamer Wolf. Aber auch ein Angeber, der früh als taffer Junge angesehen werden wollte.“

Donald Trump: So war seine Schulzeit

Mit Schuluniform und in der Privatlimousine chauffiert fuhr Trump jeden Morgen zur Privatschule. Nur wenige Minuten vom Elternhaus entfernt. Die Kew-Forest-School liegt jedoch abseits der Blase, in der die Familie lebte. Mitten in Queens, an einer befahrenen Hauptstraße, wo sich Laster an Laster reiht und es nach Abgasen stinkt. Doch die 1918 eröffnete Schule gleicht einer Enklave für privilegierte Kinder. Für die Öffentlichkeit ist das Gebäude gesperrt. Das Erdgeschoss ist fensterlos. Ein Blick in die Klassenzimmer? Unmöglich.

Es dauerte nicht lange und in der Schule häuften sich Beschwerden über Trump. Er selbst berichtete einmal, dass er auf einen Musiklehrer losgegangen sei. D’Antonio ergänzt: „Die Lehrer riefen bei den Trumps an, da Donald oft störte, ungehorsam war und andere schikanierte“. Um den Sohn zu disziplinieren, schickte ihn Fred auf die New York Militärakademie. 90 Kilometer nördlich von New York. Mit 13 Jahren. Für den Biografen ein entscheidender Moment: „In der Theorie der narzisstischen Kränkung heißt es, dass ein starker Moment der Ablehnung dazu führen kann, dass eine narzisstische Person in ihrem Entwicklungsstand stehen bleibt. Und schauen wir uns das Verhalten von Donald Trump an, erkennen wir deutlich Verhaltensweisen eines 13-Jährigen. Die Ablehnung, die er damals erfahren hat, als sein Vater ihn zur Militärschule schickte, kann ein Auslöser gewesen sein.“ In seinem Buch Die Wahrheit über Donald Trump schreib der Biograf, Trump habe ihm mal gesagt, dass er sich seit der Grundschule vom Temperament her nicht verändert hat.

Das Umfeld an der Akademie war abweisend. „Gewinnen ist nicht alles, es ist das Einzige.“ Ein Satz des erfolgreichen Baseball-Trainers Vince Lombardi, der von einem Lehrer dort übernommen wurde. Solche Sprüche bekamen die Jungen eingeimpft. „Wir waren zu hundert Prozent motiviert und konzentriert. Um nicht zu versagen. Sie brachten uns bei, dass man immer vorne marschieren musste“, erklärt Ted Levine, Trumps zwischenzeitlicher Zimmergenosse an der Akademie.

Er ist schmächtig, der Händedruck aber stark und entschlossen. Der Gesichtsausdruck freundlich. In seinem Büro in New Jersey sitzt er hinter einem großen Schreibtisch. Darauf liegt auch ein Wahlkampfplakat von Trump. Die Holzwände sind gepflastert mit Urkunden und Fotos von ehemaligen Sportstars. Levine selbst war erfolgreicher Ringer. Er zeigt auf ein verblasstes Autogramm. „Pele.“ Er hebt stolz die Stimme. „Einer der Größten.“ Hinter ihm steht eine Trump-Puppe. Etwa 30 Zentimeter groß, schwarzer Anzug und die unverkennbare Helm-Frisur.

Levine nimmt sie in die Hand, drückt einmal, drückt zweimal. Die Puppe beginnt mit verzerrter Trump- Stimme zu sprechen: „Ich habe einige Fehler gemacht. Aber Du hast es wirklich versaut. Und mit Deinem Versagen konfrontiert, entschuldigst Du Dich mehrfach. Ich hasse Entschuldigungen. Du bist gefeuert.“ Die letzten Sätze flüstert Levine lächelnd mit.

Militärakademie-Kamerad: „Donald Trump war immer auf ein Ziel ausgerichtet“  

„Donald war intelligent und obsessiv ordentlich. Seine Handtücher faltete er, sodass sie bis auf den letzten Millimeter korrekt waren.“ Levine macht mit seinen Händen Gesten, als ob er ein Handtuch bearbeiten würde. Dann tut er so, als würde er das imaginäre Handtuch mit aller Kraft zusammenpressen. „Er war immer auf ein Ziel ausgerichtet“, sagt er bestimmend.

Das nutzte Trump vor allem im Sport. Baseball, Football, Basketball. Nur einige der Disziplinen. Zu D’Antonio sagte Trump einst: „Ich war immer der beste Spieler. Nicht nur im Baseball. In jedem Sport.“ Sandy McIntosh erinnert sich, wie er ihn nach einem erfolgreichen Spiel traf: „Er hatte den Siegpunkt erzielt. Das reichte ihm aber nicht. ‚Erinnere dich daran, ich habe den Ball aus dem Stadion geschlagen‘.“ Er imitiert, wie der jugendliche Trump mit dem Finger auf ihn gezeigt hatte. „Es gab gar kein Stadion, nur ein einfaches Feld. Das zeigte aber seine Art zu denken.“

McIntosh sitzt jetzt an seinem Esstisch. Vor ihm zwei CDs. Richard Wagner, Ouvertüren.

„Das war das letzte Treffen mit ihm“. 1964 machte Trump seinen Abschluss. McIntosh betont erneut, dass er immer nett zu ihm gewesen sei und dennoch habe er realisiert, dass Trump anders war. „Er machte den Eindruck, dass er keine Empathie für andere zeigen konnte. Oder wollte. Er hat zum Beispiel nie über Witze anderer gelacht. Nur über seine eigenen. Er verstand sich mit fast allen, aber wirkliche Freunde hatte er nicht. Niemandem, mit dem er intensive Gespräche hätte führen können. Statt Empathie steckte hinter seinem Handeln immer Strategie.“

Um endlich das zu werden, was der Vater so früh gefordert hatte. Ein König.

tz-Stichwort Donald Trump

Am 14. Juni 1946 wurde Donald John Trump in New York geboren. Er ist das vierte von fünf Kindern. Nach dem Studienabschluss im Jahr 1968 stieg er in die Immobilienfirma seines Vaters ein, die er 1971 auch als neuer CEO übernahm. Mit Immobiliengeschäften in Manhattan und später weltweit baute er ein Milliardenimperium auf. Es folgte die Reality- Show The Apprentice. Am 16. Juni 2015 gab er seine Präsidentschaftskandidatur bekannt.

Clinton oder Trump? So haben sich US-Stars entschieden

Dominik Laska

Donald Trump gegen Hillary Clinton: Das sagen aktuelle Umfragen zur US-Wahl. Die wichtigsten Fakten zur US-Wahl am Dienstag, 8. November 2016, haben wir bereits zusammengefasst. Und: Wir haben zusammengefasst, wie Sie das Finale der US-Wahl 2016 live im deutschen TV und im Live-Stream sehen können.

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