Die US-Wahl läuft

Clinton strahlt, Trump taucht erst später auf

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Schafft sie es? Hillary Clinton nach ihrer Stimmabgabe.

Washington - Tag der Entscheidung in den USA: Abgekämpft sind nicht nur die Kandidaten Clinton und Trump, sondern auch viele Wähler. Ein Sieger steht schon frühzeitig fest: Barack Obama.

Der wohl längste Wahlkampf der US-Geschichte war noch im Gange, da traf bereits das erste Ergebnis des Wahltages ein - hier geht‘s direkt zu unserem Live-Ticker. Vier Stimmen für Hillary Clinton, zwei für Donald Trump in der Mini-Gemeinde Dixville Notch in New Hampshire, die stets Mitternacht wählt: ein gutes Omen für die Demokratin?

Sie strahlte, lachte und winkte jedenfalls, als sie an ihrem Wohnort Chappaqua im Bundesstaat New York mit Ehemann Bill wählen ging. Schon um acht Uhr morgens, trotz einer kurzen Nacht mit gerade mal zwei Stunden Schlaf: Erst um 3.30 Uhr war ihr Wahlkampfflugzeug in New York gelandet.

Vielleicht schwang denn auch etwas Müdigkeit mit, als sie nach der Stimmabgabe keine Siegesparolen ausgab, sondern eher demütig über die immense Verantwortung sinnierte, die das Präsidentenamt mit sich bringen würde. „Ich werde das Beste geben, das ich kann, wenn ich das Glück habe, heute zu gewinnen“, versprach sie.

Trump ließ sich zunächst nicht blicken, sondern beschränkte sich auf einen Telefonanruf beim konservativen Fernsehsender Fox News: „Es läuft sehr gut für uns.“ Und wenn er nicht gewinnt? „Das würde ich nicht großartig finden. Es wäre eine Vergeudung von Zeit, Geld und Energie.“ Um 11 Uhr Ortszeit gab dann auch der Trump seine Stimme ab - in Begleitung seiner Ehefrau Melania.

Amerika geht wählen - die Bilder vom Wahltag

Mild und freundlich - so lautete die Wettervorhersage für weite Teile der USA an diesem Tag der Entscheidung. Also alles das, was der Wahlkampf nicht war. Tommy Burgess, ein Wähler in Sarasota in Florida, hat vor vier Jahren spät nachts eine Flasche Schampus geköpft, als fest stand, dass der demokratische Präsident Barack Obama wiedergewählt worden war. Diesmal hat er nichts kalt gestellt, wie er im Wahllokal berichtet. Er habe Hillary gewählt, aber widerwillig. „Ich bin mehr gegen Trump als für Clinton. Grund zum Feiern sehe ich nicht, auch wenn sie gewinnt. Ich bin nur froh, wenn es vorbei ist.“

Bis weit nach Mitternacht hatten der Republikaner und die Demokratin noch für sich getrommelt, Trump zuletzt in Michigan, Clinton in North Carolina, beides besonders heiß umkämpfte Staaten. Es war der Schlusspunkt einer wahren Wirbelwind-Tour der beiden Matadoren: Zu mehr als 20 Wahlkampfstopps jetteten sie in den letzten drei Wahlkampftagen, als gelte es, Vielflieger-Meilen zu sammeln.

Auf der Zielgeraden wurde noch einmal der Kontrast in den Botschaften der beiden Kandidaten klar. Clintons Schlussplädoyer an die Wähler war ein optimistischer, sonniger Ausblick auf die nächsten Jahre. „Morgen könnt ihr für ein hoffnungsvolles, geeintes Amerika mit großem Herzen stimmen“, sagte sie etwa in Pennsylvania. Und: „Wir müssen dieses Land heilen.“

Trump greift  „betrügerischen Medien“ an

Trump griff dagegen erneut die „betrügerischen Medien“ an, das „korrupte Washingtoner Establishment“ mit Hillary Clinton an der Spitze, die „schon am ersten Tag im Amt das Land verkaufen würde, wenn es ihr nützt“. Jetzt hätten die Wähler die Gelegenheit, an der Urne „Gerechtigkeit zu üben“, erklärte der Multimilliardär in North Carolina.

Mehr als 40 Millionen Frühwähler hatten das schon vor dem 8. November getan - wenn auch natürlich noch unklar war, ob ihr Urteil mit dem Stimmzettel in Trumps Sinne ausfiel. Und auch am Wahltag selber bildeten sich an vielen Orten schon vor der Öffnung der Wahllokale lange Schlangen, so in Raleigh (North Carolina): Da reihten sich die ersten schon kurz vor fünf Uhr morgens auf.

Aber spiegelt das Wahlbegeisterung wider? Wähler in Sarasota beschrieben ihre Stimmung wohl stellvertretend für viele andere: Sie fühlten sich irgendwie abgekämpft. Und sie erwarteten nicht, dass die Hässlichkeit, Schrillheit und Wut des Wahlkampfes am Morgen nach der Wahl einer Art Aufbruchstimmung weicht, man irgendwie doch zusammenrückt, wie das sonst meistens ist - egal, wer gewonnen hat. „Es ist, als ob man einen Kater hat, ohne eine tolle Party erlebt zu haben“, beschreibt es die Wählerin Caroline Pickett.

Die andauernde Anspannung spiegelte sich auch in größeren Sicherheitsvorkehrungen, als es das Land bisher bei Wahlen erlebt hat. Vor allem in New York, wo Trump und Clinton am Abend nur 20 Straßenblöcke voneinander feiern wollten - oder eben Wunden lecken.

Heere von Rechtsanwälten verdienen

Und ganze Heere von Rechtsanwälten wurden am Dienstag noch wohlhabender: Beide Parteien und unabhängige Wahlrechtsgruppen hatten sie in strategisch besonders wichtige Wahllokale in den am heißesten umkämpften Staaten entsandt. Allein eine Organisation namens Election Protection (Wahlschutz) bot 4500 juristisch versierte Wahlbeobachter auf, und die von einem Trump-Berater betriebene Gruppe „Stop the Steal“ (Stoppt den (Stimmen)diebstahl) rekrutierte mehr als 3000 Anhänger, die schon morgens vor Wahllokalen Posten bezogen.

Auch Präsident Barack Obama war früh auf den Beinen. Nach seinem Morgenkaffee ging er erst mal in die Turnhalle des Weißen Hauses, um ein paar Körbe zu werfen. Auch für ihn ging es am Dienstag um viel - darum, was aus seinem politischen Erbe wird, das er hinterlässt. Am Vorabend der Wahl hatte er seinen 17. Wahlkampfauftritt für Clinton absolviert - mit etwas Wehmut, wie er gestand: Denn ab Mittwoch ist er wirklich ein auslaufendes Modell, richten sich alle Blick auf den Übergang.

Aber musste Hillary noch zittern, hatte Obama selber einen persönlichen Sieg in der Tasche. Bei seinem Schlussauftritt in Philadelphia wurde er noch einmal wie ein Rockstar gefeiert - ein Grad der Begeisterung, von dem Hillary bisher nur träumen kann.

dpa

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