“Dieser Mann ähnelt monarchischen Hasardeuren“

So bewerten deutsche Kommentatoren den Trump-Sieg

Washington - Mit ernstem Ton kommentieren Journalisten weltweit den Ausgang der US-Wahl 2016. Das Ergebnis mit Donald Trump als neuem Präsidenten polarisiert. So bewerten Kommentatoren deutscher Tageszeitungen den Trump-Sieg

Süddeutsche Zeitung

Kurt Kister, einer der Chefredakteure der Süddeutschen Zeitung titelt bei seinem Kommentar zur US-Wahl 2016 „Trump, ein Elend“. DiePledge of Allegiance, der Treueschwur und das Glaubensbekenntnis zu Fahne und Land, das in amerikanischen Schulen morgens gesprochen wird, sollte unbenannt werden. Darin heißt es, dass „eine Nation unter Gott, unteilbar“ ist. Dies stimme nach Kister in den USA nicht mehr. „Die Vereinigten Staaten sind in zwei Hälften gespalten, die wiederum aus vielen Gruppen und Schichten bestehen, von denen sich manche für ,das`Volk halten und gerne auch Gott für sich allein beanspruchen. In der Person Trumps ist der große Spalter zum Präsidenten gewählt worden.“ Kister bezeichnet Trump als einen Nationalisten, „der sich als Patriot ausgibt“. Dieser Patriotismus habe jedoch „rassistische Züge, wie sich nicht nur an seinen Bemerkungen zum Beispiel über Amerikaner mexikanischer Abstammung belegen lässt.“

Die Zeit

Bernd Ulrich, stellvertretender Chefredakteur und Leiter des Politikressorts von Die Zeit, schreibt in seinem Kommentar, Donald Trump sei ein „gefährlicher Mann“ und ein „Mann der Affekte“. Mit der Wahl Donald Trumps endet das „amerikanische Jahrhundert“, welches am 6. April 1917 „mit dem Eintritt der USA in den großen europäischen Krieg“ begonnen hatte. „Dieser Mann ähnelt mehr den monarchischen Hasardeuren und faschistischen Führern, die den alten Kontinent mehrfach ins Unglück geführt haben, als allen seinen modernen Vorgängern im Weißen Haus“, heißt es in dem Kommentar. Barack Obama war ein Freund. „Donald Trump ist kein Freund“, schreibt Ulrich. „Gewiss nicht von Deutschland und seiner Kanzlerin. Angela Merkel „verkörpert von allem das Gegenteil eines Donald Trump“(...) „Sie und er werden von Stund’ an die Antipoden der westlichen Welt sein. Wenn es den Westen dann überhaupt noch gibt.“ 

Frankfurter Allgemeine Zeitung

Berthold Kohler, Kolumnist und Mit-Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) titelt bei seinem Kommentar mit den Worten „Amerikas Abwendung von der Welt“. Die „Mehrheit der Amerikaner scherte sich nicht um die Warnungen aus Europa und die Empfehlungen aus Hollywood“ und wählten den umstrittenen Kandidaten Donald Trump. Damit haben sie nach Kohler „ganze Hauptstädte in den Schockzustand“ versetzt. Trump hatte „Wirres und Widersprüchliches von sich gegeben“. Dies habe jedoch eine Gemeinsamkeit: „die Rückbesinnung Amerikas auf sich selbst und den Rückzug aus den komplizierten Agenden der Weltpolitik, ob die Sicherheit, das Klima oder den Freihandel betreffend.“ Zuspruch erhielt Trump von einer „wachsenden Schicht“, die sich als „Verlierer der Globalisierung sieht“. 

Die Welt

Journalist Thomas Schmid schreibt in Die Welt, dass „mit dieser amerikanischen Präsidentschaftswahl zwar keine Zeitwende eingeleitet ist, wohl aber etwas Neues beginnt, das in sieben Nachkriegsjahrzehnten nicht vorstellbar war“. Die Welt könnte unter Donald Trump eine andere werden. „Alle demokratischen Staaten der Welt werden auf der Hut sein müssen.“ Dennoch sollte sich Europa nicht von Amerika abwenden. „Denn obwohl wir heute schärfer als je zuvor ein hässliches Amerika erkennen, gehören Europa und Amerika zusammen.“ Es wäre ratsam, „für alle Eventualitäten, die in keinem transatlantischen Fahrplan vorgesehen waren“ gerüstet zu sein. „Und dennoch: Vielleicht ist Amerika noch nicht verloren“. Donald Trump hätte die Gelegenheit „sein großmäuliges Scheinprogramm herunter zu dimmen und realistische, bescheidene Perspektiven für ein besseres und nicht mehr gespaltenes Amerika zu entwickeln.“ Nimmt er diese Chance wahr, könnte er nach Schmid „ein großer Präsident werden“. Viel spräche zwar nicht für diese Wendung. „Vielleicht aber ist der Neupolitiker Donald Trump klug genug, den Großkotz in sich an die Leine zu legen.“

Frankfurter Rundschau

„Der Trumpismus hat gesiegt“, schreibt Damir Fras, US-Korrespondent von der Frankfurter Rundschau. Nach dem Kommentar des Autors ist „der schlimmste aller denkbaren Fälle eingetreten“. Trump habe sich im Laufe seines Wahlkampfes eine „eigene Realität“ geschaffen, „in der sich Inhaltsleere, Hetze, Verschwörungstheorien und Fremdenfeindlichkeit breit gemacht haben“. Die Politik die Trump verfolgen wird, lässt sich nach Fras „schwer bis unmöglich“ voraussagen. Er habe keinen Plan, „er redet nur andauernd von Plänen“. Weltweit könnte der Sieg Trumps “Nachahme-Effekte“ haben. „Es braucht nicht viel Fantasie, um sich die Feierstimmung vorzustellen, in der sich AfD, Front National und andere Gruppierungen dieses weltanschaulichen Zuschnitts jetzt befinden.“ Man sollte „das alles mit Vorbehalt sehen“, betont Fras. „Vielleicht kommt es auch anders. Vielleicht kommt auch nicht alles zur selben Zeit. Aber darauf gibt es nach dem Wahlsieg Trumps keine belastbaren Hinweise. Die Welt, wie wir sie kennen, hat sich über Nacht verändert.“

Münchner Merkur

Hier lesen Sie den Kommentar zur US-Wahl 2016 von Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis.

Trumps Sieg in Bildern: Die Fotos aus der US-Wahlnacht

Rubriklistenbild: © dpa

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