US-Wahlnacht und die möglichen Folgen

„Es erschüttert die Welt“: Die Pressestimmen zu Trumps Sieg

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Ein Mann und ein Fahnenmeer hinter ihm: Wahlsieger Donald Trump.

München - Mit Skepsis und Sorge analysieren internationale Zeitungen den Wahlausgang in den USA. Viele Kommentatoren sehen Hillary Clinton mitverantwortlich für den Wahlsieg des umstrittenen Republikaners.

Die Londoner „Financial Times“ analysiert:

Donald Trumps erstaunlicher Sieg stellt die Weichen für eine Reihe von radikalen politischen Wenden - im Inland wie im Ausland. Unter Trump als Präsident könnten einige der für Barack Obama charakteristischen Errungenschaften versenkt werden, darunter (die Krankenversicherung) Obamacare, die Umweltpolitik und das Atomabkommen mit dem Iran. Die Hoffnungen der Demokraten, den Obersten Gerichtshof für die nächste Generation nach ihren Vorstellungen formen zu können, dürften zunichtegemacht werden. Ein viel stärker konservativer Gerichtshof ist nun wahrscheinlich.

Auch die Außenpolitik könnte sich dramatisch verändern. Allerdings verweisen viele Analysten darauf, dass es große Unterschiede zwischen Wahlkampfversprechen und offizieller Politik geben kann - Neuverhandlungen von Handelsabkommen sind zum Beispiel manchmal weniger substanziell als vorher angekündigt. Und Bekenntnisse zu außenpolitischen Themen - wie etwa zur Verlegung der US-Botschaft in Israel (von Tel Aviv) nach Jerusalem - werden manchmal einfach vom Tisch gewischt.“

Die Londoner Zeitung „The Guardian“:

„Wer hat Schuld? Diese Liste ist so lang. Sie reicht von der Republikanischen Partei zu den Medien, zu den Meinungsforschern und Datenfreaks, die so falsch lagen, zu Clintons Wahlkampfteam, das demokratische Hochburgen für selbstverständlich hielt, bis zu Clinton selbst, die trotz all ihrer Stärken eine Kandidatin mit Makeln war. Man könnte sie alle verurteilen, aber wen kümmert das schon an einem solchen Tag? Das mächtigste Land der Welt wird künftig von seinem gefährlichsten Führer gelenkt werden. (...) Der Präsident, der zu Kriegszeiten das Amt innehatte, das Trump im Januar antreten wird, sagte einst den Amerikanern: „Das Einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst.“ Das stimmt heute so nicht. Amerika und der Rest von uns haben viel zu fürchten - allen voran den Mann, der jetzt an der Spitze der Welt steht.“ 

Die linksliberale französische „Libération“:

„Schock. Donnerschlag. Und ein Schwindelgefühl angesichts der Idee, dass Donald Trump in kaum zweieinhalb Monaten seine Koffer im Weißen Haus abstellt. (...) Mit einem außergewöhnlichen politischen Gespür begabt, hat Donald Trump, ein ebenso visionäres wie unheilvolles Genie, mehr als irgendjemand sonst den Verdruss eines Teils Amerikas und dessen Abscheu auf Washington und die Eliten erfasst, die den Hoffnungen von Hillary Clinton eine kalte Dusche verpasst haben.“

Die Schweizer Zeitung „Blick“:

„Mit Donald Trump ist genau der Mann Präsident geworden, vor dem die Väter der amerikanischen Verfassung immer Angst hatten: der hemmungslose Populist ohne Sinn für Ausgleich und Bürgertugenden. (...) Jetzt aber hat Trump nicht nur das mächtigste Amt der Welt zur Verfügung, er hat an seiner Seite auch eine republikanische Parlamentsmehrheit samt einer konservativen Hälfte des Obersten Gerichts, die seit Jahren beweist, dass Parteilichkeit ihr weit wichtiger ist als die Interessen des Landes. Trump wird zunächst im Gericht eine rechte Mehrheit einrichten und danach freie Hand haben für ein Programm, das selbst Konservative für gefährlich halten.“

Trumps Sieg in Bildern: Die Fotos aus der US-Wahlnacht

„Die Presse“ aus Wien:

„Diese Wahl war ein krachendes Votum gegen die herrschende Elite in Washington und gegen die politische Korrektheit. Die Ablehnung gegen „die da oben“ wog schwerer als die Abscheu gegen die geschmacklosen Rundumschläge Trumps. (...) Ein Schlüssel zu seinem Erfolg lag in seiner einfachen und oft auch ordinären Sprache, die einige zutiefst anwiderte, aber offenbar mindestens ebenso viele anzog, vor allem die ältere weiße Mittel- und Unterschicht. Trump verwendete keine typischen Politiker-Floskeln, sondern bediente enthemmt Ressentiments.

Seine Gegnerin, die vermeintliche Favoritin Hillary Clinton, verkörperte hingegen das verhasste Establishment. Am Ende war diese Wahl auch ein Referendum gegen sie. Das ist tragisch. Denn die US-Demokratin hätte zweifellos die Erfahrung und nötigen Fähigkeiten für das höchste Amt im Staat mitgebracht. Sie scheiterte in dieser aufgewühlten Stimmung letztlich paradoxerweise an ihrer kalten Professionalität.“

Die konservative französische Zeitung "Le Figaro":

"Der Schock ist groß, der Schaden ist gewaltig. Die Vereinigten Staaten sind zutiefst gespalten. Der neue Präsident muss zuallererst versuchen, das Land wieder zu vereinen. (...) In diesem Wahlkampf hat sich ein anderes Amerika gezeigt. Vor allem die demokratischen Eliten Europas sind ernüchtert. Sie haben sich zuerst über das vermeintlich Undenkbare lustig gemacht, nun sind sie entsetzt. Der Brexit und der Aufstieg systemfeindlicher Parteien auf dem Alten Kontinent waren für sie bereits ein schlechtes Vorzeichen. Die neue Realität wird sich aber nicht wie Pulverdampf nach einer Schlacht auflösen. Weder auf der einen Seite des Atlantiks noch auf der anderen."

Die französische Zeitung „Le Monde“ (online):

„Mit einer Wahl hat sich am Dienstag, dem 8. November, der Blick Washingtons auf die Welt und jener der Welt auf die Vereinigten Staaten dramatisch verändert. Das Erdbeben beschränkt sich nicht allein auf die demokratische Beispielhaftigkeit, auf die Washington - nicht ohne eine gewisse Arroganz - Anspruch erhob. Die Nachfolge im Weißen Haus kann nicht mit anderen Machtwechseln zwischen den zwei großen amerikanischen Parteien verglichen werden, die sich oft hinter den gleichen Zielen versammeln, wenn die Interessen das Landes auf dem Spiel stehen. Mit Donald Trump beginnt die Zeit des Unbekannten.“

Die italienische „La Stampa“ (online):

„Das Volk des Aufstandes erobert Amerika und wählt Donald Trump, es erschüttert die Welt. In knapp elf Monaten hat der weiße Mittelstand, gegeißelt von der Wirtschaftskrise und sozialen Missständen, in dem Tycoon einen Verteidiger gefunden, der (...) die Demokraten von Hillary Clinton geschlagen und das Establishment in Washington gedemütigt hat. Er hat den ganzen Planeten überrascht.

Es ist ein Hurrikan der Unzufriedenheit, der aus dem Bauch der Nation schlägt und der seine Hochburg in den Midwest-Staaten hat, die Barack Obama einst erobert hatte und die nun die Farbe gewechselt haben. Weil Millionen verarmte Familien ohne Hoffnung auf Wohlstand und Zufriedenheit sich entschieden haben, aus Washington die Dynastien der letzten 30 Jahre zu vertreiben: die Bushs und die Clintons.“

Die liberale slowakische Zeitung „Sme“ (online):

„Trump als Präsident, der Brexit als Realität, ein Referendum gegen die Versöhnung in Kolumbien und Neonazis im slowakischen Parlament. Das ist das Ende der Welt, wie wir sie bisher kannten. Die Geschichte, die wir in den letzten Jahrzehnten lebten, ist zu Ende: Eine Geschichte, die zumindest vortäuschte, dass die Menschen qualifizierte Regierungen wollen und deshalb auch bereit sind, Entscheidungen zu treffen, die zunächst schmerzhaft und unangenehm sein können, aber im Endeffekt klug sind. Oder sagen wir es noch einfacher: Es geht die große Geschichte zu Ende, in der banale menschliche Anständigkeit und das gewöhnliche Gute noch irgendeine Rolle spielten.“

dpa/AFP

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