Wie und wann sich Bürger für einen Kandidaten entscheiden

Wer wählt Merkel? Und warum?

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Angela Merkel wird sich 2017 zum vierten Mal als Bundeskanzlerin zur Wahl stellen.

München - Was beeinflusst die Wahlentscheidung der Bürger? Wer wählt Merkel? Wer lehnt sie ab? Wer gibt seine Stimme der AfD? Die tz sprach mit dem Wahlforscher Prof. Manfred Güllner.

Wer gedacht hatte, dass nach Angela Merkels Entscheidung, noch einmal als Kanzlerkandidatin anzutreten, Ruhe in der Union einkehren würde, sieht sich getäuscht. In der CSU gibt es weiterhin Vorbehalte. Ex-Innenminister Hans-Peter Friedrich sagte: „Wir akzeptieren das, aber Euphorie kommt deswegen nicht auf!“ Ähnlich nüchtern äußerte sich Bayerns Finanzminister Markus Söder. Echter Rückhalt sieht anders aus. Unterdessen nimmt der Druck auf die SPD zu, möglichst bald ihren Kandidaten zu nennen. Doch noch hält die Partei daran fest, diese Frage erst bei der Klausurtagung der Parteispitze Ende Januar zu beantworten. Nehmen Wähler diese Details überhaupt wahr? Was beeinflusst ihre Wahlentscheidung? Wer wählt Merkel? Wer lehnt sie ab? Wer gibt seine Stimme der AfD? Die tz sprach mit dem Wahlforscher Prof. Manfred Güllner, Gründer des Meinungsforschungsinstituts Forsa, das bei der Bundestagswahl 2013 die Ergebnisse am präzisesten voraussagte.

Angela Merkel will noch einmal Kanzlerin werden. Hat sie ihre Kandidatur zum richtigen Zeitpunkt angekündigt?

Manfred Güllner: Der Zeitpunkt wird von Politik und den Medien überschätzt. Im Fall von Merkel war es jetzt trotzdem wichtig, dass es Klarheit gibt – und dass Seehofer nicht mehr querschießen kann.

Wie steht Merkel für Wähler da?

Güllner: Nicht so schlecht, wie’s häufig dargestellt wird. Viele vertrauen ihr noch.

Ihre Beliebtheitswerte haben eine Achterbahnfahrt hinter sich...

Güllner: Sie hatte eine Sympathiedelle nach der Flüchtlingsfrage im September 2015. Aber wenn man sich das genauer anguckt, ist das darauf zurückzuführen, dass die AfD-Anhänger, die ja nicht von vornherein gegen Merkel waren, sie plötzlich hassen.

Wie sieht das bei den CDU- und CSU-Anhängern aus?

Güllner: Früher lag ihr Rückhalt bei beiden zwischen 85 und 90 Prozent ... Nach Seehofers Attacken ist das anders. Bei CSU-Anhängern ist der Rückhalt deutlich zurückgegangen, teilweise war er sogar niedriger als bei Anhängern der Grünen. Bei den CDU-Anhängern ist ihr Rückhalt aber immer gleich groß geblieben.

Trotz der Flüchtlingsfrage?

Güllner: Es gibt Anhänger, die sie da kritisch sehen, aber die fallen deshalb nicht automatisch von ihr ab. Es ist ja nicht so, dass Anhänger mit ihrer Parteispitze zu 100 Prozent übereinstimmen. Konrad Adenauer hat 1957 zum einzigen Mal für eine Partei die absolute Mehrheit gewonnen, obwohl er die Wiederaufrüstung durchgesetzt hat, die damals zwei Drittel der Bürger nicht wollten. Aber sonst fand man ihn gut. Merkels Sympathiewerte waren 2011 nach der abrupten Energiewende schlechter als heute – und 2013 hat sie einen fulminanten Wahlsieg hingelegt.

Wie wichtig ist für Wähler, dass eine Partei geschlossen auftritt?

Güllner: Kontroverse Diskussionen werden akzeptiert. Aber sie müssen nachvollziehbar sein. Das, was Seehofer gemacht hat, ist für viele nicht nachvollziehbar. Das hat der Union schwer geschadet.

Wie ist das passiert?

Güllner: Zum Beispiel durch die Demütigung Merkels auf dem Parteitag 2015. So etwas wird nicht toleriert. Auch nicht von CSU-Anhängern. Die CSU hat ja in Umfragen keine absolute Mehrheit mehr in Bayern.

Was schätzt der Merkel-Wähler an der Kanzlerin?

Güllner: Ihre unprätentiöse Art, dass sie auch sagt – so wie auch am Sonntag – sie brauche lange, bis sie sich entscheidet. Das wird in Krisenzeiten für richtig befunden. Und das belegen auch die Zahlen. Wenn die Union bei Wahlen bei 35 Prozent liegt, sind das bei einer Wahlbeteiligung von 70 Prozent nur rund 25 Prozent auf die Wahlberechtigtenumgerechnet. Merkel hat bei der Frage nach der Kanzlerpräferenz eine Zustimmung, die doppelt so hoch ist!

Heißt das, Merkel ist für die Union eine Erfolgsgarantin?

Güllner: Nein, natürlich nicht. Wenn Herr Seehofer weiter Amok läuft, dann wird es schwierig. Und wenn FDP und AfD in den Bundestag einziehen, womit ja zu rechnen ist, dann braucht man, weil sich die Mandatsverteilung ändert, ein viel höheres Gesamtvolumen, um überhaupt regieren zu können.

Gibt es den typischen Angela-Merkel-Wähler?

Güllner: Was wir feststellen können, ist, dass sie immer noch einen gewissen Frauenbonus hat, das liegt auch daran, dass die AfD umgekehrt eher eine Männerpartei ist. Merkel erreicht alle Bevölkerungskreise – bis auf die Arbeiter. Die haben aber auch gegen Gabriel Vorbehalte.

Wie groß ist die Zahl der Wähler, die sich erst kurzfristig vor einer Wahl entscheidet?

Güllner: Da gibt’s ja Märchen, auch eins, das von der ARD gestreut wird. Bei der Europawahl sollen’s gleich 40 Prozent gewesen sein. Das ist völliger Blödsinn. Bei einer Europawahl gehen die Treuesten der Treuen wählen. Wir haben die Umfragezahlen von Anfang der letzten Wahljahre seit 1994 mit dem Wahlergebnis verglichen und festgestellt, dass die Abweichungen bei den großen Parteien nur minimal waren. Die Wahlentscheidung steht also im Prinzip lange fest.

Früher hieß es, eine hohe Wahlbeteiligung nützt den Voksparteien. Hat sich das seit dem Auftreten der AfD verändert?

Güllner: Bei der AfD muss man genau hinsehen. Es gibt schon immer ein latent rechtsradikales Potenzial, das aber nicht immer rechtsradikale Parteien wählt. Wer aus dem Segment der Mitte kommt, der wählt nicht die NPD. Die AfD, die auch Professoren in Anzügen hat, wie es Herr Lucke in der Anfangsphase war oder Herr Meuthen, scheint dagegen wählbar. Diese Wähler haben ihr Kreuzchen bisher bei anderen Parteien gemacht oder waren Nichtwähler. Der andere Typ, dass sind Rechtsradikale, die das gesamte demokratische Prinzip ablehnen.

Wie groß ist dieses Potenzial?

Güllner: Aus meiner Sicht ist es sehr begrenzt und wächst auch nicht. Es liegt bei 12 bis 13 Prozent. Aber wenn nur 50 Prozent zur Wahl gehen und diese Gruppe mobilisiert werden kann, dann sind das – wie in Sachsen-Anhalt – 24 Prozent. Deshalb ist eine hohe Wahlbeteiligung auf jeden Fall wünschenswert, denn dadurch relativiert sich der Anteil wieder.

Zuletzt lagen die Wahlprognosen öfter daneben, warum?

Güllner: Schwierigkeiten mit Prognosen gibt es immer dann, wenn Leute zum Beispiel sagen, sie wählen Partei B, dann aber überdurchschnittliche viele Wähler dieser Partei gar nicht zur Abstimmung gehen. Der zweite Punkt ist, und dabei geht’s jetzt um die AfD, dass ein Teil des rechtsradikalen Potenzials sich nicht mehr befragen lässt – weil sie die Wahlforschung für einen Teil des bösen Establishments hält. Aber da wird sich die Einschätzung verbessern, weil wir ja irgendwann auch bei der AfD Erfahrungen dazugewonnen haben – es sei denn, die Partei verschwindet wieder. Wie das ja mit bisherigen rechtsradikalen Parteien schon geschehen ist.

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