Sein Gespür für Russland

Scharnagl im tz-Interview: "Putin müsste wichtiger Gast in Elmau sein"

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Journalist und Autor Wilfried Scharnagl.

München - Agiert der Westen in der Ukraine-Krise richtig? CSU-Urgestein Wilfried Scharnagl (76) meint: Nein! Er plädiert für einen anderen Umgang mit Russland. Die tz hat ihn zum Interview getroffen.

Mit den Protesten auf dem Maidan im November 2013 bahnte sich der neue Konflikt zwischen dem Westen und Russland an – zuvor hatte sich der damalige Regierungschef der Ukraine, Viktor Janukowitsch, gegen ein EU-Assoziierungsabkommen entschieden. Zu groß war der Druck Russlands geworden. Eineinhalb Jahre später sind die Fronten verhärtet: Russland hat völkerrechtswidrig die Krim annektiert und hilft mehr oder weniger offen im Kampf der prorussischen Separatisten in der Ostukraine. EU und USA verhängten Sanktionen, die Nato gründete eine superschnelle Eingreiftruppe, der Friedensplan Minsk II ist brüchig. Agiert der Westen in der Krise richtig? CSU-Urgestein Wilfried Scharnagl (76) meint: Nein! Er plädiert für einen anderen Umgang mit Russland.

Herr Scharnagl, was hat Sie bewegt, eine „Streitschrift für einen anderen Umgang mit Russland“ zu verfassen?

Wilfried Scharnagl: Es betrübt mich zutiefst, was aus den deutsch-russischen und europäisch-russischen Beziehungen geworden ist. Meine Urerinnerung an große Hoffnungen auf eine ganz andere Entwicklung geht auf das Jahr 1987 zurück, es war noch die alte politische Welt. Damals war ich mit Franz Josef Strauß auf einer denkwürdigen Reise in Moskau. Zwei große politische Köpfe, Gorbatschow und Strauß, haben damals darüber geredet, was friedliche und gute Beziehungen zwischen Deutschland und Russland für die beiden Völker bedeuten und wie sehr die politische Zukunft davon abhängt. Strauß hat in seiner bilderreichen Sprache davon geredet, dass eines Tages der bayerische Löwe und der russische Bär friedlich zusammen auf einer Wiese äsen – das ist mir ein unvergessener Eindruck geblieben.

Die negative Entwicklung liegt ja wohl nicht nur am Umgang des Westens mit Russland? 

Wilfried Scharnagl: Ich spreche die Russen nicht frei; Schuld ist auf allen Seiten. Aber ich bin gegen die Einseitigkeit der geschichtlichen Betrachtung. Die Last uns Schuld wurde seit 1989, als sich die Welt geändert hat, zu sehr auf die andere Seite geschoben. Die Chance, eine friedliche, großartige Ordnung mit Russland zusammen zu bauen, verstrich ungenutzt – dafür sind vor allem die USA verantwortlich. Die Nato machte weiter, als wäre der Warschauer Pakt nicht verschwunden.

Wäre die östliche Seite des früheren Ost-West-Konfliktes denn zu einer gemeinsamen Ordnung wirklich bereit gewesen?

Wilfried Scharnagl: Es sind ja die persönlichen Erinnerungen, die die Menschen bewegen. Ich war am 30. August 1994 dabei, als im Treptower Park die letzten russischen Soldaten abmarschiert sind. Tausende von ihnen sangen ein Lied, das ein russischer Obrist für diesen Anlass komponiert hatte. In deutscher Sprache sangen sie von der Freundschaft mit Deutschland, die bleiben werde für alle Zeit. Wenn ich heute die Enttäuschung Gorbatschows sehe und höre, wie dieser Mann des Friedens – der übrigens ein sehr nobles und persönliches Vorwort zu meinem Buch geschrieben hat – sich jetzt äußert, macht mich das traurig.

Die dramatische Entwicklung der letzten beiden Jahre ist die russische Antwort auf ein unsensibles Vorgehen des Westens?

Wilfried Scharnagl: Man muss versuchen, sich in den Partner reinzudenken, in die Geschichte und Befindlichkeit des anderen Volkes. Man hätte überlegen sollen: Können wir den Russen zumuten, dass über eine Aufnahme der Ukraine und der Krim in die Nato diskutiert wird? Die Krim ist ein Herzstück russischer Geschichte, russischen Denkens, russischer Politik – im Krimkrieg sind 1856 Hunderttausende Russen zu Tode gekommen! Kein russischer Führer, kein russischer Zar, kein Präsident und kein russisches Volk hätte einer Entwicklung auf der Krim tatenlos zusehen können, bei der am Ende ein amerikanischer Nato-General dort sitzt. Alle regen sich jetzt auf über die völkerrechtswidrige Annexion der Krim durch Russland. Kein Mensch verliert ein Wort darüber, dass 1954 der damals alleinige Diktator der Sowjetunion Chruschtschow in einer persönlichen Reaktion die Krim an die Ukraine verschenkt hat.

Welches Verhalten des Westens würden Sie sich wünschen?

Wilfried Scharnagl: Gerade jetzt, in einer Zeit der Spannung, müsste man das Dreifache an Zeit mit Putin verbringen. Stattdessen wurde er von der G7 vor die Türe gesetzt. Der Mann müsste ein ganz wichtiger Gast beim Gipfel in Elmau sein, um die Schwierigkeiten zu überwinden, um zu einer neuen Ordnung zu kommen! Helmut Kohl hat es als einen der größten Erfolge der deutschen Politik betrachtet. dass wir es geschafft haben, die Russen beim G8 dabeizuhaben. Immerhin ist es bemerkenswert, dass Bundeskanzlerin Merkel sich wie kein anderer westlicher Politiker bemüht. mit Putin Kontakt zu halten. Sie wehrt sich auch gegen das massive amerikanische Drängen auf Waffenlieferungen in das ukrainische Krisengebiet. Es darf nicht sein, dass wir von einer politischen Stimmung aus Amerika getrieben werden. Gari Gasparow darf im US-Senat Sprüche über „das Krebsgeschwür Putin“ loslassen! Mit dieser Sprache kommen wir nicht weiter. Wir müssen zu einem anderen Denken kommen und verbal abrüsten.

Sehen Sie dafür Ansätze?

Wilfried Scharnagl: Stimmen dafür gibt es ja. Es muss einem doch zu denken geben, wenn ehemalige Bundeskanzler – ob Schmidt, ob Schröder, ob Kohl – sich hierzu mahnend geäußert haben. Und denken Sie an die 60 Leute aus allen Parteien und Bereichen, die sich im vorigen Jahr mit einem dramatischen Appell zu Wort gemeldet haben!

Muss man sich an der Person Wladimir Putin so aufarbeiten? 

Wilfried Scharnagl: Putin ist in Russland völlig unumstritten, und westliche Maßnahmen wie die Sanktionen stärken ihn eher noch.

Was halten Sie von den Sanktionen? 

Wilfried Scharnagl: Sie schaden allen und nützen niemandem. Russland wird nun selbst mehr Landwirtschaft betreiben und es wird sich nach China und Lateinamerika orientieren. Wer am Ende etwas dümmlich aus der Wäsche schauen wird, sind die Europäer im Allgemeinen und die Deutschen im Besonderen. Der Präsident der Stiftung Familienunternehmen, Brun-Hagen Hennerkes, weist auf die Brüche hin, die durch die Sanktionen gerade in den Unternehmen seiner Organisation im Vertrauensverhältnis zu ihren russischen Partnern entstanden sind. Da muss so bald wie möglich eine Umkehr stattfinden.

Wilfried Scharnagl

Journalist und Autor Wilfried Scharnagl (76) war Weggefährte von Franz Josef Strauß. Scharnagls Buch Am Abgrund, Streitschrift für einen anderen Umgang mit Russland (Keyser Verlag, 19,90 €) wurde gestern in Berlin vom SPD-Politiker Egon Bahr (93) vorgestellt. Das Gespräch des Autors mit Bahr wurde von Ulrich Deppendorf moderiert; den Epilog hielt Matthias Platzeck (Deutsch-russisches Forum). Rechts Wilfried Scharnagl bei einer Talkshow, im Hintergrund ein Bild des Roten Platzes.

Interview: Barbara Wimmer

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