Osteopathie: Heilen in Segmenten

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Der Rezeptblock bleibt in der Schublade, und sein Stethoskop ist erst mal nicht zu sehen: Dr. Dietmar Daichendt (44) ist Professor mit heilenden Händen – der erste in Deutschland.

Der Rezeptblock bleibt in der Schublade, und sein Stethoskop ist erst mal nicht zu sehen: Dr. Dietmar Daichendt (44, Foto) ist Professor mit heilenden Händen – der erste in Deutschland.

Er unterrichtet Medizinstudenten an der LMU München und Ärzte in seinem Spezialgebiet, der Osteopathie. Diese Ärzte ertasten und beobachten mit den Fingern das Zusammenspiel von Knochengerüst, Muskeln und Nerven. Sie erheben Befunde über den Zustand des Blutkreislaufs, der Gewebe und inneren Organe, wie sie als Organismus funktionieren. Durch bestimmte Techniken, die mit den Händen ausgeführt werden, ertastet und löst der Arzt Spannungen und Blockaden in allen Systemen des Körpern. Ärztliche Osteopathen blicken weniger auf das Symptom, sondern mehr auf den Menschen als Ganzes. Bei welchen Krankheiten die Osteopathie gute Erfolge hat und wie sie wirkt, darüber sprach Redakteurin Susanne Stockmann mit Dietmar Daichendt.

Unter Ostepathie versteht man das Heilen mit den Händen – wie funktioniert das?

Professor Dietmar Daichendt: Sie müssen sich den Menschen, neurologisch betrachtet, so vorstellen, als sei er horizontal in Scheiben geschnitten. Diese Segmente werden jeweils beidseits von einem Spinalnerv versorgt. Muskeln, Sehnen, sämtliche Gewebe und Organe in einem Segment sind durch zentrale Nerven miteinander in Kontakt. Ein Magengeschwür z. B. ist vom gleichen Spinalnervensegment auf Rückenmarksebene versorgt wie die Muskulatur auf dieser Ebene im Rücken. Wenn also ein chronisches Magengeschwür ein Problem verursacht, kann es auch zu einer Muskelverspannung kommen, die man tasten kann. Man kann aber auch vegetative Unterschiede feststellen, also Unterschiede in der Temperatur und Spannung der Haut.

Sie tasten die Verspannung und diagnostizieren ein Geschwür?

Daichendt: Natürlich muss man die medizinische Diagnostik dazu erheben. Wenn jedoch eine wiederkehrende Muskelverspannung am gleichen Ort auftritt, ohne dass man das aus orthopädischer Sicht erklären kann, liegt der Verdacht nahe, dass es sich um ein tieferliegendes Problem handelt. An der Bauchspeicheldrüse erkrankte Patienten gehen oft erstmalig wegen Rückenschmerzen zum Arzt, nicht selten zum Orthopäden. Wenn der Orthopäde dann eine rein orthopädische Diagnostik vornimmt, wird er oft einen orthopädischen Befund erheben können und unter Umständen davon ausgehen, dass das ein Rückenpatient ist. Aber möglicherweise ist es ein gastroenterologischer Patient. Der Vorteil einer osteopathischen Diagnostik ist, dass man mit Befunderhebungen und gezielter Anamnese den Problemen häufig tiefer liegend auf den Grund geht.

Müssen Osteopathen dafür ausgebildete Ärzte sein?

Daichendt: Nach meinem Dafürhalten ja. Meiner Ansicht nach kann ein nicht ärztlicher Osteopath durchaus tätig werden, aber auf Auftrag eines entsprechend qualifizierten Arztes. Das sind auch Ansätze, die die Politik verfolgt. Der ärztliche Osteopath ist derjenige, der die Diagnostik macht und auch behandelt. Es handelt sich um eine sehr zeitintensive Medizin. Eine durchschnittliche Behandlung dauert etwa 30 Minuten, je nach Krankheitsbild bis zu 60 Minuten.

Was machen Sie in der Zeit?

Daichendt: Es findet einständiger Wechsel von Befunderhebung und Behandlung statt.

Handelt es sich um eine Art Massage?

Daichendt: Nein. Allerdings sind Massagetechniken dabei, genausowieDehnungstechniken. Aber es gibt auch manipulative Techniken, wo man also gezielt an der Wirbelsäule oder mobilisierend am Gelenk eingreift. Es gibt zwar vorgeschriebene Griffe, die jeder lernen kann. Dennoch überlegt sich der osteopathische Arzt aus seiner Anatomiekenntnis heraus auch eigene Griffe, die individuell eingesetzt werden.

Was wird häufig behandelt?

Daichendt: Ein häufiges Krankheitsbild haben Patienten, die aufgrund einer Funktionsstörung des Kiefergelenks ein Halswirbelsäulensyndrom entwickeln. Wenn die Funktionsstörung nicht erkannt wurde und diese Menschen beginnen, nachts mit den Zähnen zu knirschen, dann bekommen sie sehr starke Nacken- und Kopfschmerzen. Diese Schmerzen können sich über die muskuläre Verkettung des Rückens bis ins Kreuzbein fortsetzen. Diese Patienten haben oft eine Ärzteodyssee und einen langen Leidensweg hinter sich. Dabei liegt ihr Problem allein darin, dass durch das Knirschen der hintere Teil des Kiefergelenks überlastet wird. Das Knirschen und Pressen an sich ist nicht das Problem, das hilft nachweislich beim Stressabbau. Das Problem entsteht, weil es auf einer Kauleiste stattfindet, die dafür nicht geeignet ist. Aber das muss der Arzt erkennen. Einem solchen Patienten kann man nur helfen, indem der osteopathische Arzt mit einem entsprechend geschulten Zahnarzt eine Knirscherschiene in Auftrag gibt. Bevor und nachdem diese angepasst wird, muss jedoch unbedingt eine osteopathische Behandlung erfolgen, denn sonst würde der falsche Biss unter Umständen mit der Schiene gefestigt werden. Das wäre natürlich fatal.

Osteopathie ist bekannt im Zusammenhang mit der Behandlung von kleinen Kindern. Ist das sinnvoll?

Daichendt: Vor allem bei Kindern, die mit motorischen Störungen auffallen, oder bei Schreikindern. Manchmal kann es durch den Geburtsvorgang, egal ob natürliche Geburt oder Kaiserschnitt, zu einer Problematik der oberen Halswirbelsäule kommen. Diese Kinder werden mit einer Kopfgelenksblockierung geboren, die sich in den ersten Wochen zeigt. Babys liegen in einer Art C Bogen- Haltung auf dem Rücken im Bettchen, weil sie nur da eine entspannte schmerzfreie Haltung finden. Die Kinder holen sich die Entspannung durch eine schmerzfreie Haltung. Aber sie wachsen und können dann muskuläre Dysbalancen entwickeln, die zu einem Schmerzproblem führen.

Mit welchen Beschwerden sollte ich zum Osteopathen gehen?

Daichendt: Mit allen chronischen Beschwerden, die in irgendeinerWeisenichtkurabel erscheinen. Kopfschmerzen sind ein Gebiet, wo auch ein Osteopath sinnvollerweise draufschauen sollte. Chronische Verdauungsbeschwerden, die beim Gastroenterologen voruntersucht sind und wo kein passender Befund für die Beschwerden gefunden wurde. Da macht es Sinn, eine Funktionsstörung vom Osteopathen suchen zu lassen.

Was ist das Ziel der Behandlung?

Daichendt: Letztlich ist das Ziel, die Selbstheilungskräfte des Körpers zu aktivieren und Hindernisse, die der Genesung im Weg stehen, beiseite zu räumen. Wir gehen davon aus, dass nicht der Arzt heilen kann, sondern nur die Natur. Aber der Arzt kann Dinge, die die Heilung stören, beseitigen. Wir möchten eine Beschwerdefreiheit des Patienten erreichen. Wenn das bei chronischen Erkrankten nicht oder nicht dauerhaft erreicht werden kann, ist auch die Beschwerdenlinderung ein akzeptables Ergebnis.

Hier finden Sie Osteopathen

Osteopathie gilt als Heilkunde. Sie darf nur von Ärzten oder Heilpraktikern selbstständig ausgeübt werden. In Deutschland ist die Berufsbezeichnung Osteopath (noch) nicht geschützt. Daher kann sich im Prinzip jeder Osteopath nennen, eine qualifizierte Ausbildung weist ein Diplom-Abschluss nach. In den USA, England und auch Australien gibt es Medizinstudiengänge, die mit dem Doctor of Osteopathy abschließen. Eine aktuelle Statistik des Weltosteopathieverbandes (OIA – Osteopathic International Alliance) zeigt, dass von circa 4000 in Deutschland diplomierten Osteopathen rund 2000 Ärzte sind. Qualifizierte ärztliche Osteopathen finden Sie unter www.dgco.de (Deutsche Gesellschaft für Chirotherapie und Osteopathie e.V.).

Kommentare

Katrin-schwartz
(3)(0)

...kann es den im Sinne der Patienten und den Kostenträgern sein, daß sich der in de Regel unerfahrene Schulmediziner in Sachen "Arbeiten mit den Händen..." den echten langjährig ausgebildeten, erfahrenen Osteopathen überstellt...?
Wo und wann soll er es denn gelernt haben...?!
Über die "Kurzzeitausbildung" der Ärtze kann mann entweder lachen oder weinen... .

Osteopath München
(3)(0)

Schön, daß die Schulmedizin beginnt sich der Osteopathie anzunähern.
Das schon seit jahrzenten bekannte Segmentmodell, welches jeder Medizinstundent oder Physiotherapeut aus seiner Ausbildungszeit kennt, ist zur Erklärung der Osteopathie allerdings weniger geeignet.
Gerade das Anatomische Wissen ÜBER Segmental zusammenhängenden Strukturen hinaus macht die Osteopathie letztendlich doch aus und grenzt diese von der Manuellen Medizin ab.
Einen wesentlichen Inhalt der Osteopathie, nämlich das Erkennen und Behandeln von Mobilitätsstörrungen im Bindegewebe scheint dem Autor ebenfalls völlig unbekannt.
Meiner Meinung nach handelt es sich hier um ein Politikum mit dem versucht wird auf einen schon weit entfernten Zug aufspringen zu wollen.

Einen erfahrenen Osteopathen mit langjähriger Ausbildung und geschulten Händen in Palpation, Diagnostik und Technik ist aber schwer einzuholen; vor allem wenn man sich nicht mit diesem auseinader setzt sondern abgrenzt.

Gast
(4)(0)

Ja, die Osteopathie ist eine gute Sache, was nicht so schön ist, dass Menschen sich als 1. Professor in dieser Berufssparte bezeichnen, denn an der LMU ist kein Professor ist diesem Titel bekannt .... es gibt auch auch keine Habilitation. Wo kommt also dieser Titel her?
Nicht ärztliche Osteopathen machen eine Ausbildung die 5 Jahre dauert (fast so lange wie ein Medizinstudium) das rechtfertigt auch eine gute ARBEIT ohne Titel.

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