Besuch im SM-Club

Fesselnde Tour: "Fifty Shades of Frankfurt"

Offenbach - Der Erfolg der "Shades of Grey"-Romane hat die Organisatoren Frankfurter Stadtführungen zu einer Programmerweiterung inspiriert: Live-Demos im Folterkeller inclusive.

Zum Schluss noch ein paar Sicherheitshinweise für den Nachhauseweg: Kabelbinder und Krawatten zum Fesseln sind keine gute Idee, sagt Nina. Plüschbezogene Handschellen sind Schnickschnack und Rohrstöcke nur was für Profis. Nina trägt eine Korsage aus schwarzem Lackleder, über den halterlosen Strümpfen lange Stiefel mit durchsichtigem Plateauabsatz, ihre Augen sind hinter einer schmalen Maske verborgen.

Nina ist Stammgast im Sado-Maso-Club „Grande Opera“. Heute aber ist sie nicht gekommen, um sich auspeitschen zu lassen. Sie führt eine Besuchergruppe durch Bar und Spielzimmer, zu Wagenrädern und Streckbänken. Die Agentur Frankfurter Stadtevents hat den Fetischclub neu im Programm. Die Organsisatoren wollen „Führungen und Events der anderen Art“ bieten. In der Rubrik „Kunst und Szene“ gibt es bereits eine „Insider-Tour zu den nächtlichen Highlights des Rotlichtviertels“ oder eine „Red Light Tour durch Séparées, Nightclubs und in ein Bordell“.

Dass nun auch ein SM-Club ins Programm aufgenommen wurde, hat mit dem enormen Erfolg der „Shades of Grey“-Romane zu tun. „Sie lösten quer durch alle gesellschaftlichen Schichten große Aufmerksamkeit aus und rückten eine, bislang als dunkel, bizarr und verrucht geltende Szene ins breite Licht des öffentlichen Interesses“, begründen die Veranstalter ihre Wahl. Dass die Führung „Fifty Shades of Frankfurt am Main“ heißt, passt, aber auch nicht: Der Club liegt im benachbarten Offenbach.

Zur Premiere im März kamen vor allem Frauen von jung bis alt, meist mit einer oder zwei Freundinnen im Schlepp, wenige Paare, kaum einzelne Männer. Ein seriös wirkender Herr, der durchaus als Bankvorstand durchginge, empfängt die Gäste im Hof einer stillgelegten Fabrik. Er nennt sich Michel Angelo - ein Pseudonym, wie es in dieser Szene üblich ist. Der Club, sagt er, diene der Steigerung der Lust „und damit der Verbesserung der Lebensqualität“.

In der Vitrine: Sexspielzeug statt Torten

Auf den ersten Blick könnte man den Hauptraum für eine normale Bar halten: unverputzte Mauern und rote Wände im Wechsel, ein langer Tresen, eine Bühne mit Bildern im 20er-Jahre Stil. Erst bei genauerem Hinsehen entdeckt man, dass das Bild eine Orgie darstellt. Dass die Sitzbänke Kirchenstühle sind. Dass in der Vitrine statt Torten Sexspielzeug ausgestellt wird. Wo sonst ein Haken für Taschen oder Jacken ist, können an Karabinern „Sklaven“ angebunden werden.

Nina will erst mal mit ein paar Vorurteilen aufräumen. Punkt eins: BDSM ist anders als „Shades of Grey“. Die vier Buchstaben stehen für „Bondage and Discipline“, „Dominance and Submission“ und „Sadism and Masochism“. Das Buch, findet Nina, sei nichts weiter als eine harmlose „Liebesgeschichte mit BDSM-Elementen“. Es entspreche wohl eher dem, wie sich ein Nicht-BDSMler unter BDSM vorstelle.

Wie es richtig geht, wird an diesem Abend live demonstriert: Marie lässt sich mit gespreizten Gliedmaßen an ein drehbares Wagenrad fesseln, die Brustwarzen in den Klemmen eines handelsüblichen Rock-Bügels. Tyler bearbeitet Marie auf einem „Sklavenstuhl“ mit Plüschpuscheln und Wildlederquasten. Jean-Christophe peitscht Sarah am Andreaskreuz aus. Auf der Streckbank bekommt sie abwechselnd heißes Wachs und Eiswürfel auf den nackten Körper, zwischendurch gibt es Streicheleinheiten mit einem reißzweckenbestückten Handschuh.

Die wichtigste Regel in einem SM-Club lautet „Ein Nein ist ein Nein und bleibt ein Nein“, sagt Michel Angelo. Der dominante und der devote Partner handeln eine Art Vertrag aus, wie weit ihre „Spiele“ gehen, welche „Behandlung“ sich der devote Partner wünscht. „Alles geschieht freiwillig und einvernehmlich.“ Wem es zu viel werde, sagt Nina, ruft das vorher vereinbarte „Safeword“. Stopp oder Nein oder Au scheiden aus, „vielleicht ist es Staubsauger oder Vanillepudding“.

In den „Playrooms“ - quasi dem Rollenspielbereich des Clubs - sehen die Besucher einen Gynäkologenstuhl und medizinisches Gerät in der „Klinik“, Ketten und Halskrausen im „Folterkeller“, einen Raum mit Dusche, diverse Spezialstühle und Aufhängevorrichtungen, einen Käfig - und einen Schacht im Boden „mit direktem Zugang zur Kanalisation von Offenbach“, wie Michel Angelo erklärt. „Na, mein's wär's nicht“, sagt eine Frau leicht schockiert zu ihrem Begleiter.

Andere sind recht angetan: „Also ich komme bestimmt wieder“, sagte eine Frau mit Brille. „Fifty Shades of Grey“ hat sie „in drei Tagen durchgehechelt“. Seither ist sie auf der Suche nach einem Ort, wo sie ausleben kann, was sie bei der Lektüre für sich entdeckt hat. Ein junges Paar würde sowas „eher zu Hause“ ausprobieren, wie die Frau sagt. Ihr Freund hat ihr die Führung zum Valentinstag geschenkt.

Eine junge Autorin ist zu Recherchezwecken hier. Sie schreibt an einem Buch, „das so ist, wie ich „Shades of Grey“ gern gelesen hätte“. Schlechte Bücher seien das, findet die Schriftstellerin. Aber sie hätten Gutes bewirkt, findet die Frau mit der Brille: „Die Gesellschaft war zu lang zu prüde.“

„Alltagsdominante Frauen“ und der Feminismus

Was reizt eine selbstbewusste, erfolgreiche, moderne Frau an dieser Parallelwelt? „Die meisten Frauen sind ja alltagsdominant. Es kann sehr befreiend sein, kurzfristig in eine andere Rolle zu schlüpfen“, begründet Nina ihre Neigung. „Wir verdanken der Frauenbewegung, dass wir BDSM machen dürfen.“ Tatsächlich sind an diesem Abend alle Frauen „Subs“, also devot, und alle Männer „Doms“, also dominant. Umgekehrt gibt es das natürlich auch, erklärt Nina. Aber merke: Dominante Frauen hießen „Fem-Doms“, nicht Dominas, „das sind Gewerbliche“.

Am „Grande Opera“ ist nichts illegal, betont der Besitzer, der sich Jean-Christophe nennt. Es gebe keine Prostitution, keine Drogen, keinen Ärger mit Ämtern, den muslimischen Nachbarn oder renitenten Gästen. Das Offenbacher Ordnungsamt bestätigt das: In zehn Jahren habe es „keinerlei“ Ärger in dem Club oder wegen des Clubs gegeben.

Bevor er vor fast genau zehn Jahren (am 30. Mai 2005) das „Grande Opera“ eröffnet hat, war der Gründer Werbefotograf und nach 20 Jahren im Job „in einem persönlichen Loch“, wie er erzählt. Die SM-Szene kannte er damals nur flüchtig, eine Bekannte habe ihn mal zu einer Party mitgenommen. „Ich bin eher durch den Laden in die Szene gekommen als aus der Szene zu dem Laden.“

Finanziell läuft das Geschäft gut, sagt er: „Ich würde das nicht machen, wenn ich nicht davon leben könnte.“ Nach sieben relativ konstanten Jahren ziehe das Geschäft seit etwa drei Jahren spürbar an, der Umsatz steige um 50 Prozent pro Jahr. Ernsthafte Konkurrenz gibt es aus seiner Sicht nicht, „nur so Kellerlöcher“.

Mittwoch bis Samstag ist der Club geöffnet, die meisten Abende sind mit Motto-Partys, Community-Treffen oder Events verbucht. Es gibt Lack- und Leder-Abende für Homosexuelle, Dinner mit mehrgängigem Menü für Männer in Smoking und ihre nackten Begleiterinnen, Tango-Tanzabend, Lesungen oder Kurse in der Kunst zu fesseln.

Ein solcher „Bondage“-Meister wickelte zum Ausklang der Stadtführung eine junge Frau in Seile. Die aus Japan stammende Technik, erklärt er, werde inzwischen auch in Europa als das wahrgenommen, was sie sei: als Kunst. Voyeuristische Trash-TV-Sendungen waren gestern, sagt der Fessel-Lehrer, „heute macht da Arte Sendungen drüber.“

dpa

Rubriklistenbild: © dpa

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