Sportchef der Sechziger

Das sagt Kreuzer im Interview über den Löwen-Nachwuchs

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„Ich will den Kader etwas verkleinern. 30 Spieler sind zu viel“: Oliver Kreuzer

TSV 1860 München – Seit einem halben Jahr ist Oliver Kreuzer beim TSV 1860 als Sportdirektor im Einsatz. Der 50-Jährige hat in dieser relativ kurzen Zeitspanne schon das ganze Löwen-Programm erlebt – und gab bei alledem eine durchaus gute Figur ab.

 Im Interview hält Kreuzer Rückschau auf eine turbulente Saison und äußert sich zu den notwendigen Weichenstellungen, um eine weitere Zittersaison zu verhindern.

-Herr Kreuzer, es war nicht einfach, Zeit bei Ihnen zu bekommen. Ihr Arbeitstag war voller Termine. Mit wie vielen Leuten haben Sie denn heute schon geredet?

Sicher mit 60, 70. Das Handy läutet die ganze Zeit. Das ist normal zu dieser Zeit. Jetzt beginnt die große Arbeit. Es sind viele Themen auf dem Tisch: Trainer, Kaderplanung. Es soll endlich wieder aufwärts gehen.

-Vor nicht mal zwei Wochen befanden Sie sich noch mitten im Abstiegskampf. Haben Sie diese nervlichen Strapazen schon verkraftet?

Für mich war das kein Neuland. Mit Karlsruhe und dem Hamburger SV habe ich das auch schon durchgemacht. Beim HSV war es noch dramatischer. Man lernt mit solchen Situationen umzugehen. Ich hatte gehofft, dass wir uns früher retten. Und ich hatte auch gehofft, dass wir das mit Benno Möhlmann hinkriegen.

-Der Retter kam dann in Gestalt von Daniel Bierofka. Den unerfahrenen Coach zum Cheftrainer zu machen, war eine gewagte Aktion. Sind Sie da nicht ein großes Risiko eingegangen?

Ich hatte mir die Gegenfrage gestellt: Ist das Risiko nicht größer, einen der verfügbaren externen Retter zu holen? Trainer wie Marco Kurz, Michael Frontzeck, Thomas Schaaf, Peter Neururer. Der Neue hatte ja nur drei Wochen Zeit. Da wäre es sehr schwer gewesen, so schnell die Mannschaft kennenzulernen, herauszufinden, wie jeder einzelne Spieler tickt, zu begreifen, was es heißt, 1860 München zu trainieren.

-Was gab letztlich den Ausschlag für Bierofka?

Ich war sehr von Bieros Entwicklung in den letzten Monaten angetan. Vor der Winterpause hatte ich mir zwei Spiele des Regionalligateams angeschaut. Das war nichts Spezielles – auch was die Leistung der Mannschaft betrifft. Mein Eindruck von Biero war: Ich hatte einen engagierten Regionalligatrainer gesehen – nicht mehr und nicht weniger. Doch ich habe seine Arbeit weiterverfolgt und beobachtet, wie Biero die Mannschaft führt, wie er Fußball spielen lässt, wie er sich als Trainer gibt. Und da hatte er unglaubliche Fortschritte gemacht. In der Mannschaft war immer mehr eine klare Handschrift zu erkennen. Das hat mich total überzeugt.

-Die drei Siege in drei Spielen haben Ihnen dann Recht gegeben . . .

Biero hat der Mannschaft das gegeben, was sie brauchte. Er ist als Identifikationsfigur aufgetreten, die das Löwenblut in sich hat. Er war klasse.

-Die letzten Eindrücke waren die positivsten in einer erneut missratenen Saison mit drei Trainern. Präsident Peter Cassalette hat nun gefordert, es müsse endlich Kontinuität einkehren. Aber ist das möglich: Kontinuität bei 1860?

Definitiv ja. Aber das kommt meistens über sportlichen Erfolg. Wenn du den hast, dann geht es jedem gut: Vom Präsidenten bis zur Putzfrau. Allerdings ist derzeit auch spürbar, dass inzwischen eine gewisse Ruhe im Verein herrscht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass es nunmehr einen gemeinsamen Nenner zwischen dem Präsidium und Hasan Ismaik gibt. Unser Präsident Peter Cassalette pflegt da einen richtig guten Austausch. Das ist enorm wichtig, dass es auf dieser Ebene endlich funktioniert.

-Gut für die Kontinuität wäre es auch, dass der Sportchef bleibt. Vor ein paar Wochen stand zu lesen, Ihr Wechsel zu Hannover 96 stünde so gut wie fest. Ist da etwas dran?

Nein. Gar nichts. So ist halt die heutige Medienwelt. Richtig ist nur, dass ich vor meinem Engagement bei 60 mal mit Hannover gesprochen hatte. Aber in den letzten sechs Monaten gab es keinerlei Kontakt mehr.

-Dringend gesucht wird ein Trainer. Es ist davon auszugehen, dass sich kein Renommierter findet, der gerne in der Zweiten Liga gegen den Abstieg kämpft – so wie das in den letzten beiden Jahren hier der Fall war. Welche Perspektive kann denn der TSV 1860 bieten?

Der Ansatz eines Trainers ist nicht in erster Linie das Personalbudget.

-Sondern?

Er versucht, den Verein zu durchleuchten, ihn kennenzulernen. Er überlegt sich: Was ist das für ein Verein? Und 1860 ist ein interessanter Klub, war Erste Liga, hat eine große Fankultur, spielt in einem schönen Stadion, der Standort München ist auch attraktiv. Und dann muss man einem Trainer eine gewisse Idee erklären.

-Die wäre?

Nach allem, was der Verein in den letzten zwei Jahren durchgemacht hat, ist doch klar, dass wir uns verbessern wollen. Es wäre wünschenswert, endlich wieder eine sorgenfreie Saison zu spielen. Das Ziel ist schon, irgendwann mal wieder in die Erste Liga zu kommen. Aber zunächst sind wir in der Hinsicht demütig. Wenn ein Klub zwei Jahre lang gegen den Abstieg gespielt hat, kann er nicht den Anspruch haben, Aufstiegspläne zu hegen. So funktioniert es im Fußball nicht. Zumal die Zweite Liga in der kommenden Saison sowas von stark sein wird. Mit Stuttgart, Hannover, Nürnberg oder Frankfurt, St. Pauli, Bochum, Braunschweig, Karlsruhe und, und, und. Da gibt es zehn, elf Mannschaften, die die Möglichkeit haben aufzusteigen. Da kannst du doch keine Pläne verkaufen nach dem Motto: „Unser Ziel ist der Aufstieg.“ Unser Ziel muss eine kontinuierliche Entwicklung sein.

-Wie stellen Sie sich Ihren Wunschtrainer vor?

Es muss einer sein, von dem ich sagen kann: Er passt zu 60. Es ist nicht wichtig, dass er drei Mal Meister geworden ist. Er muss vom Gefühl her passen.

-Geht es konkreter?

Der neue Trainer braucht eine Spielidee. 60 ist ein Verein, der nach vorne spielt, angreift, das Umschaltspiel pflegt, auf diese Art Unterhaltung bietet.

-Das hat man aber bei den Blauen schon lange nicht mehr gesehen.

Biero hat schon versucht, das umzusetzen. Ich fordere jetzt auch nicht, dass wir unbedingt Hurra-Fußball spielen müssen. Aber es muss ein offensiv ausgerichteter Fußball sein. Und wichtig ist auch: Der Trainer muss offen sein für die Nachwuchsarbeit. Das hat den TSV 1860 immer ausgezeichnet.

-Die meisten Eigengewächse machten in der Vergangenheit anderswo Karriere. Der Letzte, der ging, war Richard Neudecker. Gab es gar keine Chance, ihn vom Wechsel zu Konkurrent St. Pauli abzubringen?

Nein. Null. Wenn wir frühzeitig gerettet gewesen wären, hätten wir vielleicht ein Wörtchen mitreden können. Neudecker wollte auf keinen Fall Dritte Liga spielen. Und diese Angst musstest du ja bis zum vorletzten Spieltag haben. So war es unmöglich, ihn zu halten.

-Frustrierend. Wird es so weitergehen bei 1860?

Es wird immer so sein, dass du einige hierbehalten kannst, andere werden gehen. Du kannst nicht alle Jugendspieler an den Verein binden. Es ist heutzutage einfach nur noch selten der Fall, dass die Jungs zehn Jahre für ihren Stammverein spielen. Das ist der Lauf der Zeit. Unser Ziel muss es sein, dass unsere Talente ihre ersten Schritte im Profifußball bei 1860 machen.

-Die U 19 ist stark, hat gegen Dortmund den Einzug ins Finale um die Meisterschaft nur knapp verpasst. Wird es gelingen, die besten Talente zu halten?

Die Bereitschaft bei den Burschen ist schon da. Aber es ist nicht einfach. Beim Halbfinal-Spiel in Dortmund saßen unter den 15 000 Zuschauern rund 30 Scouts aus ganz Deutschland und aus dem Ausland. Und natürlich gibt es da einige, die sich nach 1860-Spielern erkundigen. So ist das Geschäft.

-Was können Sie Ihren Talenten bieten?

Durchlässigkeit, Nachhaltigkeit. Viele Vereine krallen sich talentierte Spieler. Aber dann spielen die meistens in der zweiten Mannschaft oder werden in die Zweite Liga verliehen – und versanden dann irgendwo. Da gibt es viele Beispiele. Wir wollen auch im kommenden Spieljahr drei, vier Nachwuchsspieler in den Profikader holen. Felix Uduokhai haben wir ja schon unter Vertrag genommen. Der ist ein herausragendes Talent, bringt alles mit. Er hat wirklich unglaubliche Fähigkeiten. Wenn er hart arbeitet und am Boden bleibt, wird das ein richtig guter Spieler. Der erinnert mich an Jonathan Tah (Profi bei Bayer Leverkusen/Anm. d. Red.), als der mit 17 beim HSV war.

-Wie sehen die weiteren Personalplanungen aus?

Wir haben ein gutes Gerüst in der Mannschaft, tragende Säulen, die mindestens bis 2017 an den Verein gebunden sind. Die ganze defensive Viererkette um Kapitän Schindler, dazu Bülow, Sukalo, Degenek, Lacazette, Claasen, Mölders. Zugleich gibt es elf auslaufende Verträge. Grundsätzlich will ich den Kader etwas verkleinern. Wir haben derzeit 30 Spieler. Das ist zu viel. Mir schweben 25 Mann vor: 18 gestandene Lizenzspieler, drei Torhüter und vier Junge. Es geht nun darum, genau zu definieren: Auf welcher Position wollen beziehungsweise können wir uns verbessern?

-Ein Spielmacher wäre nicht schlecht . . .

Der klassische Zehner, Spielmacher, der stirbt eh aus. Ich spreche da eher von Kreativspielern. Natürlich brauchst du solche. Wichtig sind heutzutage auch Tempospieler. Biero hat so spielen lassen: Mit Claasen rechts und Rama links. Das sind zwei extrem schnelle Spieler, das hat funktioniert.

-Wie sieht es mit einem zusätzlichen torgefährlichen Spieler aus?

So einen brauchen wir auch.

-Auch einen Torwart?

Jede Position wird durchleuchtet. Auch diese. Aber letztlich muss der Trainer entscheiden.

-Wie so vieles. Höchste Zeit also, dass einer gefunden wird. Wie groß sind die Chancen, dass es zum baldigen Vollzug kommt?

Ich will mich jetzt nicht auf einen Tag festlegen. Aber es ist natürlich wichtig, diese Personalie zeitnah zu klären.

-Letztes Jahr war man in einer ähnlichen Situation. Späte, glückliche Rettung, viel positives Gefühl, aber der neue Schwung wurde nicht genutzt, sondern durch zögerliche Personalpolitik verschenkt . . .

Dem widerspreche ich nicht.

-Wie groß ist die Entschlossenheit, sich diesmal professioneller anzustellen?

Sehr groß.

-Woran lässt sich das festmachen?

Ganz wichtig ist da, dass wir nun eine gute Kommunikation zwischen Abu Dhabi (mit Hauptanteilseigner Hasan Ismaik/d. Red.) und München haben. Deswegen bin ich der Meinung, dass es besser laufen wird als in den letzten Jahren.

-Wie schauen da Ihre Hoffnungen aus?

Ich möchte mich nicht auf einen Tabellenplatz festlegen. Schön wäre es, sieben, acht Spieltage vor Schluss nichts mit dem Abstieg zu tun haben. Auf dieser Basis kannst du den nächsten Schritt tun. Baustein für Baustein – so lässt sich eine Mannschaft entwickeln. Und wie schon gesagt: Löwen-Fußball steht für Angriffsfußball. Die Sechziger sind immer nach vorne marschiert. Diese Philosophie muss man wieder reinbringen. Der Grundgedanke sollte sein, dass wir offensiven, mutigen Fußball spielen.

Text: Armin Gibis

Quelle: fussball-vorort.de

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