Das sagen unsere Redakteure

Pro-/Contra-Kommentar: 1860-Fan-Boykott - richtig oder falsch?

München/Leipzig - Die aktiven Fans des TSV 1860 boykottieren das Gastspiel bei RB Leipzig. Verständlicher Protest oder unnötiger Aktionismus? Unsere Redakteure Florian Weiß und Gregory Straub geben eine Einschätzung ab.

Die Löwen kämpfen um den Klassenerhalt - und das mittlerweile durchaus beachtlich. Seit vier Spielen ist der TSV 1860 nun schon ungeschlagen und hat sich auf den rettenden 15. Tabellenplatz geschoben. Das wohl schwerste Spiel der restlichen Saison steigt am kommenden Sonntag, denn da muss Sechzig bei Liga-Primus RB Leipzig ran.

Auf lautstarke Unterstützung der Fans darf 1860 dabei diesmal eher nicht hoffen, denn die aktive Fanszene boykottiert die Partie aus Protest gegen den vom Getränkekonzern Red Bull betriebenen Verein. Diese Haltung sorgt für geteilte Meinungen, auch bei unseren Redakteuren.

Klassenerhalt wichtiger als Protest

Das größte Gut des TSV 1860 sind seine Fans. Wer weiß, wo der der Verein stehen würde, hätten die Löwen nicht ihren leidgeprüften und heißblütigen Anhang. Man denke nur an die Spiele gegen Nürnberg und Kiel in der vergangenen Saison, als jeweils rund 60.000 Zuschauer das Team anfeuerten. Aber auch an die engen Partien zuletzt gegen Düsseldorf, Kaiserslautern und Sandhausen. Auch wenn es einige 10.000 Fans weniger waren - lautstark und wichtig war der Support von den Rängen allemal.

In Leipzig wird das nicht so sein. Die aktiven Fans des TSV 1860 reisen nicht mit den Profis nach Sachsen, sondern zur zweiten Mannschaft nach Aschaffenburg - aus Protest gegen das Konstrukt RasenBallsport Leipzig. So wird der Gästeblock in der Leipziger WM-Arena nur spärlich gefüllt sein.

Ist diese Art des Protests wirklich so wichtig, dass man sein Team in dieser noch immer angespannten Lage im Stich lässt? Ist diese Angelegenheit wichtiger als die Unterstützung der eigenen Mannschaft? RasenBallsport Leipzig polarisiert und der traditionsbewusste Fan muss den Verein (gelinde gesagt) nicht mögen. Proteste, Ablehnung, schriftlich wie lautstark - alles wunderbar und verständlich! Aber Boykott? Das hilft doch nur der Mannschaft von RB Leipzig!

Der wirkungsvollste Protest wäre ein brechend voller Löwen-Block! Die Anhänger des 1. FC Nürnberg oder von Union Berlin fluteten die Sektionen der Arena und sangen, brüllten und trommelten das RB-Publikum an die Wand. So zeigt man, was wahre Vereinsliebe und -treue ausmacht.

Der Klassenerhalt des TSV 1860 München ist deutlich wichtiger, als gegen das Konstrukt RB Leipzig zu protestieren - zumindest nicht mit einem Boykott! Wie heißt es so schön in einem Fan-Lied: "Scheißegal wie weit, ob Sturm oder Schnee, Sechzig München olé!"

Florian Weiß

Man muss für seine Positionen einstehen

Ein Teil der Löwen-Ultras will also das Auswärtsspiel bei RB Leipzig boykottieren. Dazu kann ich nur sagen: Gut so! Das Brauseprojekt aus Sachsen polarisiert nun einmal, und wenn die traditionsbewussten Fans der Löwen ihre Ablehnung in Form eines Boykotts Ausdruck verleihen wollen - warum nicht? Besser so, als dass sich hunderte Anhänger auf den Weg nach Leipzig machen, nur um dort das gegnerische Team zu beschimpfen und möglicherweise beleidigende Transparente aufzuhängen. Der Support der eigenen Mannschaft käme dabei vermutlich ohnehin zu kurz. Dann lieber ganz wegbleiben und dem Verein mit dem Stierhodenextrakt (es heißt zwar, Red Bull enthalte so etwas nicht, aber wer's glaubt ...) durch Desinteresse zeigen, was man von ihm hält. 

Weh tun wird man damit niemandem, außer vielleicht dem Kassenwart der Leipziger. Aber was soll's: Kohle hat das Mateschitz-Spielzeug ja genug.  In anderen europäischen Ligen ist es außerdem Usus, dass Fans ihre Mannschaften nicht zu Auswärtsfahrten begleiten. Von "im Stich lassen" kann daher keine Rede sein. 

Tatsächlich hat der geile Support der Löwen-Fans die Mannschaft in der Vergangenheit immer wieder gepusht. Nicht umsonst gilt die Anhängerschaft der Sechzger als eine der treuesten und leidenschaftlichsten im deutschen Fußball - Tradition macht's möglich. Umso wichtiger ist es, für seine eigenen Positionen einzustehen und mit diesem friedlichen Boykott ein kleines Zeichen zu setzen. Das Opfer dafür - 90 Minuten kein Support für die eigene Mannschaft bei einem Auswärtsspiel - sollte Schindler, Okotie und Co. keine Probleme bereiten. Die Löwen-Spieler sind Profis und haben schon oft genug von der Unterstützung ihrer Fans profitiert - auch auswärts. Jetzt ist die Möglichkeit da, etwas zurückzugeben und zu beweisen, dass man mit einem Kraftakt auch ohne die Unterstützung der eigenen Fans was beim Tabellenführer der 2. Bundesliga reißen kann. Außerdem geht die positive Energie der Fans ja nicht verloren: Die zweite Mannschaft der Löwen kann bei ihrem Gastspiel in Aschaffenburg lautstarke Unterstützung genauso gut gebrauchen. Auf geht's, Sechzig!

Gregory Straub

Rubriklistenbild: © MIS

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