Wie ähnlich sind sich die beiden Klubs?

1860 und RB Leipzig: Der große Vergleich

Keine exklusive Meinung: Die Ultraszene des TSV 1860 lehnt den Red-Bull-Klub aus Leipzig ab, „weil er kein Teil des Fußballs ist, wie wir ihn begreifen“. Im Hinspiel, das 2:2 endete, gab es die gewohnten Protestplakate. 
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Keine exklusive Meinung: Die Ultraszene des TSV 1860 lehnt den Red-Bull-Klub aus Leipzig ab, „weil er kein Teil des Fußballs ist, wie wir ihn begreifen“. Im Hinspiel, das 2:2 endete, gab es die gewohnten Protestplakate. 

Leipzig/München - Am Sonntag treffen RB Leipzig und der TSV 1860 München aufeinander. Wie unterschiedlich beziehungsweise ähnlich sind sich die beiden Klubs? Wir machen den großen Vergleich.

Auf den ersten Blick treffen am Sonntag zwei Welten aufeinander. Das Heimteam, RB Leipzig, gilt als Kunstprodukt, gegründet 2009, um Geldgeber Red Bull zu bewerben. Akzeptanz: gering. Gegner ist der TSV 1860, gegründet 149 Jahre und zwei Tage vorher – ein Traditionsklub, der die Leute anders bewegt: Ex-Meister (1966), Ex-Pokalsieger (1964), ewige Skandalnudel. Es gibt aber auch eine zweite Deutungsebene . . .

Klub der unbegrenzten Möglichkeiten

Seiner Paraderolle als Schlaumeier, die ihm einst von Uli Hoeneß angehängt wurde, ist Ralf Rangnick unlängst erst wieder gerecht geworden. In einer Diskussionsrunde des Bezahlsenders Sky war es um RB Leipzig gegangen, das umstrittene und vielerorts angefeindete Fußball-Projekt des Red-Bull-Moguls Dietrich Mateschitz. Viertligist bis 2013, dann mit Brausemillionen hochgehievt. Um seinen Arbeitgeber zu verteidigen, hatte sich Rangnick wie immer mit unumstößlichen Fakten gerüstet. Beim TSV 1860, der gerne als Gegenentwurf genannt wird, sei die Lage letztlich ähnlich, belehrte der Erfolgstrainer die Runde: „Dort hat man doch auch einen Investor, der nach eigenen Angaben, wie ich lesen konnte, in den vergangenen Jahren 40 oder 50 Millionen Euro in den Verein gesteckt hat.“ Der Österreicher Mateschitz hält 99 Prozent an der Red Bull GmbH, der jordanische Bauunternehmer Hasan Ismaik 49 Prozent an der KGaA des TSV 1860 (plus elf Prozent stimmlose Aktien). Ganz von der Hand zu weisen ist Rangnicks Einwand also nicht. Doch wie ähnlich sind sich die beiden Klubs auf anderen Ebenen?

Tradition

Zu diesem Thema hat Dirk Behne, 39, Vorsitzender des ersten RB-Leipzig-Fanclubs (L.E. Bulls), eine eigene Meinung. „Unser Klub wurde von einem Unternehmen gegründet, ja“, sagte er der tz: „Aber was ist daran so verwerflich? Es ist nicht so, dass wir im Stadion Dosen in die Hand gedrückt bekommen und auf Befehl jubeln.“ Behne regt sich über die „Doppelmoral“ der RB-Kritiker auf. „Natürlich haben wir keine Tradition“, sagt er: „Aber jeder Klub hat doch einmal angefangen.“ Die Tradition der Löwen ist bekannt, die Erfolge liegen länger zurück. Leipzig dagegen hatte in den letzten Jahren regelmäßig was zu jubeln. 2013 Aufstieg aus der 4. Liga, im Jahr danach der Durchmarsch in die 2. Liga. Im Moment führt das Team souverän die Zweitligatabelle an.

Finanzen

Genaue Zahlen werden im RB-Imperium wie ein Staatsgeheimnis gehütet, aber ein Kader mit exquisiten Profis wie Davie Selke, Yussuf Poulsen oder Emil Forsberg dürfte nicht ganz billig im Unterhalt sein. In der 1. Liga planen die Leipziger mit 30 bis 35 Millionen Euro pro Saison und würden damit im Mittelfeld des Tableaus liegen. Aktuell dürfte der Etat etwa die Hälfte betragen – das wäre ungefähr doppelt so viel wie jener der Löwen (ca. 9 Mio.). Einzelne Zahlen geben Einblick in die nahezu grenzenlosen finanziellen Möglichkeiten des Red-Bull-Klubs: Selke kam für 8 Millionen aus Bremen, Forsberg unterschrieb einen neuen Vertrag, der ihm 2,7 Mio. pro Jahr garantiert.

Wird man da neidisch bei 1860? Ein bisschen schon. Präsident Peter Cassalette hofft, dass Ismaik bald nicht nur euphorische SMS und Fotos von lebenden Löwen schickt, sondern, „dass er erkennt, dass es nicht allein damit getan ist, bei uns die Löcher zu stopfen“. Ohne Investitionen in den Kader dürften Ismaiks Visionen (Aufstieg, Champions League, eigenes Stadion) ewige Träume bleiben. Rangnick dagegen wehrt sich gegen den Vorwurf, mit Millionen um sich zu werfen. „Wir wollen Erfolg, aber auch Transferwerte schaffen“, betont er. Könnte 1860 im Prinzip auch, doch bisher war es so, dass die Juwelen aus der eigenen Jugend verschleudert wurden – aufgrund von Managementfehlern oder wirtschaftlichen Notlagen.

Stadion

Noch so ein Reizthema. Die Löwen wollen bekanntlich raus aus der viel zu großen Arena (75 137 Sitzplätze), für die sie ihrer Ansicht nach einen viel zu hohen Mietpreis an den FC Bayern zahlen. Drei bis fünf Millionen pro Jahr sollen es sein, wenn man die Fixkosten fürs Catering einbezieht. Besonders schwer wiegt vor allem der Umstand, dass der kleine Mieter keine eigenen Einnahmen aus Werbung und Logen generieren kann. Leipzig ist in dieser Hinsicht fein raus. Das mit Steuergeldern in Höhe von 100 Millionen Euro errichtete WM-Stadion war bis zum Einzug der roten „Bullen“ eine Bauruine. Erworben hatte die Arena (43 348 Sitzplätze) der Filmrechtehändler Michael Kölmel, der froh sein musste, einen Mieter zu finden und folglich keine übertriebene Summe verlangen dürfte. Auch hier gilt: Offizielle Zahlen bleiben unter Verschluss. Bekannt ist nur, dass Red Bull die Arena gerne erwerben würde, was kompliziert ist wegen der verbauten Steuergelder. Ach ja: Wer behauptet, RB sei ein Retortenprojekt, dem halten die Leipziger gerne die Zuschauerstatistik entgegen. Mit knapp 28 000 belegt der Ostklub Platz zwei, knapp hinter dem FC St. Pauli – deutlich vor den Löwen (21 800/Platz 7).

Trainer

Beide Klubs haben einige Experimente hinter sich und vertrauen inzwischen erfahrenen, angesehenen Fußballlehrern. Hier Rangnick, dort Benno Möhlmann. Leipzigs Problem: Rangnick ist nur eingesprungen, weil nach Thomas Tuchels Zusage in Dortmund kein anderer freier Trainer ins anspruchsvolle Profil passte. Sobald der Aufstieg fixiert ist, möchte Rangnick nur noch Sportchef sein – und das Traineramt an Markus Weinzierl übergeben. Der Augsburger jedoch wird seit längerem auch von Borussia Mönchengladbach umworben, einem Traditionsklub.

Umfeld

Ein Kernproblem bei Traditionsklubs wie 1860 ist, dass sehr viele Menschen mitreden wollen: Ex-Profis, Altmeister, unzählige Funktionäre, dazu die selbsternannten Experten. Die Löwen leiden zudem unter dem Spannungsfeld Verein – Investorenseite. In Leipzig ist das alles ein bisschen einfacher. Es gibt Mateschitz, es gibt einen Präsidenten (Oliver Mintzlaff, einst Rangnicks Berater) – und es gibt Rangnick. Mitsprache durch die Basis ist nicht vorgesehen, daher wurde der Mitgliedsbeitrag im schmerzvollen Bereich (800 Euro im Jahr) angesiedelt. Kein Problem für Behne, den Vorsitzenden der L.E. Bulls. „Was haben die Fans denn wirklich für ein Mitspracherecht?“, gibt er zu bedenken und argumentiert: „Ich finde, dass die Romantik längst von der Realität überholt worden ist. Der heutige Profifußball wird nie mehr so sein, wie er mal war.“

Uli Kellner

Uli Kellner

E-Mail:uli.kellner@merkur.de

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