Löwen-Präsident

Cassalette: "Ich lasse mich nicht treiben"

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Peter Cassalette.

München - Die Mitgliederversammlung des TSV 1860 München hatte erfreuliche, aber auch weniger erfreuliche Seiten. Der wiedergewählte Präsident Peter Cassalette will sich aber nicht unterkriegen lassen.

Die Ernüchterung stand Peter Cassalette ins Gesicht geschrieben. Dreieinhalb Stunden hatten die Löwen bereits getagt, es war eine Mitgliederversammlung, die harmonisch verlief, professionell – ohne nennenswerte Zwischenfälle ja. Doch dann: Aufruf zur Wahl des Präsidiums, viele dunkelgrüne Stimmkarten wurden im lichtdurchfluteten MVG-Museum noch oben gereckt, es blieben aber auch überraschend viele Arme unten. Was sich nach offizieller Auszählung in einer handfesten Watschn für den investorfreundlichen Präsidenten manifestierte. Nur 238 Ja-Stimmen bei 98 Enthaltungen und 65 Nein-Stimmen. „Ich nehme die Wahl mit großem Stolz und großer Ehre an“, sagte Cassalette: „Ich bedaure es aber, dass ich nicht mehr Leute mit meiner Arbeitsweise überzeugen konnte.“

Ein historischer Triebwagen aus dem Jahr 1895, ein Schienen-Schneepflug und ein Niederflur-Gelenkbus, Baujahr 1987 – das war der Rahmen für die Wiederwahl von Cassalette (Baujahr 1963), der sich ein passendes Outfit für diesen Tag ausgesucht hatte. Blauer Anzug, weißes Hemd, im Revers die bronzene Nadel für 25-jährige Vereinstreue. „Eigentlich bin ich ja schon 38 Jahre Mitglied“, sagte Cassalette: „Die Nadel stammt noch aus der Wildmoser-Zeit. Auf die Schnelle habe ich heute Morgen keine andere gefunden.“

Wildmoser war noch ein Präsident, der wie ein Alleinherscher regieren konnte. Bei Cassalette gibt es nicht nur einen Investor, der mitmischt - sondern auch eine schweigende Opposition, wie sich gestern herausstellte. „Ich weiß nicht, woran das liegt“, räsonierte Cassalette über nur 59,4 Prozent Zustimmung: „Es hat ja auch keiner in der Aussprache Kritik an mir geübt.“ Auch sein Stellvertreter Hans Sitzberger erhielt einen Dämpfer (54,1 Prozent), den keiner verstand: „Der Sitzberger hat ja wirklich nichts gemacht, um jemanden zu verärgern.“ Besser kam nur Schatzmeister Heinz Schmidt weg (86,5). Der Einzige an diesem Nachmittag, der sich als uneingeschränkter Gewinner fühlen darf. Mit nur einer Gegenstimme wurde ein Antrag durchgewunken, der dem freiberuflichen Steuerberater künftig eine Aufwandsentschädigung von 1000 Euro monatlich zusichert.

In einer oberflächlichen Analyse gelangte Cassalette zur Auffassung, dass es eine schwer zu greifende Grundskepsis ist, die ihn Stimmen kostete. Weil ja beim sportlichen Neuaufbau noch nicht wirklich viel vorangegangen ist. Marnon Busch, 21, wird für ein Jahr von Werder Bremen II ausgeliehen. U19-Talent Florian Neuhaus soll in den nächsten Tagen einen Profivertrag unterschreiben. Erfreulich, aber alles in allem ein bisschen wenig fünf Tage vor dem Start in die Saisonvorbereitung. „Vielleicht liegt’s am Stadion, vielleicht an der Nähe zu Ismaik“, grübelte Cassalette: „Um das genau einzuschätzen, müsste man ein Wahlforscher sein.“

Eine Abkehr von seinem Pro-Investor-Kurs ist dennoch kein Thema für ihn. „Bestimmt nicht“, sagte er: „Ich lasse mich nicht treiben von irgendwelchen Stimmungen. Wir sind auf dem richtigen Weg – und den werden wir auch weitergehen.“ Was offensichtlich auch in Abu Dhabi so gesehen wird. „Hasan Ismaik war der Erste, der mir gratuliert hat. Der hat das anscheinend am Ticker verfolgt und mir sofort fünf Daumen nach oben geschickt.“ Auch Abdelrahman Ismaik, Bruder des Mehrheitsgesellschafters, habe sich gemeldet. „Jetzt geht’s los, hat er geschrieben – und jetzt soll’s auch losgehen.“

Los geht es heute zumindest mit der Renovierung des Trainingsgeländes. Ismaik hat 2,5 Millionen Euro dafür bereit gestellt. Das Geld habe er bereits überwiesen, sagte Cassalette triumphierend. Und überhaupt konnte er kurz nach der Wahl schon wieder lachen. „Ich gehe mit großem Enthusiasmus in die nächsten drei Jahre rein“, sagte er.

Wäre noch zu klären, was Jens Lehmann, seit kurzem Vereinsmitglied, mit seiner Anwesenheit hinten im Saal bezweckte. Gefragt, ob er ein Kandidat für die bei Ismaik durchgefallene Geschäftsführung sei, antwortete er: „Ich bin hier und schaue es mir an – nicht mehr und nicht weniger.“ Dazu setzte er sein berühmtes, unergründliches Lehmann-Lächeln auf. Cassalette wusste zu berichten, dass der Ex-Nationaltorhüter einen Antrag gestellt hat, wonach auch jemand ein Amt im Verein übernehmen darf, der kürzer als ein Jahr Mitglied ist. Wegen eines Fristversäumnisses wurde Lehmanns Antrag nicht behandelt.

Die Mitgliederversammlung zum Nachlesen im Ticker

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