tz-Serie Teil eins: Urgestein Franz Hell

Vor 50 Jahren Meister: Löwen-Fan erinnert sich

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Legendär: Die Löwen in der Meistersaison 1965/66: v.l. Peter Grosser, Petar „Radi“ Radenkovic, Otto Luttrop, Hans Reich, Manfred Wagner, Rudi Brunnenmeier, Friedhelm „Timo“ Konietzka, Rudi Zeiser, Bernd Patzke, Hans Rebele, Zeljko Perusic

München - Ein halbes Jahrhundert – verdammt lang her! Aber besser als nichts. Ein einziges Mal durfte sich der TSV 1860 (Optimisten fügen stets ein „bisher“ dazu) als Deutscher Meister feiern lassen, am 28. Mai ist es soweit, dass sich dieser Triumph zum 50. Mal jährt.

Franz Hell im Sechzger-Stadion.

Und wieder ist es ein Samstag – das passt. Wobei: Fünf Jahrzehnte keine Schale, da geht’s den Löwen immer noch besser als Schalke 04 und Eintracht Frankfurt, die seit 58 bzw. 57 Jahren auf einen deutschen Meistertitel warten. Und was sollen sie erst bei den Tottenham Hotspurs sagen. Die ließen heuer endlich mal die beiden Klubs aus Manchester, sowie den FC Chelsea hinter sich und dann wurde ihnen ausgerechnet von Underdog Leicester City eine lange Nase gezeigt. Jetzt sind die Spurs auch schon seit 55 Jahren ohne Meistertitel. Also bitte: So altbacken ist die Geschichte von den Löwen und ihrem großen Tag im Mai 66 eigentlich gar nicht.

Einer, der damals an diesem letzten Spieltag der Saison 65/66 im verregneten Stadion an der Grünwalder Straße mit den Löwen fieberte, war Franz Hell. Knapp 13 Jahre alt damals, heute läuft er unter dem Begriff „Allesfahrer“, weil Hell seit 1966 etwa nur zwei Dutzend Spiele der Löwen verpasst hat.

Höhepunkt der Klubgeschichte: Die Löwen werden am 28. Mai 1966 zum „bisher“ einzigen Mal Deutscher Meister – bei strömendem Regen

„Die Entscheidung über den Titel war ja bereits eine Woche vorher gefallen, als wir in Dortmund 2:0 gewonnen haben“, erinnert sich Hell. „Ich habe das Spiel zu Hause am Radio verfolgt, und als Peter Grosser das Tor zum 2:0 geschossen hat, habe ich meine Löwenfahne gepackt, bin auf die Straße raus und habe nur noch Sechzig, Sechzig geschrien. Und anschließend habe ich mir den ganzen Abend daheim meine Bilder von den Löwen angeschaut.“

Für Hell war klar: Dieser Sieg war der Titel. Zwei Punkte Vorsprung und ein um drei Tore besseres Torverhältnis, da konnte nichts mehr schief gehen. „Die ganze Woche bis zum letzten Spiel gegen den HSV war ein einziges Hochgefühl, in der Schule gab’s kein anderes Thema als die Löwen. Wir waren ja fast alle Blaue damals in unserem Alter, anders als heutzutage…“

Autokorso durch die Stadt.

Wie immer trafen sich der in Haidhausen aufgewachsene Hell und seine Clique auch an jenem 28. Mai am Max-Weber-Platz. „Dann sind wir zu Fuß nach Giesing raus“, sagt er. „Man musste zeitig dran sein, so zweieinhalb Stunden vor Anpfiff waren wir damals bereits im Sechzger.“ Die Karte für den Zwölfjährigen kostete eine Mark: „Die habe ich mir im Vorverkauf beim Sport Münzinger besorgt.“ Hells Stammplatz war sich in der Westkurve, „links unter der Uhr“. Die Stimmung? „Einfach riesig“, erinnert sich Hell, „und dann schoss Rudi Brunnenmeier auch schon nach sechs Minuten das 1:0. Die Dortmunder, die noch eine theoretische Chance besaßen, lagen nach etwa 20 Minuten in Frankfurt mit 1:3 hinten. Da konnte nichts mehr anbrennen.“

1:1 hieß es am Ende bei den Löwen, und Hell war bei der Überreichung der Meisterschale an Kapitän Peter Grosser hautnah dabei. „Die Kinder durften alle auf den Rasen“, erinnert er sich. Auch ein gewisser Peter Cassalette. Der heutige Löwen-Präsident ist einen Tag älter als Hell und die beiden kickten zusammen in der Jugend-Mannschaft der SpVgg Helios. Hell: „Der Peter gehörte zur Steinhausener Löwen-Clique. Er hat am Vogelweideplatz gewohnt, und ich bin damals bei ihm ein- und ausgegangen.“

Nach den Feierlichkeiten im Stadion machte sich Hell wie immer auf den Weg zum Spielerausgang. „Da habe ich neben unseren Helden auch den damaligen Bundeskanzler Ludwig Erhard gesehen, der zigarrerauchend aus der kleinen Tür rauskam.“

Für den Franz ging’s anschließend weiter Richtung Marienplatz, wo die Löwen von OB Hans-Jochen Vogel empfangen und geehrt wurden. „Es war ein faszinierender Tag“, sagt er, „vielleicht der schönste meines Lebens. Als ich irgendwann wieder heim bin, konnte ich vor lauter Aufregung die ganze Nacht nicht schlafen.“

Jubel auf dem Platz.

Und wie sind die Gefühle fünfzig Jahre später? Hell: „Keineswegs so, dass ich mich ärgere, weil wir danach nie mehr Meister geworden sind. Wir hätten es ein Jahr später auch wieder werden müssen, das stimmt. Aber es gab viel Knatsch zwischen der Mannschaft und Max Merkel, was schließlich zum Spieleraufstand und zur Entlassung des Trainers führte. Diese Krise hat uns vor allem zu Saisonbeginn viele Punkte gekostet. Auch weil Merkel in dieser Phase den „Radi“ aus dem Tor genommen hat. Außerdem war unser Torjäger Timo Konietzka ein halbes Jahr gesperrt, weil er im Spiel gegen Borussia Dortmund den Schiedsrichter tätlich angegriffen hatte. Und so wurde am Ende Eintracht Braunschweig Meister. Aber ich freue mich heute noch, dass ich wenigstens eine Meisterschaft erleben durfte, davon zehre ich als Löwenfan nach wie vor. Und es war eine wunderbare Mannschaft, alle Spieler kannte oder kenne ich persönlich. Wir hatten allein sechs deutsche Nationalstürmer im Kader, in dieser Hinsicht kann und konnte selbst der FC Bayern nie mithalten.“ 

Zeitreise ins Jahr 1966

- Am Meisterwochende der Löwen stehen die Rolling Stones mit „Paint it black“ auf Platz eins der britischen Hitparade. 

- Am 26. April erhält München auf dem IOC-Kongress in Rom den Zuschlag, die Olympischen Sommerspiele 1972 austragen zu dürfen.

- Die Beatles treten am 24. Juni das einzige Mal in München auf. Es gibt zwei Konzerte, eins um 17.15 Uhr, das andere um 21 Uhr. Nach elf Titeln und rund einer halben Stunde war alles vorbei. 
- Am 30. Juli 1966 verliert Deutschland das WM-Finale gegen England im Londoner Wembley-Stadion mit 2:4 nach Verlängerung. 
- Auf der Wiesn konnte man sich noch überaus günstig einen Fetznrausch antrinken. 2,20 Mark für eine Maß. 
- Am 10. November wird Kurt Georg Kiesinger (CDU) als Nachfolger von Ludwig Erhard Bundeskanzler. In der Bundesrepublik regiert zum ersten Mal eine große Koalition. - Zwei Tage nach dem Titelgewinn der Löwen kommt am 30. Mai in Berlin Thomas Häßler auf die Welt.

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