tz-Interview mit dem St. Pauli-Trainer

Lienen: Bierofka hat eine harte Schule durchlaufen

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„Unglaublicher Kämpfer“: Lienen hat großen Respekt vor Daniel Bierofka.

München - Vor sechs Jahren war er noch sein Spieler beim TSV 1860, am Freitag um 18.30 Uhr empfängt St. Pauli-Coach Ewald Lienen (62) Daniel Bierofka (37) als Trainerkollegen am Millerntor. Das tz-Interview über Strategie, Fehler und lebenslange Beziehungen.

Herr Lienen, welche Erinnerungen haben Sie an Daniel Bierofka aus Ihrer Zeit bei 1860 in der Saison 2009/10?

Lienen: Ich war zu einer Phase da, in der Daniel nach seiner Bandscheiben-OP nur ganz selten auf dem Trainingsplatz gestanden hat. Ich weiß nicht mehr genau, ob er überhaupt einen Einsatz hatte in dieser Saison, ich glaube es eigentlich nicht (Lienen hat recht, d. Red.).

Was ist aus den wenigen Begegnungen hängengeblieben?

Lienen: Daniel war ein unglaublicher Kämpfer, der sich immer wieder motiviert hat, neu anzufangen. Das ist eine harte Schule, die er durchlaufen hat. Und ich denke, dass ihm das viel Kraft gegeben hat – auch für die Arbeit als Trainer.

Wie schwer ist es, sich auf einen Gegner vorzubereiten, der gerade erst den Trainer gewechselt hat?

Lienen: Wir haben jetzt halt nur das Braunschweig-Spiel als Vorlage und können daraus ablesen, was er in dem Spiel vorhatte. In seinem zweiten Spiel kann es aber auch anders aussehen.

St. Pauli hat die Kurve vom Abstiegskandidaten zum Team für das obere Tabellenviertel bekommen, 1860 nicht. Ihre Erklärung?

Lienen: Wir haben die Kurve schon in der Rückrunde der letzten Saison bekommen und uns mit einer sehr guten Mannschaftsleistung in letzter Sekunde gerettet. Insgesamt geht es immer um eine Mischung aus Qualität, Mentalität sowie mentaler und körperlicher Fitness. Diesen Mix haben wir in die neue Saison mitnehmen können.

Darauf haben die Verantwortlichen bei 1860 auch gehofft…

Lienen: Es ist nun mal so, dass fehlende personelle Kontinuität immer auf die Mannschaft reflektiert. Wenn ich jedes Jahr das Personal auf den sportlich und administrativ verantwortlichen Positionen durchwechsle, dann ist es häufig so, dass ein Verein nicht entsprechend performt. Genügend Potenzial ist eigentlich da, speziell in der Nachwuchsarbeit. Schade, dass sie es aus unterschiedlichen Gründen nicht schaffen, Ruhe reinzubekommen.

Er feuert an und fiebert mit! So emotional coacht Biero

Mit Richard Neudecker wird eines der größten 1860-Talente in der kommenden Saison für St. Pauli spielen. Wieder einmal verlässt ein hoffnungsvoller junger Spieler die Löwen ablösefrei. Wie zu ihrer Zeit Julian Baumgartlinger…

Lienen: Man muss sich nicht wundern, dass so etwas passiert - aus den erwähnten Gründen. Damals war es ebenfalls so, dass das Tafelsilber, die jungen Spieler, kurzfristige oder gar keine Verträge hatten und die älteren längere. Dabei müsste es umgekehrt sein! Wenn man Geld braucht, muss man eine Vereinspolitik machen, die garantiert, dass dich die Talente nicht für ’nen Appel und ’n Ei verlassen können, sondern wenigstens eine angemessene Ablöse bringen.

Schmerzt es Sie, wenn Sie den Absturz der Löwen vom Mittelklasse-Zweitligisten zum Abstiegskandidaten betrachten?

Lienen: Viele der Leute von damals sind nicht mehr im Verein. Es war ein schönes Jahr bei 1860, aber es hat nicht gereicht, um eine lebenslange Beziehung zum Klub aufzubauen.  Wenn ich so denken würde, dann müssten mir jetzt mehrere Vereine leidtun, die in ähnlicher Situation sind.

Welche Chancen geben Sie 1860, drinzubleiben?

Lienen: Sie haben es selbst in der Hand. Ich denke, dass am Ende die Mannschaften die Klasse halten werden, die es auch verdient haben.

Interview: Ludwig Krammer

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