Der dribbelnde Unruhestifter der Löwen

Andrade gelobt Besserung: "Wird kein zweites Mal passieren"

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Viel Temperament, an der Disziplin hapert es ab und zu noch: Victor Andrade.

München - Der Brasilianer Victor Andrade beweist beim TSV 1860 sein großes Talent – was ihm noch fehlt: deutsche Disziplin. Runjaic: "Viktor muss noch viel lernen.“

So schnell kann’s gehen, um zum Mann des Abends zu werden. Gerade 100 Sekunden befand sich der eingewechselte Victor Andrade auf dem Rasen am Millerntor, ehe ihm seine bislang spektakulärste Aktion im Dress des TSV 1860 gelang. Blitzschnell und katzenhaft geschmeidig hatte er sich die Kugel geschnappt, sein ebenso brachialer wie präziser Kunstschuss flog hoch ins Netz – Andrades Großtat zum 2:2 beim FC St. Pauli sorgte für kollektives Aufatmen. „Das war ein ganz wichtiges Tor. Wir haben uns damit für viel Aufwand belohnt“, sagte Trainer Kosta Runjaic. Ansonsten aber machte er ganz den Eindruck, es mit dem Lobpreis nicht übertreiben zu wollen. „Victor“, so merkte Runjaic an, „muss noch viel lernen.“

Die Zurückhaltung des Coaches hat ihre guten Gründe. Denn bislang hat sich Andrade in München zwar als hochbegabter Fußballer präsentiert, dessen Turbodribblings eine Augenweide sind. Auf der anderen Seite ließ der 20-Jährige auch keinen Zweifel daran, dass ihm die hiesige, von Disziplin geprägte Fußballkultur nicht sonderlich liegt. In Hamburg feierte der Flügelflitzer seinen Treffer, indem er sich sogleich das Trikot vom Leib riss. Hierfür hätte er die Gelbe Karte sehen müssen. „Ich war total euphorisch nach dem Tor, das wird kein zweites Mal passieren“, sagte er. Später ließ sich der Südamerikaner noch auf eine riskante Rangelei ein.

Andrade steckt im Lernprozess

Es war nicht das erste Mal, dass er eine gewisse Neigung zur Unbeherrschtheit offenbarte. Schon vor dem Saisonstart war Andrade beim Testspiel gegen Borussia Dortmund in dieser Hinsicht unangenehm aufgefallen. Mehrfach befand er sich am Rande eines Platzverweises. Runjaic hatte damals angemerkt: „So, wie er sich heute präsentiert hat, werden wir zwei keine Freunde werden.“ Zwei Monate sind seither vergangen. Der Lernprozess, zu dem auch die Verbesserung seines Defensivverhaltens zählt, ist aber längst noch nicht abgeschlossen. „Wir sind jetzt gefordert, sein Talent in die richtigen Bahnen zu lenken“, meinte Runjaic, „wir sind guter Dinge, dass er sein Temperament im positiven Sinne auf dem Platz zeigen wird.“ Grundsätzlich attestierte der Coach dem brasilianischen Wirbelwind: „Unruhestiften kann er auf jeden Fall. Das ist auch ein Merkmal seiner Persönlichkeit.“

Als dribbelnder Unruhestifter hat es Andrade bei den Löwen bislang auf drei Kurzeinsätze gebracht. Sportchef Thomas Eichin sieht da noch einiges an Entwicklungspotenzial: „Victor hat seine Qualitäten. Er ist ein Spieler, der ein Spiel entscheiden kann.“ Vorerst gilt aber noch die Einschränkung: „Wenn er die anderen Dinge in den Griff bekommt, wird er auch öfter und länger spielen.“

Gegen Hannover wieder auf der Bank

Im Heimspiel am Sonntag gegen Hannover 96 (13.30 Uhr, bei uns im Live-Ticker) wird Andrade aber zunächst wieder auf der Bank Platz nehmen. Runjaic vertraut gegen die Niedersachsen höchstwahrscheinlich auf jene Startelf, die in Hamburg „leidenschaftlich, mutig und entschlossen aufgetreten ist“. Derlei Qualitäten dürften gegen die Gäste erneut gefordert sein. „Hannover hat einen erstklassigen Kader, feine Fußballer und die klare Zielvorgabe aufzusteigen“, so Runjaic, „eine solide Leistung wird da nicht reichen.“

Schließlich gilt es auch, die hohen Erwartungen von Hasan Ismaik zufriedenzustellen. 1860-Präsident Peter Cassalette, der den derzeit ausgesprochen gut gelaunten Investor auf dem Rückflug in dessen Privatjet begleitete, berichtete von zwei Kurznachrichten, die der Geschäftsmann aus Abu Dhabi an Trainer Runjaic und Sportchef Eichin sandte: „Hasan hat geschrieben, dass er den beiden seinen größten Löwen zum Abendessen nach Hause schickt, wenn wir gegen Hannover nicht gewinnen.“ Eine Kostprobe jordanischen Humors. Hoffentlich.

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