Wille versetzt Berge

Bierofka freut's: "Keiner hat verstanden, wie wir gespielt haben"

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Daniel Bierofka (h.r.) bedankt sich bei seinem Einwechselstürmer Rubin Okotie (2.v.l.).

München – Daniel Bierofka lobt den Charakter seiner Löwen: „Ich bin zu 100 Prozent zufrieden.“ Allerdings sind Rubin Okotie und Sascha Mölders angeschlagen.

Das Weißbier zum Adrenalin-Abbau habe gutgetan, die Nachtruhe ebenfalls. „Ich habe richtig gut geschlafen“, berichtete Daniel Bierofka, der siegreiche Trainernovize des TSV 1860. Doch wie das so ist im Abstiegskampf und im Monat April: In diesem Moment scheint die Sonne – im nächsten fällt Schnee. Kaum hatte Bierofka den Morgenappell hinter sich, zogen bereits die ersten schwarzen Wolken auf. Zwei Stürmer, zwei schlechte Nachrichten: Der eine humpelte, der andere hustete. Die Offensive, die Bierofka beim Kraftakt gegen Braunschweig wiederbelebt hatte (1:0), war plötzlich ein Fall für die Krankenstation.

Ruhrpottkante Sascha Mölders, am Sonntag 70 Minuten lang ein Unruheherd, begab sich mit Schmerzen im Knie zur MRT-Untersuchung. Rubin Okotie, der Mölders abgelöst und das Siegtor erzielt hatte, suchte das heimische Bett auf. „Ich kränkel’ ein wenig“, sagte der Wiener: „Meine Frau ist krank, der Sohn auch – ich muss aufpassen, dass es mich nicht auch erwischt.“ Die Löwen träfe es hart, wenn beim Spiel in St. Pauli gleich beide Stoßstürmer ausfielen. Beide zusammen haben 12 von 28 Saisontreffern erzielt. Aber: Noch ist St. Pauli drei Tage weg – und Bierofka voller Optimismus. Im Notfall, so predigt er stets, muss eben das Kollektiv den Einzelnen ersetzen.

Einzelschicksale sind generell nicht das Thema dieses jungen Trainers. Sondern: Wir-Gefühl, Teamgeist, Wille, Leidenschaft. Bierofka schüttelte ein paar Klumpen Neuschnee aus der Mütze, als er vom Üben mit den Reservisten kam, wischte mit dem Ärmel ein paar verirrte Grashalme vom Tisch – und mit ihnen die grundsätzlichen Zweifel, die diese vielgescholtene Mannschaft begleiten.

"Ich denke, die Zweikampfstatistik lügt nicht"

Zu 100 Prozent hätte ihn die Einstellung seiner Spieler überzeugt. „Was ich gefordert habe, das haben sie gemacht“, sprach er ein Pauschallob: „Sie hatten Körpersprache, sie hatten Mut – deswegen bin ich total zufrieden.“ Bereits am Sonntag hatte er den Biss seines neuen Teams gelobt. Am Montag ergänzte er, gerüstet mit frischen Daten: „Ich denke, die Zweikampfstatistik lügt nicht. Wir haben zwei von drei Zweikämpfen gewonnen – so lenkst du das Spiel in die richtige Richtung. Ich glaube, die Braunschweiger waren auch ein bisschen überrascht, wie sehr wir sie unter Druck gesetzt haben.“

Die viel besungenen Grundtugenden – für einen alten Kämpfer wie Bierofka sind sie das Erfolgsrezept schlechthin. Ohne individuelle Klasse geht es jedoch nicht, wie auch am Sonntag zu besichtigen war. Valdet Rama und Daylon Claasen wirbelten die Gäste-Abwehr müde (und sich selber) – Okotie und Michael Liendl kamen spät ins Spiel und profitierten beim Siegtreffer von nachlassender Konzentration der Eintracht-Defensive.

Um seine Startelf ohne Okotie und Liendl zu rechtfertigen, zitierte Bierofka ein altes Trainerzitat, wonach nicht immer die elf Besten spielen müssen – sondern jene elf Spieler, die am besten zusammenpassen. „Ich kann dem Michi unter der Woche nichts vorwerfen“, sagte er über den Topscorer 2016. „Er hat gut trainiert. Wie Rubin auch. Trotzdem habe ich mich anders entschieden.“ Ist natürlich auch dem neuen System geschuldet, das Bierofka spielen lässt. Was war das nun eigentlich? Die einen hatten ein 4-1-4-1 gesehen, andere ein 4-2-3-1, wieder andere ein 4-3-3. „Sehr gut“, sagte Bierofka und grinste: „Dann hat keiner verstanden, wie wir gespielt haben.“

Bierofka über Rama: "Ich weiß, was der Junge drauf hat"

Auflösen wollte er das Rätsel nicht. Offensichtlich ist jedoch, dass wendige Spieler wie Rama in seinem flügellastigen Pressingverbund eine entscheidende Rolle spielen. „Ich weiß, was der Junge drauf hat“, sagte Bierofka über den Dribbelkünstler, der gegen Braunschweig ein Spiegelbild des jungen Bierofka war. Starke Dribblings, Zug zum Tor, mit leichten Mängeln bei der Übersicht. „Im Endeffekt habe ich zu ihm gesagt: Die letzten 30 Meter, das ist deine Stärke. Wenn du dir was zutraust, bist du ein außergewöhnlicher Spieler – wenn nicht, ein normaler.“ Rama traute sich – und könnte in dieser Form zu einem Faktor in den zähen Spielen des Abstiegskampfs werden.

Bilder: Die Trainer des TSV 1860 seit 1992

Das Beispiel Rama lässt auch darauf schließen, dass Bierofka in der Lage ist, seinen Spielern Härte zu vermitteln – und zwar gegen sich selber. Am Dienstag hatte es noch geheißen, Rama habe einen Muskelfaserriss erlitten und müsse 14 Tage pausieren. Tags darauf sei der Albaner angekommen und habe gesagt: Trainer, ich kann spielen – einem leichten Schatten auf der MRT-Aufnahme zum Trotz. „Für mich ist entscheidend, was der Spieler fühlt“, sagte Bierofka, der sich als Spieler den Ruf eines Stehaufmännchens erworben hatte (20 Operationen). „Ich hab schon zum Spaß gesagt: Wenn man mich unter einen MRT legen würde, dann würden sie mich wahrscheinlich in den Rollstuhl stecken.“

Zähigkeit setzt sich durch, sollte das heißen. Auch Maxi Wittek, am Sonntag mit Kapselverletzung im Arm ausgewechselt, wirkte am Montag wieder quietschfidel. Und bei den beiden Stürmern hat Bierofka zumindest Hoffnung auf eine Blitzgenesung. Siege seien die beste Medizin, dozierte er: „Wenn du gewinnst, dann ist die Stimmung besser, sind Emotionen da, Glücksgefühle – das alles müssen wir jetzt mitnehmen nach St. Pauli.“

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