Im tz-Interview

Schindler: "In England geht's anders zur Sache"

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Christopher Schindler im Löwen-Trikot.

München - Trübe Stimmung? Abstiegssorgen? Davon kann bei Christopher Schindler (26) aktuell keine Rede sein. Der Ex-Kapitän des TSV 1860 scheint mit seinem Wechsel zum englischen Zweitligisten Huddersfield Town im Frühsommer alles richtig gemacht zu haben.

Nach elf Spieltagen in der Championsship grüßen die „Terrier“ aus der Grafschaft Yorkshire von der Tabellenspitze. Am vergangenen Wochenende gelang Schindler beim 1:0-Sieg in Ipswich das Tor des Tages. Das tz-Interview.

Chris, Sie haben in Ipswich nicht nur Ihren ersten Treffer erzielt, sondern auch einen sauberen einstecken müssen – von einem gegnerischen Ellbogen. Wie geht’s dem Cut über der Augenbraue?

Christopher Schindler: Alles halb so wild. Der Cut ist kaum noch zu sehen und blau ist das Auge auch nicht mehr. Als ich nach dem Spiel in unseren Bus gestiegen bin, hab ich noch ein bissl anders ausgeschaut (lacht). Die anderen Jungs meinten nur: „Welcome to England!“ Es war eine Art Feuertaufe.

Was ist dran am Ruf der Championship als härtester Fußball-Liga der Welt?

Schindler: Es geht auf jeden Fall anders zur Sache als in Deutschland. Der größte Unterschied sind die Schiedsrichter. Gestrecktes Bein gibt es grundsätzlich nicht, Ellbogen in der Luft wird meistens auch nicht gepfiffen. Du kannst als Abwehrspieler richtig hinlangen, und das musst du auch – schon als Selbstschutz. Mir gefällt dieses ­Powerspiel, dieses Ursprüngliche. Wir leben hier in Huddersfield eine Mischung aus englischer Mentalität und deutscher Professionalität. Unsere Spielweise ist ein extremes Pressing und Gegenpressing nach Art von Jürgen Klopp in Liverpool. Das funktioniert und kommt an bei den Fans. Ich hatte immer den Wunsch, mal in England zu spielen, diesen Charme zu spüren. Als die Chance da war, musste ich nicht lange überlegen. Und ich habe bis jetzt nichts bereut.

"Natürlich sind die Fans euphorisiert"

Träumt Huddersfield schon von der Premier League?

Schindler: Natürlich sind die Fans euphorisiert. Du wirst hier auf der Straße dauernd angesprochen, die Stadt ist ja jetzt auch nicht annähernd so groß wie München (rund 150 000 Einwohner, d. Red.). Aber es ist nicht so, dass jetzt alle durchknallen, weil wir nach elf von 46. Spieltagen Erster sind. Letztes Jahr war Huddersfield 19. (von 24 Teams), dieses Jahr ist das Saisonziel die obere Tabellenhälfte.

Trainer David Wagner ist Deutsch-Amerikaner, mit Chris Löwe (Lautern), Elias Kachunga (Ingolstadt), Michael Hefele (Dresden) und Ihnen wechselte im Sommer ein Quartett aus Deutschland nach Huddersfield. Ein Vor- oder Nachteil bei der Integration?

Schindler: Weder noch. Wir versuchen alle, möglichst viel Englisch zu reden und keinen rein deutschen Tisch zu bilden. Ich hab’s bei 1860 erlebt, wie wichtig die Sprache ist. Unsere spanischen Spieler haben sich unheimlich schwergetan bei der Integration, weil sie meistens unter sich geblieben sind. Natürlich macht der sportliche Erfolg hier vieles einfacher, die Stimmung ist besser als damals bei 1860 nach dem Fehlstart. Und Englisch ist jetzt ja auch keine fremde Sprache für mich, obwohl es mir manchmal schon so vorkommt, wenn schnell und im Slang geredet wird (lacht).

Welches Lied haben Sie zum Einstand zum Besten gegeben?

Schindler: Wir waren zwölf neue Spieler im Sommer, da bin ich mit meinem Donaulied (Hit des Ballermann-Barden Mickie Krause, d. Red.) nicht so aufgefallen. Ein Kollege hat Atemlos durch die Nacht ausgepackt. Zum Glück haben die meisten nichts verstanden.

Wie haben Sie sich eingelebt?

Schindler: Super! Wir wohnen ein bisschen außerhalb in einem Haus und haben eine richtig nette, hilfsbereite Nachbarschaft. Mit den Handwerkern gab’s am Anfang ein paar Probleme. Erst hatten wir nur kaltes Wasser, dann nur heißes.

"Wir lassen uns eine Brotbackmischung schicken"

Wie geht’s dem Töchterchen?

Schindler: Sehr gut, danke! Marie ist jetzt 14 Monate alt, seit zwei Wochen läuft sie und wir haben sie in einer kleinen Kinderkrippe, damit sie mit englischen Kindern in Kontakt kommt. Zweisprachig aufzuwachsen ist nie verkehrt.

Was vermissen Sie an München?

Schindler: Die Familie, Freunde. Wir hatten zwar schon Besuch hier, aber diese Länderspielpause ist die erste Gelegenheit, mal heimzufliegen. Was wir uns regelmäßig schicken lassen, ist eine Brotbackmischung. Dieses süßliche englische Brot ist nicht wirklich unser Fall.

Wie intensiv verfolgen Sie die Löwen noch?

Schindler: Livebilder hab ich bis jetzt noch nicht hinbekommen, ich bin am Ticker dabei, wenn’s geht. Es ist schwer zu sagen aus der Ferne, warum es nicht so läuft bisher, die vielen Verletzungen spielen sicher eine Rolle. Ich hoffe, dass Sechzig nach der Länderspielpause wieder in ruhigeres Fahrwasser kommt. Wie schwer es ist, wieder rauszukommen, wenn du mal unten drin bist, haben wir zwei Jahre erlebt. Das wünsche ich niemandem.

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