Beim Löwen ist Musik drin

Münchner Komponist Moritz Eggert erklärt den 60er-Marsch

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München - Fußballfans lassen sich selten vorschreiben, welche Lieder sie singen wollen. Die 60er-Hymne ist da eine Ausnahme, findet der Münchner Komponist Moritz Eggert. Auch wenn sich die Fans das im Rausch sicherlich nicht immer alles merken können.

Der Münchner Komponist und Pianist Moritz Eggert (50) zählt zu den erfolgreichsten seiner Zunft. Und dabei ist er kein bisschen abgehoben. Der Fußballfan hat 2006 das Oratorium „Aus der Tiefe des Raumes“ geschrieben, das bei der WM-Eröffnung in der Arena erklang – zur großen Inszenierung von Christian Stückl, unserem Volkstheater-Intendanten. Eggert, vielfach preisgekrönt, hat bisher unter anderem sieben Opern geschrieben, dazu Tanztheater oder etwa auch ein Fußballballett für den Wiener Opernball 2008.

Moritz Eggert erklärt den 60er-Marsch

Musikwissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass siegreiche Vereine die meisten Lieder haben. Wobei die Fans sich selten vorschreiben lassen, welche Lieder sie singen wollen. Insofern stellen sowohl die 60er-Hymne als auch Bayerns „Stern des Südens“ interessante Ausnahmen dar. Am meisten Gesänge kennt man in England, in Japan dagegen ist es Usus, dass gegnerische wie heimische Teams die gleichen Lieder singen, was für eine recht eintönige Atmo sorgt. Aber wir sind ja nicht in Japan, sondern in München, und da entstammt „57, 58, 59...60!“ eindeutig einer Zeit, in der in Bierzelten noch lokale Kultur gepflegt wurde und keine Antons aus Tirol ihr Unwesen trieben. Geradezu klassisch besetzt erklingt hier ein zünftiges Blasorchester, was wenig überrascht, war doch der Komponist Ernst Jäger der Jüngere „Faschingskönig“ von München.

Melodisch betreten wir hier keineswegs avantgardistisches Territorium, die Melodie besteht aus nichts weiter als einem „gebrochenen Dur-Akkord“, was keineswegs eine Anspielung auf die Verletzbarkeit der 60er Spieler sondern ein musikalischer Fachbegriff ist. Terz, Quint, Oktave, dann wieder Terz, so geht es die Tonleiter rauf, und das hat was rührend Affirmatives ohne die heutige Mainstreamkälte, bei der kalkulierte Neo-Lambadas am laufenden Band vom Reißbrett kommen. Etwas schwieriger wird es beim zweiten Teil der Melodie, bei der es nach einem gewagten Tritonusschritt nach unten (dieses Intervall wird historisch dem Teufel zugeschrieben) den gebrochenen Dominantseptakkord raufgeht, aber das hat man von der bayerischen Volksmusik im Ohr. Wobei natürlich die Frage im Raum steht, ob es sich bei München überhaupt um Bayern handelt. Deswegen ruft ja niemand „zieht den 60ern die Lederhosen aus!“, denn die waren in München zum Zeitpunkt der Komposition kaum zu finden. Die Lederhosen meine ich.

Netterweise hat der Komponist am Ende dieses Teils einen außerhalb jeglicher Harmonielehre stehenden „Tor“-Ruf eingebaut, sodass sich auch die unmusikalischsten Fans wieder in das Lied einfinden können. Leider hat ja dieser Ruf in der Vergangenheit oft etwas Flehendes gehabt, aber das wollen wir hier nicht weiter vertiefen.

Beim Refrainteil erreicht die Komposition schließlich kühn die Subdominante, womit die drei wichtigstem Eckpfeiler der Volksmusik definiert wären.

Wie um uns eins auszuwischen kommt nun eine erstaunlich verrückte Modulation, die uns in die neue Tonart G-Dur bringt, eigentlich „volkstümlicher“ als die ursprüngliche Tonart As-Dur, aber Blechblasinstrumente mögen halt die B-Tonarten. Es folgt irgendwas von Kameradschaft oder so, auffällig ist die Unterteilung der Strophe in einen A und einen B-Teil, bei „das weiß auch die Tribühühne“ soll den echten Fans das Herz aufgehen. Aber wer kann sich das im Suff alles merken? Also ich nicht.

Nach der Strophe gelingt dem Komponisten ein Kniff: Er erweckt nach der Modulation nach G-Dur den Anschein, es handele sich bei der nun folgenden „Rückung“ nach As-Dur um eine sogenannte „Deppenmodulation“, die sich in der Pop-Musik – honi soit qui mal y pense – großer Beliebtheit erfreut. Faktisch handelt es sich aber um den seltenen Fall einer „angetäuschten“ Deppenmodulation, denn die Modulation landet nicht etwa in der Deppentonart, sondern eben wieder in der Originaltonart (für Vergessliche: As-Dur), was dann fast schon wieder raffiniert ist.

Und im Antäuschen sind die 60er definitiv Experten. Wobei nie ganz klar ist, ob gerade der drohende Abstieg oder der willkommene Aufstieg angetäuscht wird. Vielleicht beides auf einmal.

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