TSV 1860 auf dem Weg zum Klassenerhalt

Neuer Coach Bierofka: Ein kleiner Rausch bei den Löwen

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Bierofka nach dem Sieg über St. Pauli: "Das hab nicht ich hingekriegt, das hat die Mannschaft alleine hingekriegt"

Hamburg - Alle schwärmen vom jungen Löwen-Trainer Bierofka, der auf bestem Weg ist, den direkten Klassenerhalt zu sichern. Daniel Adlung sagt: "Er hat uns den Mut zurückgegeben."

Es war ein Sieg, der mehr als drei Punkte wert war. Das merkte man schon daran, wie der Löwen-Kapitän im Anschluss an den 2:0-Erfolg beim FC St. Pauli vor die Presse trat. Zunächst schien alles wie immer: Christopher Schindler setzte sein ernstestes Gesicht auf, sammelte sich und mahnte drauflos wie so häufig in diesen Wochen des Abstiegskampfes. „Letztendlich haben wir noch nichts erreicht“, sagte der Abwehrchef: „Jetzt müssen wir auch den letzten Schritt gehen. Ich hab keinen Bock darauf, dass wir jetzt gefeiert werden und am Schluss sind wir die Deppen, die doch abgestiegen sind.“ Dann jedoch, etwas unerwartet, zeigte er, dass er nicht nur ein begnadeter Mahner ist, sondern auch mal Fünfe gerade sein lassen kann, wenn ein Anlass dazu gegeben ist.

Löwen klettern auf Tabellenplatz 14

An Freitag, da Schindler in der Mixed-Zone des Millerntor-Stadions stand, gab es sogar zwei Anlässe: der Vorstoß der Löwen auf Platz 14 – und der Vorstoß des Spielführers ins sog. beste Fußballeralter. 26 ist er geworden, also sagte er zum Erstaunen seiner Zuhörer: „Ich denke, ich werde nachher die eine oder andere Runde ausgeben.“ Eine kleine kontrollierte Feier, fand sogar Schindler, musste drin sein nach diesem rauschartigen Fußballabend in St. Pauli.

Szenen, die man vor zwei Wochen kaum für möglich gehalten hätte. Unten bereitete Schindler seine Kollegen auf ein verlängertes Wochenende vor (Samstag auslaufen, dann zwei Tage frei). Oben in der Pressekonferenz erhoben sich die beiden Trainer von ihren Sitzen: lachend, sich gegenseitig umarmend – wie zwei Freunde, die zusammen einen großen Spaß erlebt haben. Nicht nur dem heiseren Daniel Bierofka stand nämlich eine große Zufriedenheit ins Gesicht geschrieben. Auch Ewald Lienen hatte wenig auszusetzen an der engagierten Vorstellung seiner St. Paulianer. „Gegen die vermeintlich kleinen Gegner war das unser stärkster Auftritt“, sagte er. „Leider kriegen wir nach einem Fehlpass das 0:1. Danach hat sich Sechzig aufs Kontern konzentriert und über ihre starken Außen Druck gemacht. Es war schwer für uns, Torchancen zu erarbeiten, denn Sechzig hat leidenschaftlich verteidigt. Trotzdem war heute eine gute Energie auf dem Platz. Aber wenn man keine Tore macht . . .“

Lienen: "Ich freue mich für den Daniel"

Indirekt war das natürlich ein dickes Kompliment für den Mann, der die Löwen so eingestellt hatte, dass starke Kiezkicker keine Tore gemacht haben und mit zunehmender Spieldauer genervt wirkten. Auf Nachfrage sagte Lienen über den jungen Berufskollegen, mit dem er bereits damals beim TSV 1860 eine gemeinsame Wellenlinie gefunden hatte: „Ich freue mich für den Daniel.“ Väterlich fuhr er fort: „Es war eine sehr mutige Geschichte von ihm, da reinzuspringen (in die Rolle des Nothelfers/Red.), aber er macht das richtig gut. Ich habe ihm zur Leistung seiner Mannschaft gratuliert und alles Gute für die Zukunft gewünscht.“

Damit die Zukunft des TSV 1860 in der zweiten Liga stattfindet, braucht es jetzt noch mindestens einen Punkt – idealerweise schon am Sonntag gegen den neuen Tabellenletzten aus Paderborn. Doch was passiert danach? Man ahnt, dass die Löwen ihrem „Biero“ ein Denkmal setzen werden, wenn er es schafft, vorzeitig und ohne Relegation den Kassenerhalt zu sichern. Unwahrscheinlich ist dagegen, dass der beförderte U 21-Coach auch beim nächsten Zweitliga-Duell in St. Pauli an der Seitenlinie stehen wird.

Bierofka hat keine A-Lizenz

Die Regularien sprechen dagegen. Der A-Lizenz-lose Bierofka darf die 1860-Profis noch exakt sechs Werktage betreuen. Erteilt die DFL keine Ausnahmegenehmigung, muss er schon beim letzten Spiel in Frankfurt in den Hintergrund treten (formal übernähme dann wohl Torwarttrainer Kurt Kowarz). Da können die Komplimente noch so laut und noch so groß werden. Und streng genommen sind sie es ja bereits. „Biero macht das sehr gut“, schwärmt Daniel Adlung: „Er hat uns den Mut zurückgegeben.“ Bei Kapitän Schindler klingt das ähnlich: „Biero spricht uns immer wieder Mut zu.“ Sportchef Oliver Kreuzer sagt: „Innerhalb von zwei Spielen wird man kein großer Trainer. Aber er hat es wieder hingebracht, dass er die Mannschaft hervorragend eingestellt hat.“

Lorbeeren, mit denen Bierofka gemäß seinem Naturell nicht viel anfangen kann. „Das hab nicht ich hingekriegt, das hat die Mannschaft alleine hingekriegt“, sagt er über die erstaunliche Verwandlung eines wankelmütigen Teams in eine beherzte Kampfgemeinschaft: „Ich denke, man hat gesehen, dass es eine echte Mannschaft ist – auf und neben dem Platz. Letzte Woche kamen Michael Liendl und Rubin Okotie rein und haben das Spiel entschieden. Diesmal war es Levent Aycicek. Die Jungs zerreißen sich für den Erfolg – selbst wenn es schwierig für sie ist, weil sie momentan nicht von Beginn an spielen.“

Showdown gegen Paderborn

Gefeierter Trainer, eine Mannschaft, die Kritiker Lügen straft – für Sportchef Kreuzer steht fest, dass diese Entwicklung am Sonntag mit angemessener Kulisse belohnt werden muss. 25.000 Karten sind für den Showdown gegen Paderborn verkauft. Jetzt rechnet Kreuzer mit einem vollen Haus. „Jeder, der irgendwo ein Löwen-Herz hat, der muss normal ins Stadion kommen“, sagte er und trommelte: „Also, wenn ich Fan wäre, ich würde mir sofort fünf Karten kaufen. Definitiv!“ Kreuzer, der selber lange Profi war, warnt jedoch davor, schon vorzeitig das große Fass mit Jubelbrause aufzumachen. „Rein optisch schaut die Tabelle jetzt gut aus“, sagte er, „besser als vor 14 Tagen oder drei Wochen. Aber bei genauerem Betrachten: Es ist noch alles sehr eng beinander. Den Letzten trennen gerade mal drei Punkte von uns. Es ist weiterhin höchste Konzentration angesagt.“ Schindler, der Mahner vom Dienst, hätte es nicht schöner ausdrücken können. Aber der war ausnahmsweise damit beschäftigt, eine kleine Vorfeier zu organisieren.

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