Typisch Löwen

Posse um Christl: Kündigung ja, Hirtenbrief nein

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Wie sag ich’s meinem Verein ? Kultwirtin Christl mag nicht mehr täglich im Stüberl stehen, es scheint ihr diesmal ernst zu sein.

Wirtin Estermann will das „Löwen-Stüberl“ aufgeben - das gestaltet sich komplizierter als von ihr erwartet...

München– Sechzig plus 13 ist sie inzwischen, doch was ihr blaues Löwen-Blut angeht, ist die gute Christl Estermann so jung wie eh und je. Gestern, bei kühlem, sonnigem November-Wetter, fegte sie sorgfältig die Terrasse vor ihrem Stüberl; auch für Stefan Aigner, einen ihrer Lieblinge, hatte sie spontan ein freundliches Wort parat. Wie’s denn gehe, wollte sie wissen, als sich der von einer Knieverletzung genesene Rechtsaußen mit nackten dünnen Beinen zum Joggen aufmachte. „Gut geht’s“, entgegnete Aigner: „Es sind die gleichen Storchenhax’n wie vorher.“ Da lachte die Christl herzlich. Und Aigner lachte mit.

Alles wie immer eigentlich? Nicht ganz. Denn kaum zu glauben, aber wahr: Die gute Seele des Vereins scheint fest entschlossen zu sein, nach 20 Jahren ihr einst über die Stadtgrenzen hinaus bekanntes „Löwen-Stüberl“ zu verlassen. Ihr kleines Biotop. Jenen aus der Zeit gefallenen Ort, in dem noch die selbe holzvertäfelte Eckbank steht, auf der Werner Lorant einst stundenlang hockte, literweise „Expresso“ trank und ahnungslosen Zuhörern den Fußball erklärte. Die Heimat von Grantlern, Schafkopfern, Kompetenzlöwen und vielen anderen, die den Mythos 1860 noch heute beleben.

Christl also hat sich dazu durchgerungen zuzusperren und ihren wohlverdienten Wirtinnen-Ruhestand anzutreten. Jedoch: Die Löwen wären nicht die Löwen, würde so eine Kündigung auf Anhieb reibungslos gelingen. Einmal, unter Ex-Geschäftsführer Robert Schäfer, wollte der Verein sie raushaben – was einen Fanaufstand auslöste. Diesmal jedoch scheitert ihr Versuch der Geschäftsaufgabe an einem simplen, aber irgendwie 1860-typischen Grund. Der Christl ist ein Formfehler unterlaufen. „Wir waren oben, um den Brief abzugeben, aber dann hieß es: Können wir nicht annehmen – weil eine Kündigung nur per Einschreiben möglich sei.“ Ein bisschen wie damals, als Ex-Präsident Alfred Lehner hunderte Delegierte nach Hause schicken musste, weil die Einladung zur Versammlung nicht fristgerecht abgeschickt worden war („Wir haben ein Problem . . .“). Bei anderen Vereinen würde man sich wundern. Bei 1860 lautet der normale Reflex. Ja mei . . .

Peter Cassalette, Präsident des TSV 1860 und gerne Gast bei Christl, seufzte erst mal, als ihn unsere Zeitung auf die neuerliche Posse ansprach. „Was soll ich dazu sagen?“, meinte er. „Ich bin ja selber kein Jurist, aber sie soll halt bitteschön keinen Hirtenbrief rauftragen, wie das schon dreimal der Fall war. Sie soll bloß eine normale, formal richtige Kündigung einreichen – wie es in ihrem Vertrag festgeschrieben ist. Kriegt sie das hin, dann kann sie zum Jahresende raus. Nicht etwa im März wegen einer verpassten Frist oder sonst was.“ Einen kleinen Seitenhieb kann sich Cassalette, 63, nicht verkneifen: „So leid es mir tut, aber die gute Frau scheint ein bisschen verwirrt zu sein – zumindest, was das angeht. Wir haben ihr das schon mehrfach versucht zu erklären.“

Quintessenz, vorläufig: Die Christl muss ihr Schreiben nachbessern, dann wird ihr der Verein keine Steine in den Weg legen. Auch auf die Gefahr hin, dass wieder ein Stück 1860-Geschichte verloren geht. „Das ist der Lauf der Welt“, sagt Cassalette gelassen: „Christl ist jetzt 73, andere hören mit 65 auf. Sie ist ein Unikum und wird es auch bleiben, ein Teil von 1860.“

Cassalette kündigt an, dass das Löwen-Stüberl erhalten bleibt. Mit einem neuen Wirt oder einer Wirtin. Dort wird die Christl weiterhin sehr willkommen sein. 

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