Interview mit Fanklub-Vorsitzendem

RB-Fan über Löwen-Ultras: "Da gibt es viel Doppelmoral"

München - Ist RB Leipzig eine Gefahr für den deutschen Fußball? Die tz unterhielt sich vor dem Gastspiel des TSV 1860 beim Tabellenführer mit Dirk Behne, Vorsitzender des 2009 gegründeten ersten offiziellen RB-Fanklubs „L.E. Bulls“.

Verachtet, angefeindet, boykottiert – auf keinen Klub im deutschen Profifußball haben sich die Traditions-Anhänger mehr eingeschossen als auf RB Leipzig. Die viel diskutierte Frage: Ist die Marketing-Maschine des österreichischen Brause-Giganten Red Bull eine Gefahr für den deutschen Profifußball oder nur das konsequente Zu-Ende-Denken einer längst durchkommerzialisierten Branche? 

Die tz unterhielt sich vor dem Gastspiel des TSV 1860 am Sonntag beim Tabellenführer aus Sachsen mit Dirk Behne. Der 39-Jährige Leipziger ist seit fünf Jahren Vorsitzender des 2009 gegründeten ersten offiziellen RB-Fanklubs „L.E. Bulls“ (350 Mitglieder). „Viele Fans wollen durch ihre Aktionen gegen uns nur vom Versagen ihrer Klubs ablenken“, sagt er im Interview.

Herr Behne, die Ultra-Szene des TSV 1860 hat für Sonntag erneut zum Fan-Boykott des Auswärtsspiels in Leipzig aufgerufen. RB sei „kein Teil des Fußballs, wie wir ihn begreifen“ und verdiene kein Eintrittsgeld, heißt das Argument. Was lösen derlei Aktionen bei Ihnen aus?

Behne: Ganz ehrlich: Ich nehme das inzwischen lächelnd hin. Das ist Alltag, das löst nichts mehr aus – und da spreche ich nicht nur für mich. Es werden trotzdem viele Löwen-Fans kommen am Sonntag, um ihre Mannschaft zu unterstützen. Solange es friedlich bleibt, ist alles gut.

Können Sie die Argumente der Ultras nachvollziehen?

Zum Teil ja, aber da ist schon auch eine gehörige Portion Doppelmoral dabei. Natürlich haben wir keine Tradition, aber jeder Klub hat doch einmal angefangen.

Die Frage nach dem Motiv ist zweitrangig?

Pragmatische Liebe: RB-Fan Dirk Behne

Unser Klub wurde von einem Unternehmen gegründet, ja. Aber was ist daran so verwerflich? Es ist nicht so, dass wir im Stadion Dosen in die Hand gedrückt bekommen und auf Befehl jubeln. Wer sowas glaubt, der soll mal ins Stadion kommen. Ich war früher Fan von Hertha BSC. Ab und zu bin ich auch dort noch im Stadion, ich bin weiter nördlich aufgewachsen. Hier in Leipzig hat mir einfach gefallen, dass etwas entstanden ist, bei dem man von Null an dabei sein konnte, wo sich was bewegen lässt. Ich bin ein paar Wochen nach Gründung der L.E. Bulls Mitglied geworden. Inzwischen gibt es insgesamt 5000 bis 6000 organisierte Fans in über 30 Fanklubs. Dazu haben wir den aktuell zweithöchsten Zuschauerschnitt der Zweiten Liga (27 896, knapp hinter St.Pauli, d. Red.). Es sind viele tiefe Freundschaften entstanden, Eltern nehmen ihre Kinder mit ins Stadion – mein Sohn ist jetzt 16, der war von Anfang an dabei. Und der Klub praktiziert eine nachhaltige sportliche Politik, setzt auf junge Spieler, schafft Strukturen. Wenn wir eine Söldnertruppe hätten, dann wäre vieles anders, damit könnte man sich schwer identifi­zieren.

Inwiefern ist auch die Ablehnung eine Basis für Identifikation? Motto: Jetzt erst recht!

Das ist auf jeden Fall ein Punkt, auch wenn es jetzt nicht mehr im Vordergrund steht. In den unteren Ligen ist die Ablehnung regelmäßig in Gewalt ausgeartet teilweise war es brenzlig bei Auswärtsspielen. Zum Glück sind mit den Aufstiegen auch die Sicherheitsvorkehrungen besser geworden.

Kann man RB Leipzig überhaupt als Verein sehen? Die Mitgliedsbeiträge wurden mit 800 Euro extra hoch angesetzt, um Mitsprache zu verhindern, im Aufsichtsrat sitzt ein berufenes Fördermitglied.

Ja, aber ist es denn wirklich so ein großer Unterschied zu den meisten anderen Klubs, wo die Profi-Abteilungen längst ausgelagert sind? Was haben die Fans denn wirklich für ein Mitspracherecht? Ich finde, dass die Romantik längst von der Realität überholt worden ist. Der heutige Profifußball wird nie mehr so sein, wie er mal war. Das kann man bedauern. Aber dann sollte man vielleicht auch konsequent sein und Amateurmannschaften unterstützen, auch wenn das jetzt in manchen Ohren womöglich zu hart klingt.

Behne: Die Tradition ist der Unterschied

1860 gibt es als Profifußball-Unternehmen nur noch, weil 2011 ein gewisser Hasan Ismaik die Mehrheit der Anteile erworben hat. Was ist der Unterschied zu RB Leipzig?

Die Tradition natürlich. Die Motivation des Herrn Ismaik kenne ich nicht, aber ich denke nicht, dass er seit Ewigkeiten Löwen-Fan war. Wenn man sieht, wieviel Geld er investiert hat und was herausgekommen ist, dann muss man sagen, dass er nicht die richtigen Leute mitgebracht hat. Das ist der Unterschied zu RB.

Zweifeln Sie noch am Aufstieg in die Bundesliga?

Wenn ich sehe, wie gefestigt die Mannschaft ist, dann glaube ich schon, dass es klappt. Wir müssen ja nicht als Meister aufsteigen.

Womit wären Sie zufrieden im ersten Bundesliga-Jahr?

Erst mal ankommen, die Klasse halten. Dann kann man langsam nach oben blicken. Für mich ist es wichtig, dass der Kurs der Nachhaltigkeit beibehalten wird.

Wo sehen Sie Ihren Klub in zehn Jahren?

Mein Wunsch ist es, dass wir mit gutem Fußball im oberen Drittel der Liga mitspielen. Es muss nicht sein, dass wir dauernd die Bayern schlagen. Klar gibt es hier Leute, die von Höherem träumen, dem FC Bayern des Ostens, aber ich sehe das pragmatisch. Wenn es „nur“ die Europa League ist, dann bin ich auch zufrieden. Interessante, lustige Auswärtsreisen mit guten Freunden – das ist mein größter Wunsch.

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Ludwig Krammer

Ludwig Krammer

E-Mail:Ludwig.Krammer@tz.de

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