Ex Kapitän Peter Grosser erinnert sich

So feierte 1860 München vor 50 Jahren die Meisterschaft

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Meister-Torwart Petar Radenkovic (links)

München - Der TSV 1860 München hat schon bessere Zeiten erlebt. Viel bessere. Ein legendäres Datum ist der 28. Mai 1966: Vor 50 Jahren feierten die Sechziger die deutsche Meisterschaft – ihre einzige.

Es war wieder einmal einer dieser Momente, in denen Peter Grosser, 77, seiner Vergangenheit begegnete. Im Stadion an der Grünwalder Straße verloren sich vor einer Woche bei einem Viertligaspiel nur etwa 1500 Zuschauer, doch die stimmten ein Lied an, das Grosser ein halbes Jahrhundert nicht mehr gehört hatte: „Deutscher Meister ist der TSV!“ Sogar noch während des Spiels der zweiten 1860- Mannschaft wurde diese Zeile inbrünstig gesungen. Und dann tauchten auf der Gegengeraden Transparente auf, die die gute, alte Zeit aufleben ließen. Zu sehen waren: Die Spieler Rudi Brunnenmeier bis Petar Radenkovic, die Meisterschale in Übergröße, überall die Farben Weiß und Blau. „Das war phänomenal“, sagt Grosser zu der von Fans inszenierten Aktion: „Mir ist es eiskalt den Buckel runtergelaufen.“

Ein Geschenk unserer Zeitung: Grosser mit der Meisterchronik von 1966

Peter Grosser ist ein Mann, der nicht gerade zu Sentimentalitäten neigt. Schon als Mannschaftsführer des TSV 1860 war er derjenige, der schneidig und ernst voran ging, der etwas zu sagen hatte, der sich als kritischer Geist nicht scheute, Kontra zu geben. Aber die 50. Wiederkehr des 28. Mai 1966, des Tags also, an dem sich die Löwen in Meisterlöwen verwandelten, weckt auch in dem Fußballveteranen nostalgische Gefühle. „Es ist schon erstaunlich, dass unsere Meisterschaft nach fünf Jahrzehnten noch in den Köpfen von so vielen Leuten ist“, sagt Grosser, „das ist mir jetzt erst wieder bewusst geworden, was das für 1860 einst und auch jetzt noch bedeutet.“

Was damals passiert ist, als die Sechziger ihre erste und einzige Meisterschaft gewannen, verkörpert auf besonders bezeichnende Art Peter Cassalette. Zwölf Jahre alt war er damals, als die Blauen durch ein 1:1 gegen den Hamburger SV den Titel perfekt machten. In dem zum Jubiläum herausgekommenen Buch „Der Triumph der Löwen“ beschreibt er seinen größten Tag als junger Fan so: „Unsere Fußballer waren damals wie Götter für mich. Nach dem Spiel sind wir mit dem Fahrrad bei strömendem Regen neben und hinter dem Autokorso zum Marienplatz gefahren. Ich fühlte mich wie ein Teil der Mannschaft. Wir Löwen waren Deutscher Meister geworden.“ 49 Jahre später, vergangenen Herbst also, wurde Cassalette zum Präsidenten des TSV 1860 gewählt, zum Oberlöwen sozusagen.

Autocorso im Dauerregen

Es war eine rauschhafte Zeit für die Anhänger des TSV 1860: 1964 Pokalsieg, 1965 Europacup-Finale und dann 1966 die Sternstunde, die Meisterschaft – ein Ereignis, das die Klubgeschichte so überragt wie der Fernsehturm die Stadt München. Grosser war es, der damals im Autokorso im ersten Wagen stellvertretend für die Mannschaft saß – neben Präsidenten Adalbert Wetzel und Trainer Max Merkel. Das Trio hielt im Dauerregen die Meistertrophäe abwechselnd hoch, Zehntausende drängten sich am Straßenrand. Grosser: „So etwas hatte es zuvor in München noch nie gegeben.“

Doch es war nicht nur ein Tag des Überschwangs, der weiß-blauen Euphorie. Es war auch ein Tag der gemischten Gefühle. Denn die Wochen und Monate zuvor, und das hatte kaum jemand mitbekommen, waren überschattet von schweren internen Auseinandersetzungen. „Wir hatten die Meisterschaft eigentlich schon verloren“, sagt Grosser. Was in ihm damals vorging, sieht er am besten auf einem Schwarz-Weiß-Foto festgehalten, das ihn der eben errungenen silbernen Trophäe zeigt. Grosser schaut noch ernster aus als sonst, die Miene verschlossen. „Ich konnte mit der Meisterschale zunächst überhaupt nichts anfangen“, erinnert er sich.

Im Mittelpunkt der Querelen stand Max Merkel, der gern diktatorisch auftretende Trainer aus Wien. Die Fans verehrten ihn als Heilsbringer und Meistermacher. Unter den Spielern war er gefürchtet, manche hassten ihn. Petar Radenkovic, Star des Teams, erzählte einmal: „Merkel war ein zynischer Mensch, er konnte die Seele von Spielern verletzen.“ Grosser meint: „Er hat nach Lust und Laune trainieren lassen.“ Und Merkels Laune war in der Rückrunde miserabel.

Die Sechziger hatten 1965/66 eine phänomenale erste Saisonhälfte hingelegt, wurden Herbstmeister, waren klarer Favorit auf den Titel. „Merkel hatte bereits private Wetten abgeschlossen, dass wir mit acht Punkten Vorsprung Meister werden“, erzählt Grosser. Doch schon vor dem ersten Spiel der Rückrunde gab es die ersten Dissonanzen. Gegner war der FC Bayern, damals noch die Nr. 2 in der Stadt. „Die waren für Merkel ein rotes Tuch“, so Grosser. Überraschenderweise kam der Wiener in der Vorbereitung auf die Idee, die Löwen zum leichtathletischen Training unter Anleitung des deutschen Kugelstoßmeisters Dieter Urbach zu schicken. Die Folge der ungewohnten Kraftübungen: „Wir hatten die ganze Woche über Muskelkater.“ Das Lokalderby ging prompt mit 0:3 verloren.

Merkel reagierte auf die Niederlage mit brutaler Trainingsfron, die er nach jeder weiteren Niederlage noch verschärfte. Grosser: „Er bereitete uns die Hölle auf Erden.“ Die Folge: 1860 fiel auf den 3. Platz zurück, der Titel war so gut wie verspielt.

„Das war für ihn schlimmer als eine Majestätsbeleidigung“

Am Ende waren die Spieler derart entkräftet, dass sich Grosser samt einigen Teamgefährten bei den 1860-Vizepräsidenten beschwerte. Der Trainer musste sich daraufhin den Tadel des Präsidiums gefallen lassen. „Das war für ihn schlimmer als eine Majestätsbeleidigung“, erzählt Grosser, „Merkel konnte sich nicht vorstellen, dass sich Leute, die er als Bäcker und Metzger titulierte, überhaupt trauten, ihm Vorschriften zu machen.“

Der grollende Österreicher überließ die Mannschaft daraufhin sich selber, verabschiedete sich mit den Worten: „Ihr wisst’s eh besser, wie es geht.“ Zwei Wochen lang fuhr der schwer beleidigte Coach zwar mit seinem Mercedes täglich zum Trainingsplatz. Er zog sich aber nicht um, sondern ging mit seinem Pudel spazieren. Das Training übernahmen Grosser und Radenkovic. Und das mit Erfolg. Bis zum vorletzten Spieltag hatten die Löwen mit Tabellenführer Dortmund gleichgezogen, es kam zum alles entscheidenden direkten Duell bei der Borussia, am Tag der Schlagerpartie erschien urplötzlich Merkel im Trainingsanzug und sagte, als ob nie etwas gewesen wäre: „Auf geht’s, pack ma’s Burschn.“ 1860 gewann 2:0.

„Heute könnten sich die Spitzenprofis Neuschwanstein mieten“

In den Zeitungen, so Grosser, sei über diese Querelen (es waren nicht die einzigen) damals nichts geschrieben worden. Die Medienlandschaft war eben noch eine ganz andere. Reporter kamen nur zum Spiel, Hintergrundberichte gab es kaum. Wie in den 60er-Jahren eben noch vieles anders war. Zum Beispiel auch die Bezahlung. Das Gehalt war vom Verband reglementiert, als Profi konnte man maximal 1200 Mark verdienen. Für eine Wohnung mit 100 Quadratmetern habe man damals knapp 300 Mark bezahlt, so Grosser. Das war ein Viertel des Gehalts. „Heute könnten sich die Spitzenprofis das Schloss Neuschwanstein mieten.“ Die Meisterprämie betrug immerhin 5000 Mark. Der einstige Spielmacher fügt aber hinzu: „Wir haben gespielt, weil es unser Hobby war. Wir hätten auch ohne Geld gespielt.“

Bernd Patzke, Nationalverteidiger im Meisterteam, erinnert sich zudem an ungewöhnliche Auszahlungspraktiken: „Der Geschäftsführer Ludwig Maierböck ist immer mit einer Zigarrenschachtel voller Scheine in die Kabine gekommen und hat die Prämien verteilt.“ Auch die Einnahmen nach einem Bundesligaspiel wurden auf unkonventionelle Art verwaltet. „Das Geld“, so Grosser, „kam in einen großen Karton, wurde dann zur Geschäftsstelle gebracht und blieb dort zwei, drei Tage stehen, bis es zur Bank gebracht wurde.“

Die Recken von einst treffen sich nach wie vor

Derlei Anekdoten werden heute im Kreis der blauen Haudegen immer noch erzählt. Denn die Recken von einst treffen sich nach wie vor. Sie sind Meisterlöwen geblieben. Die einzigen, die der Verein je hatte. Das schweißt zusammen. Im VIP-Raum der Allianz Arena haben sie einen eigenen Stammtisch, auf dem eine Art Maibaum mit Fotos von allen Spielern samt Trainer steht. Da damals – man mag es kaum glauben – noch nicht ausgewechselt werden durfte, kamen in der Meistersaison insgesamt nur 15 Spieler zum Einsatz, fünf Meisterlöwen sind inzwischen gestorben. Von denen, die noch in München leben, besuchen alle regelmäßig die Heimspiele ihres inzwischen nach jahrzehntelangem Missmanagement in die Niederungen der Zweiten Liga abgesunkenen Vereins.

"Da bin ich schon lange drüber hinweg"

Seinen kritischen Blick hat sich Grosser auch als Zuschauer bewahrt: „Das war kein Fußball, was die in der letzten Saison größtenteils gezeigt haben, das war katastrophal.“ Er weiß aber mit den frustreichen Darbietungen umzugehen: „Dass ich mich da aufregen und einen Herzinfarkt kriegen würde – da bin ich schon lange drüber hinweg. Freilich: Man ist nicht begeistert.“

Doch so ganz will Grosser nicht ausschließen, dass auch für die Sechziger wieder bessere Zeiten kommen. „Die Hoffnung ist da,“ betont er, „es müsste aber irgendjemand kommen – vom Himmel oder sonstwoher – und den Verein richtig in die Hand nehmen.“ Ein frommer Wunsch.

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