Die ersten dunklen Wolken

Eichin: "Wir haben in einigen Bereichen versagt"

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Kosta Runjaic mit Thomas Eichin.

München - Die Würzburger Kickers haben am Sonntag schwache Löwen in die Krise gestürzt. Sportchef Eichin: „Ein Punkt aus vier Spielen ist definitiv zu wenig“.

Kosta Runjaic hörte aufmerksam zu, als sein Schulfreund Bernd Hollerbach auf dem Trainerpodium zum Fazit ausholte. „Es ist ein Unterschied, ob man ein Spiel gewinnen will“, dozierte der Coach von Kickers Würzburg nach dem 2:0 gegen den TSV 1860: „Oder ob man unbedingt gewinnen will.“ Mit Betonung auf un-be-dingt. Hollerbach fand, und nicht nur er sah das so: „Meine Mannschaft wollte an diesem Nachmittag unbedingt gewinnen. Das habe ich die ganze Woche schon gespürt.“

Was 1860-Coach Runjaic die Woche über gespürt hatte, behielt er bei sich – wie so vieles anderes. Mögliche Gedanken, die sich am Sonntag aufgedrängt hatten, waren aber: Wieso war die Körpersprache der Löwen eine Stunde lang eines Derbys unwürdig? Nämlich ab dem Führungstreffer der Gastgeber durch ein Elfmetergeschenk (Bülow patzte, Soriano fiel dankbar über Zimmermanns Fuß/27.) – bis zur Schlussphase, als die Einwechselspieler Andrade und Nico Karger zumindest ein bisschen Gegenwehr leisteten. Warum reicht ein bisschen Kampf, Rennerei und Underdog-Mentalität, um einer Mannschaft mit doppelt so hohem Etat „den Schneid abzukaufen“, wie es Thomas Eichin formulierte? Und überhaupt: Warum hat der Aufsteiger so vieles von dem, was auch dem ambitionierten Investorenklub gut zu Gesicht stünde? Eine funktionierende Mannschaft mit hoher Identifikation, unbändigen Kampfgeist, der vom sehr geerdeten Trainer ausgeht – sogar ein eigenes, wenn auch kleines Stadion. Seit dem Derbysieg haben die Würzburger aber vor allem: Sechs Punkte mehr auf dem Konto als der bayerische Rivale.

„Redebedarf“ sieht Runjaic. Für Sportchef Eichin ist der Punkt erreicht, an dem er das machen kann, was er als seine große Stärke ansieht: Gemüter beruhigen, Krisen moderieren, die Festung zusammenhalten, wie er das mal sinngemäß formuliert hat („Ich mag es, wenn die Kanonen donnern“). Während am Himmel die ersten dunklen Wolken an diesem sonnigen Nachmittag aufzogen, sagte Eichin: „Wir haben heute in einigen Bereichen versagt, das muss man ganz klar so sehen. Ein Punkt aus vier Spielen ist für unsere Ansprüche definitiv zu wenig. Jetzt gilt es, die Ruhe zu bewahren und nicht durchzudrehen.“

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Um eine erste Manöverkritik kam Eichin trotzdem nicht herum. „Wenn du solche Fehler machst“, sagte er, „dann kannst du in der 2. Liga nicht gewinnen.“ Individuelle Fehler, die sich wie ein roter Faden durch die jüngste Misserfolgsserie ziehen. Die letzten Sündenböcke hießen Fanol Perdedaj, Milos Degenek (beide Union), Maxi Wittek (St. Pauli), Jan Mauersberger (Hannover) – diesmal war dem loyalen, aber zunehmend behäbigen Kai Bülow ein fataler Lapus unterlaufen. Eine komplette Defensivreihe – und jeder ein potenzieller Unsicherheitsfaktor.

„Wir haben einige Ausfälle in unserem Kader, die schwer zu kompensieren sind“, sagte Eichin und mag vor allem an die verletzten Offensivstars Stefan Aigner und Ivica Olic gedacht haben. Es rächt sich aber auch, dass er selber bei der sommerlichen Einkaufstour einen zu kurzen Abstecher in die Defensiv-Fachmärkte gemacht hatte. Der dauerverletzte Filip Stojkovic wurde für viele Geld geholt, nicht aber ein Ersatz für den abgewanderten Chris Schindler. „Beim einen oder anderen passt das momentan einfach nicht, wenn er spielt“, kritisierte Eichin. Angesprochen darf sich auch Marnon Busch fühlen. Der Rechtsverteidiger hatte via „Bild“ mehr Einsatzzeit gefordert, machte dann aber dort weiter, wo er beim Saisonstart in Fürth (0:1) aufgehört hatte. Nicht nur vor Felix Müllers Konter zum 0:2 wirkte er überfordert.

Der angefressene Torhüter Jan Zimmermann empfahl dem Team die innere Klausur, die auch Trainer Runjaic mit zwei freien Tagen zu Beginn der Länderspielpause einleitete. „Jeder Einzelne sollte jetzt mit sich hart ins Gericht gehen“, sagte Zimmermann: „Wir müssen selbstkritisch sein und Geist und Körper wieder ins rechte Lot bringen.“ Eichin schloss sich dieser Forderung an. „Wir brauchen nicht über irgendwelche Saisonziele und Visionen zu sprechen“, sagt er mit indirekten Grüßen nach Abu Dhabi: „Wir müssen sehen, dass wir die Köpfe wieder freikriegen.“

Vielleicht war auch das ein Teil des Problems, das einem soliden Löwen-Auftritt im Wege stand: Dass vor lauter Träumen (Champions League) und Lustschlössern (Stadion) schon mal vergessen werden kann, dass drei Punkte in der 2. Liga meist auf höchst bodenständige Weise vergeben werden. Wie Hollerbach sagte: Über den unbedingten Willen zum Erfolg.

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