Keine kritischen Fragen an 1860-Chefs

ARGE-Versammlung vermittelt Illusion eines Aufbruchs

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Präsident Peter Cassalette, Trainer Kosta Runjaic, Abdel Rahman Ismaik und Sportdirektor Oliver Kreuzer nahmen an der ARGE-Versammlung am Samstag teil.

Dietfurt – Die Chef-Etage des TSV 1860 München reist zu einem Fantreffen, wird dort aber von kritischen Fragen verschont. Verbindliche Angaben oder Ankündigungen bleiben aus.

Am Ende wurde es noch mal feierlich in der „7-Täler-Halle“ von Dietfurt. Wie zu Beginn des Nachmittags betrat ein Alleinunterhalter die Bühne in der Ecke und stimmte zwei neue Löwen-Hymnen an, zu denen der Lautstärkeregler bis zum Anschlag hochgefahren wurde. „1860, weißblaue Kraft“, schmetterte der Barde namens „Ritchy“, und als Zugabe: „1860 Go Go Go.“ Was man sich halt so wünscht als Fan, der Jahre des Leidens hinter sich hat und plötzlich – mitten im schönen Altmühltal – die Illusion eines Aufbruchs vermittelt bekommt.

Die Gesangseinlage war der etwas schwülstige Abschluss eines Fanclubtreffens der ARGE, zu dem fast alle führenden Vertreter des TSV 1860 erschienen waren: Präsident Peter Cassalette, Sportchef Oliver Kreuzer und der neuen Trainer Kosta Runjaic. Für die Investorenseite war Abdelrahman Ismaik da. Zusammen mit PR-Mann Raed Gerges vertrat er seinen erkrankten Bruder Hasan Ismaik und staunte sichtlich, wo er da gelandet war.

"Thank you, Hasan 2011 - 2016"

Als die Abgesandten aus Abu Dhabi mit halbstündiger Verspätung in Dietfurt eintrafen, hatte ARGE-Kassenwart Wendelin Wecker gerade unter größtem Bedauern seinen Rücktritt erklärt. „Danke Wendelin“, riefen ihm die Kassenprüfer hinterher: „Wir haben heute Vormittag noch mal zwei Stunden in deine Kasse reingeschaut – sie war wie immer hervorragend geführt.“ Unweigerlich fiel der Blick der Investorenvertreter auch auf ein Transparent, das die komplette hintere Wand der Turnhalle einnahm: „Thank you, Hasan 2011 – 2016“ stand darauf geschrieben. Eine Grußbotschaft des von Ismaik umgarnten Fanclub-Dachverbands ARGE, der zu dem großen Treffen in der Provinz geladen hatte.

Gut zwei Stunden dauerte die vereinspolitisch relevante Veranstaltung, und die meiste Zeit, auch bei der Abschlusshymne, blickte der Bruder des absenten Hasan Ismaik eher indifferent ins aufgekratzte Volk. Fans in Trikots im Saal, Abdelrahman im Anzug auf dem Podium. Wie festgetackert saß er da, zeigte nicht mal eine Regung, als der Sänger mit seinem Mikrofon direkt hinter seinem Rücken auftauchte. Erst als ein Fan auf ihn zukam und um ein Selfie bat, stand Ismaiks Bruder auf, knipste ein Lächeln an – und hielt den Daumen in die Kamera.

Angaben zu Zeitrahmen und Höhe der Investitionen? Fehlanzeige

Daumen hoch. Go, 1860, Go. Das entsprach in etwa der Stimmungslage von etwa 300 Anhängern, die günstiges Bier und selbstgebackenen Kuchen genossen hatten, die Halle aber ohne Erkenntnisgewinn verließen. Viele Fragen wurden gestellt, viele Antworten gegeben, doch das ARGE-Volk in Dietfurt war am Samstag sehr nett zu seinen prominenten Gästen. Sie ließen sie davonkommen mit ihren Auskünften, die nur so strotzten vor Konjunktiven, Einschränkungen und verbalen Fluchtwegen.

Zum Beispiel bei der Frage nach Investitionen, die der Vorsitzende des Fan-Clubs Kasing stellte. „Der Sportchef und der Trainer sind aufgefordert, einen Plan und ein Budget zusammenzustellen“, antwortete der Übersetzer von Ismaiks Bruder: „Beides wird an den Strategieausschuss weitergereicht und genau studiert, damit sich Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen.“ Angaben zum Zeitrahmen des Prüfungsvorganges und zur Höhe der Investitionen: Fehlanzeige.

Ähnlich gestrickt war die Antwort nach dem von Hasan Ismaik versprochenen Stadionbau in Riem: „Ende des Monats steht ein Treffen mit dem Zuständigen des Messegeländes an“, ließ der Bruder des Investors mitteilen: „Das Projekt wird ein paar Jahre in Anspruch nehmen. Dem müssen wir ins Auge schauen. Aber wir sind dabei, Fortschritte zu machen.“ Fortschritte, wie sie auch bei der Generalüberholung des maroden Trainingsgeländes zu verzeichnen seien. Drei Millionen Euro, so hört man, will Ismaik ausgeben. Bisher seien erst „ein paar Hecken“ gepflanzt, wie ein Fragesteller keck anmerkte. Aber, bekam er zu hören: „Die Vorbereitung der Sanierung der Plätze ist fast abgeschlossen.“

Auch Cassalette muss kaum um seine Wiederwahl fürchten

Da war schon mal alles in der Provinz erschienen, was bei 1860 Rang und Namen hat. Doch keiner nutzte die Gelegenheit zu kritischen Nachfragen. Lieber feierten die Fans den neuen Trainer Runjaic, der auch nicht viel sagte, das dafür voller Inbrunst: „Mein Anspruch ist, lang zu bleiben. Der Verein hat Ambitionen, ich habe Ambitionen, die wollen wir Schritt für Schritt verwirklichen. Wir haben bei der Planung ein kleines Zeitdefizit, aber das können wir mit Kompetenz und harter Arbeit aufholen.“ Einzig Kreuzer hatte einen Fakt mit Nachrichtenwert im Gepäck. Die U 19-Talente Moritz Heinrich und Nicholas Helmbrecht hätten Profiverträge unterschrieben, meldete er. Wenigstens das.

Mit einigem Stolz nahmen die ARGE-Bosse ein Dankesschreiben von Hasan Ismaik entgegen. „Ihr seid das Herz, das im TSV 1860 schlägt und diesen Verein so liebenswert und populär macht“, schrieb er mit Pathos. Von Seiten des Dachverbands, der 37.000 Fans vereint, braucht Ismaik wohl keinen Gegenwind mehr zu fürchten – zumal er versprochen hat, dass die ARGE wieder ein Büro und einen Briefkasten in der Geschäftsstelle bekommt. Beides war ihr zuletzt genommen worden.

Auch Cassalette muss wohl kaum um seine Wiederwahl fürchten. Fröhlich verließ er die Halle und dachte bereits an die Mitgliederversammlung am Sonntag. „Gerade habe ich meine Frau davon überzeugt, dass ich das noch drei Jahre machen will.“ Wie Fan Ritchy in seiner neuen Löwen-Hymne getextet hatte: „Hand in Hand – bis ans Ende der Welt.“

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