tz-Doppelinterview mit Schneider und Lehmann

Löwen-Stadionsprecher: Darum beneide ich meinen FCB-Kollegen

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Wimpeltausch beim Interview-Termin mit der tz: Löwen-Stadionsprecher Stefan Schneider (l.) und sein Bayern-Kollege Stephan Lehmann

München - Sie tragen beide den selben Namen, wenn auch anders geschrieben. Und beide haben einen ähnlichen Job. Einer ist Stadionsprecher der Löwen, der andere des FC Bayern. Die tz traf sie zum Doppelinterview.

Als die Löwen 1966 Meister wurden, war der eine gerade mal vier, der andere knapp vier Jahre alt. Stefan & Stephan, die heutigen Stadionsprecher des TSV 1860 bzw. FC Bayern. Der blaue und zwei Monate ältere heißt Schneider, der rote Lehmann. 1965/66 war die erste Bundesligasaison, in der München mit zwei Vereinen an den Start ging. Die Löwen waren als Süddeutscher Meister 1963 Gründungsmitglied der neuen Eliteklasse, die Bayern stiegen zwei Jahre später auf. Und das allererste Bundesligaderby gab’s gleich an Spieltag eins. Die Löwen gewannen 1:0 durch das Tor von Timo Konietzka in der ersten Minute. Wären die Bayern als Sieger vom Platz gegangen, hätten sie am Ende die Schale hochgehalten. Schneider und Lehmann spielten damals noch in den Schwabinger bzw. Harlachinger Sandkästen, dürften davon kaum was mitbekommen haben. Oder doch? Die tz fragte nach.

Wie sieht’s aus? Irgendeine Erinnerung an die einzige Meisterschaft der Löwen?

Lehmann: Ich wusste damals gar nicht, dass es 1860 gibt.

Schneider: Null Erinnerung.

Wie und wann entstand denn die Liebe zu Ihren Vereinen?

Schneider: Das muss im Jahr 1969 gewesen sein. Mein Onkel hat mich zum FC Bayern mitgenommen, der Großvater zu den Löwen. Und obwohl Sechzig beide Spiele verloren hat, war mir der Verein irgendwie sympathischer. Und meine Spezl am Josephsplatz waren, wie ich dann mitgekriegt habe, auch alle Blaue. Da war’s dann um mich geschehen. Und ich muss sagen, es war die beste Entscheidung meines Lebens.

Lehmann: Ich war durch die Familie nicht vorbelastet, Fußball spielte daheim keine große Rolle. 1970 etwa war ich das erste Mal im Stadion, ohne dass das großen Eindruck hinterlassen hätte. Erst zwei, drei Jahre später bin ich voll in den FC Bayern eingestiegen. War ja auch nicht schwer, es war die große Zeit von Maier, Beckenbauer und Müller.

Wie kamen Sie an die Jobs als Stadionsprecher?

Schneider: Das war 1993. Ich war beim Radio, und der damalige Löwen-Manager Helmut Schmitz hat mich gehört. Er rief beim Sender an und sagte, ihr habt da so einen Blauen am Mikrofon, das wäre einer für uns. So bin ich’s geworden. Das erste Spiel war Uerdingen, ich war einer der Ersten, der die Ansagen unten am Rasen gemacht hat und natürlich sehr aufgeregt.

Lehmann: Bei mir war es 1996, ich beende jetzt also meine 20. Saison. Auch ich war beim Radio. Meine Stadionsprecher-Premiere war gegen Bochum, und der erste Torschütze, den ich verkünden durfte, war: „Ruggieroooo Rizzitelliiiii!“

Schneider: Gegen Paderborn hatte ich 40 Grad Fieber

Ist einer schon mal ausgefallen?

Schneider: Es gibt nur zwei Alternativen: entweder Rechts der Isar oder anwesend. Zuletzt gegen Paderborn habe ich mit 40 Grad Fieber die Ansage gemacht.

Lehmann: Zwei, drei Mal war ich trotz einer ganz fetten Erkältung im Einsatz. Und als ich mal eine Kehlkopfentzündung hatte, da hab ich die meiste Zeit einen Zwölfjährigen sprechen lassen, der einen Stadionsprecher-Wettbewerb ­„gewonnen“ hatte.

Wie kommen Sie miteinander aus? Beneidet oder bemitleidet man sich?

Lehmann: Wir sind schon lange Freunde. Wir kennen uns ja bereits aus früheren Zeiten. Aus dem Münchner Nachtleben. Im „Sugar Shack“ und so weiter. Mitleid hatte ich beim Relegationsrückspiel gegen Holstein Kiel. „Da habe ich mir gedacht: Mei Schneider, du arme Sau…“

Schneider: Ich beneide Stefan um keine Meisterschaft, keinen Rathausbalkon oder Europapokal. Aber um den Spaß bei der Moderation. Ein Tor zum 6:0 würde ich auch gerne mal ansagen. Ansonsten brauche ich, wie gesagt, die ganzen Titel nicht. Das ist nicht meins. Auf einer kleinen Party ist es auch super.

Lehmann (grinst): Ja, wo man sich in der Küche trifft…

Als zwischen 1994 und 2004 beide Klubs in der Bundesliga spielten, gab es ja immer eine Derbywette zwischen Ihnen. Da dürften Sie recht alt ausgesehen haben, Herr Schneider…

Schneider: Ich habe auf dem Marienplatz im roten Trikot mit dem Ball jonglieren müssen, die Südkurve in der Arena mit dem Besen ausgekehrt und im Bayern-Fanshop rote Trikots verkauft.

Umgekehrt war es 1999/2000, als zweimal Sechzig gewann…

Stefan Schneider (l.) und Stephan Lehmann im Grünwalder Stadion 2003.

Schneider: Eben nicht! Ausgerechnet in diesem halben Jahr war ich nicht Stadionsprecher, weil die Kirch-Gruppe damals aus Marketinggründen einen anderen Mann bei 1860 eingesetzt hat.

Lehmann: Da habe ich echt Glück gehabt. Mit dem anderen habe ich nämlich nicht gewettet.

Lehmann: Natürlich haben wir ein verwöhntes Publikum

Herr Schneider, von Ihnen stammt der Spruch: „Manche gehen zur Domina, ich gehe zu 1860. Am Ende ist es das Gleiche.“ Wohin gehen Sie, Herr Lehmann?

Lehmann: Was soll ich darauf sagen? Der Spruch ist nicht zu toppen.

Schneider: Ich kann noch etwas besser als du: verlieren.

Lehmann: Die Enttäuschungen sind halt auf einem anderen Level. Wir verlieren im Halbfinale der Champions League, aber Abstiegskampf ist viel schlimmer.

Schneider: Ich weiß nicht, wie es ist, wenn du Meister wirst. Aber ich weiß, dass es schlimmer ist, wenn du alles verlierst, als wenn du etwas dazugewinnen kannst und das dann nicht klappt. Andererseits sage ich auch: So wie gegen Paderborn bei uns die Hütte gebrannt hat, das ist bei Bayern nur vergleichbar, wenn du gegen Barcelona 7:0 führst.

Lehmann: Natürlich haben wir ein verwöhntes Publikum. Aber es ist auch fachkundig. Nach dem Ausscheiden gegen Atletico Madrid gab es Standing Ovations, weil die Leistung honoriert wurde.

Schauen Sie sich die Spiele des Lokalrivalen an?

Schneider: Ich schaue mir kein Spiel von Bayern an. Mir ist das völlig egal.

Lehmann: Spiele der Löwen sehe ich auch nicht, aber ich habe mich wirklich gefreut, dass sie vor einem Jahr in der Relegation gegen Kiel nicht abgestiegen sind. Ich war damals in Südtirol in Urlaub und habe während des Spiels im Pool mit meiner Tochter rum geplanscht. Aber ich muss gestehen, dass ich alle zehn Minuten an den Beckenrand geschwommen bin und mich am Smartphone informiert habe, wie es steht. Ich finde es nicht schön, wenn der andere leidet. Häme kenne ich nicht. Ich kann wirklich verstehen, dass einer Löwenfan ist. Weil Fußball eine emotionale Sache ist. Und wenn Bayern mal absteigen sollte, was natürlich nie passiert, würden auch unsere Fans treu dabeibleiben.

Schneider: Na ja, aber die mit der Nerzstola im VIP-Bereich bleiben dann schon weg.

Bilder: Das sind Münchens große Stadien

Schneider: Wir Löwen haben löwenslänglich

Was macht Sechzig aus, Herr Schneider?

Schneider: Ich bin bei einem Verein, wo es brennt. Da kommen über 50.000 gegen Paderborn. Obwohl du dir mit dem Ligakrösus die Stadt teilst. Aber wir Blauen haben halt löwenslänglich.

Wer von Ihnen beiden hat wegen eines Spiels schon mal geweint?

Schneider: Ich bei den Aufstiegen 1977 gegen Bielefeld in Frankfurt und 1994 in Meppen.

Lehmann: Auch bei mir waren es meist Tränen der Freude, aber bei den Finalniederlagen im Europacup 1982 in Rotterdam gegen Aston Villa und ’87 in Wien gegen Porto habe ich auch geweint. Und natürlich bei der Mutter aller Niederlagen, dem 1:2 gegen ManU 1999.

Wie viel München steckt in den Klubs?

Schneider: 1860 ist mehr Irgendwie und Sowieso, Bayern eher Kir Royal. Viele Bayernfans verstehe ich übrigens vom ­Dialekt her gar nicht.

Lehmann: Der FC Bayern trägt eine große Portion München in sich. München ist ja auch internationaler geworden und hat sich verändert. So wie der FC Bayern.

Zählen Sie bitte zum Abschluss alle Meisterspieler Ihres Klubs auf.

Schneider: Der Radi, Reich, Rebele, Heiß, Konietzka, Brunnenmeier, Grosser, Küppers, Luttrop. (Er kommt ins Stocken. Sechs fehlen noch.) „Zefix, wia hoaßn de andern?“

Jetzt Sie Herr Lehmann und Ihre gefühlten 7000 Meisterspieler…

Lehmann: Nehmen wir erst mal die etwas Älteren: Hansen, Kapellmann, Weiner, Nachtweih, Torstensson, Wunder, Beckenbauer, Müller und Maier sowieso, Roth, Olk, Dürnberger, Hamann…

Genug, genug, das reicht. Sagen Sie uns noch, welcher Spieler für Sie die absolute Identifikationsfigur Ihres Vereins ist?

Lehmann: Gerd Müller. Ohne ihn wäre der FC Bayern nie das geworden, was er ist.

Schneider: Thomas Miller. Er verkörpert alles, was Sechzig ausmacht. Genauso wie Daniel Bierofka.

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