Nach Löwen-Pleite

Ismaik fragte Cassalette: "Peter, was ist passiert?"

+
Anruf aus Abu Dhabi: 1860-Präsident Peter Cassalette hatte seine liebe Mühe, dem enttäuschten Investor Hasan Ismaik die 0:2-Heimniederlage gegen Hannover 96 zu erklären. (Archivbild)

München - Der sportliche Dämpfer kommt für Ismaik zur Unzeit – Cassalette beschwichtigt, Runjaic denkt bereits an Würzburg.

Peter Cassalette wählte die klassisch-bayerische Methode, um seinen über Nacht kaum gelinderten Löwen-Blues zu bekämpfen. „Ich geh’ jetzt auf die Wiesn“, sagte der Präsident des TSV 1860, als er am Mittag nach dem 0:2 gegen Hannover Richtung Trambahn stapfte. Sein Plan: „Ich muss das alles mit ein, zwei Mass runterschwemmen.“ Die Einladung ins Bierzelt kam dem Vereinsoberhaupt gerade recht. „Der Frust sitzt schon noch ziemlich tief“, bekannte er.

Nicht nur bei ihm, wie der Oberlöwe erfahren musste, als er wie so oft als Blitzableiter für einen ganzen Verein herhalten musste. Zum Beispiel für aufgebrachte Meisterlöwen, die noch am Sonntag im VIP-Raum ein Ventil für ihren Verdruss gesucht hatten. „Meine Freunde dort, der Heiß Fredi und der Grosser Peter, die haben geschimpft: Nix ist besser geworden! Ihr spielt den gleichen Scheiß wie letztes Jahr.“ Cassalettes Reaktion: „Ihr habt früher doch auch mal ein schlechtes Spiel gemacht. Ja, ja, sagen die dann: Aber nur einmal im Jahr.“ Und kaum hatte er die Meisterlöwen besänftigt, wartete schon der nächste Blauhelm-Einsatz auf den 62-jährigen Kriseninterventions-Experten.

"Peter, what happened?"

Cassalettes selbstgewählte Aufgabe besteht bekanntlich auch darin, Spannungen zwischen München-Giesing und dem zweiten Firmensitz in Abu Dhabi entgegenzuwirken, möglichst frühzeitig. Eigens zu diesem Zweck wurde eine Art „heißer Draht“ eingerichtet. „Normal schreibt mir der Hasan nach Spielen eine WhatsApp-Nachricht“, berichtete Cassalette vom regen Kontakt mit seinem neuen Männerfreund. Am Sonntag war es jedoch so, dass er den Investor kurz nach dem Spiel am Telefon hatte – was auf erhöhten Gesprächsbedarf schließen ließ. „Peter, what happend?“, habe Ismaik gefragt: Peter, was ist passiert? Es klang, als hätte sich die Stimmung des zuletzt so frohgemuten Investors fast schon wieder ins Gegenteil verkehrt: „Ich bin enttäuscht, hat er gesagt. Und klar: Den freut so was natürlich auch nicht.“

Aus Ismaiks Sicht kommt der Durchhänger seiner mit einer Millionensumme aufgerüsteten Löwen zum ungünstigen Zeitpunkt. Wiesn-Heimspiel verpatzt, über 90 Minuten ohne Torchancen geblieben, überhaupt die Englische Woche äußerst mäßig abgeschlossen (ein Punkt). Und gestern kam dann das große kicker-Interview mit dem Investor auf den Markt. Schlagzeile: „Die Champions League ist unser Traum.“

Schneller Erfolg scheint nach Sonntag unrealistisch

Schon die Überschrift ließ auf gewohnt hochtrabende Pläne schließen. Und in diesem Tonfall, der die sportliche Gegenwart negiert, ging es munter weiter. Über den neuen Geschäftsführer, der bis spätestens Frühjahr 2017 kommen soll, sagte Ismaik: „Er wird von einem der größten Fußballklubs der Welt kommen.“ Über den Stolz des Vereins, die Nachwuchsabteilung: „Es wird viel Geld fließen, um daraus eines der wichtigsten Zentren der Welt zu machen.“ Über Kosta Runjaic: „Ich hoffe, dass er gute Ergebnisse erzielen kann und künftig einer der größten Trainer wird.“ Und überhaupt: „Wir werden die besten Kräfte zu uns holen.“ Außerdem natürlich ein Stadion für 52 000 Zuschauer bauen. Aufsteigen. International spielen. Wobei Ismaik selbst einschränkt: „Vielleicht klappt der erste Schritt in einem Jahr, vielleicht in zwei oder drei Jahren.“

Nach den Eindrücken vom Sonntag ist ein schneller Erfolg eher unrealistisch. Mit 15 bis 17 Punkten auf dem Konto wollte Cassalette in die nächste Länderspielpause gehen. Maximal elf können es werden nach einer Woche mit Pannen (Union), etwas Pech (St. Pauli) und einer weiteren Pleite (Hannover). Einer schien überraschenderweise am besten mit der großen Ernüchterung klarzukommen: Kosta Runjaic. 

"Denke, wir sollten die Partie schnell abhaken"

„Wir haben verdient verloren“, sagte der von Ismaik hoch eingeschätzte Trainer über das 0:2 vom Sonntag: „Der Gegner war uns überlegen.“ Gründe sind für Runjaic schnell gefunden: Die unterschiedliche Qualität der Kader, Verletzungspech, die schnelle Abfolge der Spiele. „Ich denke, wir sollten die Partie schnell abhaken.“ Runjaic predigt ja gerne, dass so ein Neuaufbau einiges an Geduld erfordere. Für die Visionen des Investors hatte er ein eher mildes Lächeln übrig. „Für mich ist erstmal das Spiel am Sonntag in Würzburg interessant“, sagte er: „Das wird schwer genug.“

Ungeachtet des „kleinen Rückschlages“ (Cassalette) steht für Runjaic fest, dass die Löwen heute einen schönen Wiesn-Abend haben werden. Ein Sponsor hat geladen – und der Coach sieht nicht mal einen Anlass, seinen Spielern das Bier zu verbieten. „Warum sollte ich?“ fragte er: „Vielleicht hilft’s ja bei der Regeneration.“ Der ambitionierte Ismaik wird die Bilder der schunkelnden 1860-Profis einzuordnen wissen. Und falls nicht, ist eben wieder der diplomatische Dienst gefordert: Peter Cassalette.

auch interessant

Meistgelesen

Ismaik: So entwickelte sich sein Verhältnis zu den Fans
Ismaik: So entwickelte sich sein Verhältnis zu den Fans
Sechzig bejubelt den Sieg: „Eine unglaubliche Befreiung“
Sechzig bejubelt den Sieg: „Eine unglaubliche Befreiung“
TSV 1860: Wer ist eigentlich Anthony Power?
TSV 1860: Wer ist eigentlich Anthony Power?
Medien-Boykott: Wir bleiben an der Seite der Löwen-Fans
Medien-Boykott: Wir bleiben an der Seite der Löwen-Fans

Kommentare