Ex-Löwe in Löws EM-Kader

Weigl im Merkur-Interview: "1860 liegt mir noch sehr am Herzen"

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Zurückhaltend - aber auch selbstbewusst: Julian Weigl traut sich EM-Einsatz durchaus zu.

Ascona - Mit den Löwen kämpfte er gegen den Abstieg, beim BVB startet er durch: Julian Weigl spricht im Interview über Jogi Löw, 214 Ballkontakte, den TSV 1860 und den speziellen "Futterneid" der Kollegen.

Vor einem Jahr noch im Abstiegskampf der 2. Liga und im Chaos der Münchner Löwen, nun im EM-Kader und in der Bundesliga Inhaber einer Rekordmarke – Julian Weigl, 20, hat eine erstaunliche Karriere hingelegt.

Julian, wie fühlt sich eigentlich die Hüfte von Franck Ribery an? Im Pokalfinale in Berlin haben Sie von ihm ja einen satten Check abbekommen.

Julian Weigl:  Ich war überrascht, dass ich relativ standhaft bleiben konnte. Aber da wirkt auf jeden Fall Kraft gegen dich, der Ribery ist schon sehr stabil im Zweikampf. Ich bin dann lieber gleich weggegangen.

Die Schockwelle verteilt sich bei Ihnen aber auch auf die Länge des Körpers. 1,87 Meter.

Weigl: Ich bin mehr der schlaksige Typ, aber versuche mit dem, was ich habe, gut dagegenzuhalten. Und es funktioniert eigentlich ganz gut.

Am Dienstag fand die endgültige Nominierung für die Europameisterschaft statt. Sie gehörten zu den Spielern, die eine Streichung hätten treffen können. Haben Sie gebangt?

Weigl: Ich habe der Nominierung ganz gelassen entgegengeschaut, denn für mich war es schon ein Erfolg, im vorläufigen Kader zu sein. Im Training habe ich mich bemüht, meine Stärken gut einzubringen, habe auch Lob bekommen von Joachim Löw. Dadurch hatte ich schon ein ganz gutes Gefühl, wäre aber auch nicht am Boden zerstört gewesen, wenn ich nicht dabeigewesen wäre. Auch so ist es eine herausragende Saison. Jetzt eben noch mit dem i-Tüpfelchen, mein erstes Turnier mitzuerleben.

Sie bilden jetzt mit Mats Hummels die kleine BVB-Fraktion, und der Kollege ist bereits halb bei den Bayern, zumindest ab dem 1. Juli offiziell. Hätten Sie sich mehr aus dem Verein vertraute Gesichter gewünscht?

Weigl: Das kann man nie mitentscheiden, das ist jetzt halt so, nachdem Marco (Reus, d. Red.) verletzungsbedingt ausgefallen ist. Das hat jeder hier als sehr sehr schade empfunden, weil er bereits die Tragödie hatte, dass er 2014 nicht mitkonnte.

Wie positioniert man sich als Neuling im Nationalteam? Erst mal hinten anstellen?

Weigl: Natürlich habe ich am Anfang erst einmal abgewartet und mir alles angeschaut. Es sind ja sehr viele Leute dabei, die etwas um die Mannschaft herum machen. Bis man da jeden kennenlernt und weiß, wer wofür zuständig ist, habe ich ein, zwei Tage gebraucht. Aber auf dem Trainingsplatz gibt es kein Abwarten, da habe ich von Anfang an versucht, zu zeigen, was ich kann.

Seit dem Film „Die Mannschaft“ über den WM-Gewinn von 2014 weiß man, dass neue Spieler beim DFB zum Einstand was vorsingen müssen. Christoph Kramer trug damals auf der nächtlichen Fähren-Überfahrt zum Campo Bahia das Werk von Ronan Keating vor.

Weigl: Ich hab’s gesehen. Aber bei mir ist es noch nicht soweit gewesen. Man kann sich aber sicher sein, dass Thomas Müller und Co. sich was einfallen lassen.

Julian, neulich in der Bundesliga haben Sie einen Rekord aufgestellt. Mit 214 Ballkontakten in einem Spiel. Das hatte zuvor noch niemand, noch nicht einmal der Stratege Xabi Alonso von den Bayern. Ist Ihnen im Spiel bewusst gewesen, was sich da anbahnt?

Weigl: Es war mir nicht bewusst, denn ich habe damit gekämpft, dass meine langen Bälle nicht angekommen sind. Dafür hat mich unser Trainer auch öfter angeschnauzt, darum habe ich auch nicht darauf geachtet, wie oft ich eigentlich am Ball bin. Danach habe ich es aber sofort erfahren, und meine Freunde haben mir Mitteilungen geschickt, ob ich irre bin, so oft den Ball zu haben. Ich hatte die 90 Minuten nicht mal komplett durchgespielt (83. ausgewechselt/Anm. Red.).

Was bedeuten solche Statistiken?

Weigl: Kaufen kann ich mir davon nichts, aber es sind gute Werte. Heutzutage wird vieles erfasst, jeder guckt sich solche Statistiken an, und von daher bin ich schon auch ein klein wenig stolz, Geschichte geschrieben zu haben.

"1860 ist nicht aus meinem Leben verschwunden"

Fühlt sich Ihre Zeit beim TSV 1860 an, als würde sie schon länger als ein Jahr zurückliegen?

Weigl: Muss ich schon sagen. So schnell wie dieses Jahr vergangen ist. In Dortmund habe ich mich gut zurechtgefunden, dennoch ist 1860 nicht aus meinem Leben verschwunden. Ich halte Kontakt zu den Jungs und habe es auch zweimal geschafft, zum Trainingsgelände zu kommen und sie zu besuchen. Bei 1860 bin ich groß geworden, habe meine ersten Schritte im Profifußball gemacht, der Verein liegt mir immer noch sehr am Herzen. Es ist ein toller familiärer Verein – in dem nicht alles funktioniert.

Was mag jetzt wohl der Taxifahrer denken, der Sie, den jungen nächtlichen Passagier, der ein wenig über die Löwen lästerte, an den Verein verpfiff?

Weigl: Das würde mich auch interessieren (lacht).

Wird er im Fernsehen verfolgen können, wie Sie bei der EM nicht nur auf der Bank sitzen, sondern auch spielen?

Weigl: Natürlich will jeder spielen. Bei mir ist die Konstellation vielleicht eine etwas andere: Es ist kein Weltuntergang, wenn ich wenige oder gar keine Einsätze bekomme. Aber so gehe ich nicht ran. Ich gehe im Training so ran, dass ich dem Gegner zeige, was er von mir bekommt. Ich habe ja auch gezeigt, dass ich in den internationalen Spielen keine kalten Füße bekommen habe. Er kann mich reinwerfen, wenn er will.

Ein Rivale um die Position auf dem Feld könnte Bastian Schweinsteiger sein. Sehr jung gegen schon etwas älter.

Weigl: Basti und ich, wir verstehen uns sehr sehr gut, wir kommen ja aus derselben Ecke und hatten gleich Gesprächspunkte. Er ist ein total offener und guter Typ. Ich weiß nicht, ob er jung geblieben ist oder ich besonders reif bin: Jedenfalls gibt es zwischen uns bestimmt kein Generationsproblem.

Aus der grob gesagt Rosenheimer Ecke kommen nicht nur Schweinsteiger und Sie, sondern auch die Bender-Zwillinge. Normal wird man da Skifahrer.

Weigl: Basti war ja ein sehr guter, ich bin auch gefahren, aber keine Rennen. Erklären kann ich es nicht, dass diese Gegend viele Fußballer entwickelt. Jedenfalls ist es für mich ein Vorteil gewesen, diese Verbindung zu haben, als ich nach Dortmund kam, da hilft mir Sven Bender viel – und hier ist es Bastian Schweinsteiger.

Werden Sie unter Kollegen eigentlich dafür beneidet, dass Sie essen können, ohne zuzunehmen?

Weigl: Da gibt’s schon welche, die mal einen Spruch drücken. So ungefähr: ,Der isst soviel und wird nicht schwerer – und ich nehme zu, wenn ich Essen nur ansehe.’ Beides ist wohl nicht optimal, zu mir sagt man, ich sollte mal zulegen, und ich kann es nicht, auch wenn ich Pudding esse. Die anderen würden gerne zuschlagen, dürfen es aber nicht.

Kann man unter dem Diät-Fanatiker Thomas Tuchel in Dortmund überhaupt zunehmen?

Weigl: Ich habe einen eigenen Plan bekommen, damit ich zunehme. Ich achte darauf, gut zu essen. Der Erfolg ist bisher mäßig.

Das Interview führte Günter Klein

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