Dr. Widenmayer im Interview

Ex-1860-Arzt: Neuzugang fiel durch Medizincheck - und spielte top

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Dr. Wilhelm Widenmayer (l.) versorgt den ehemaligen Löwen-Kapitän Christopher Schindler medizinisch.

München – Dr. Wilhelm Widenmayer betreute den TSV 1860 23 Jahre als Mannschaftsarzt. Im Interview spricht er über Medizinchecks, dortige Kuriositäten und die Regelungen des DFB.

Ein neuer Spieler kommt zu einem Profiverein, es wird immer der obligatorische Medizincheck gemacht, doch was ist das eigentlich genau? Wir haben mit Dr. Wilhelm Widenmayer (64) gesprochen, der 23 Jahre beim TSV 1860 München als Teamarzt gearbeitet hat und bereits seit 20 Jahren die deutsche Hockey-Nationalmannschaft der Herren betreut.

Herr Dr. Widenmayer, vor einem Spieler-Transfer im Profifußball steht stets der obligatorische Medizincheck an. Wozu dient er?

Dr. Wilhelm Widenmayer: Er dient dazu, die Gesundheit des Spielers zu überprüfen und die Fähigkeit für den Profifußball im Hinblick auf seinen Bewegungsapparat abzuklären. Es gibt viele unheimlich gute talentierte Spieler, die einfach nicht den Körper dazu haben. Die körperlichen Voraussetzungen müssen überprüft werden, bevor ein Verein einen Spieler verpflichtet. 

Was wird bei einem Medizincheck alles überprüft und wie läuft er ab?

Dr. Widenmayer: Der Spieler wird von oben bis unten untersucht. Da ist alles dabei: Blutabnahme, internistische Untersuchung, kardiologische Untersuchung. Wir haben da immer eine sogenannte Stress-Echokardiografie machen lassen. Hinzu kommt dann noch die allgemeinmedizinische Untersuchung und die orthopädische Untersuchung. Das Ganze dauert schon eine gewisse Zeit. Sollten in der Vorgeschichte Knieverletzungen oder unklare Gelenksverletzungen vorhanden sein, wird auch eine Kernspintomographie gemacht, aber das ist nicht die Routine.

Widenmayer: Alle Spieler des Kaders werden überprüft

Gibt es im Profifußball einheitliche Verfahren bei einem Medizincheck, oder kann dies jeder Verein individuell festlegen? 

Dr. Widenmayer: Es gibt vom DFB eine einheitliche Vorgabe, an die man sich halten muss. Jeder Verein kann da aber noch mehr machen. 

Wie sieht es mit den Spielern im aktuellen Kader eines Vereins aus. In welchem Abstand und in welchem Umfang werden ihre Leistungsdaten medizinisch überprüft? 

Dr. Widenmayer: Der Verein muss dem DFB schriftlich mitteilen, dass alle Spieler des aktuellen Kaders überprüft worden sind. Das bedeutet, es wird jeder orthopädisch, internistisch und kardiologisch einmal im Jahr mit Blutabnahme, mit körperlicher Untersuchung, Belastungs-EKG mit Herz-Echo oder Stress-Echo untersucht. Hinzu kommt die Untersuchung des Bewegungsapparats. Bei 1860 München haben wir zudem am Anfang und vier Mal während der Saison einen Laktattest gemacht, was auch bei Neuzugängen sehr sinnvoll ist, da man dort sehen kann, ob der Spieler im Grundlagen-Ausdauerbereich etwas drauf hat und fit ist. 

Widenmayer: Darum würde ich von einer Verpflichtung abraten

Welche Ergebnisse bei einem Medizincheck würden Sie dazu bewegen, dem Verein von einer Spieler-Verpflichtung abzuraten?

Dr. Widenmayer: Man frägt einen Spieler immer, wie viele Spiele er gemacht hat und wie oft er im Training gefehlt hat. Und wenn es dann nur zehn Einsätze sind, dann hört man immer die gleichen Ausreden, wie zum Beispiel „mit dem Trainer nicht zu Recht gekommen“. Wenn ein Spieler 34 Spiele gemacht hat, dann kann man davon ausgehen, dass er fit war. Abraten würde ich einem Verein, wenn ein Spieler eine langwierige Verletzung hat, die immer wieder aufbricht und er in der Vergangenheit größere Verletzungspausen im alten Verein hatte. Man nimmt bei jedem Wechsel, bei dem noch Fragen offen sind, auch Kontakt mit dem Mannschaftsarzt des anderen Vereines auf. Da kann man dann schon gute Informationen bekommen. 

Man arbeitet unter den Ärzten im Profifußball also zusammen?

Dr. Widenmayer: Ja, auf jeden Fall. Das ist eine kleine Gruppe. Ddas war umgekehrt dann genauso, dass mich andere Ärzte angerufen haben, wenn es um einen Spieler ging, der bei mir in der Untersuchung war. 

1860 holte Top-Spieler - gegen Widenmayers Empfehlung

Sie waren 23 Jahre beim TSV 1860 München. Gab es auch einmal die Situation, dass ein Spieler aufgrund ihrer Einschätzung nicht verpflichtet wurde?

Dr. Widenmayer: Ja, die gab es. Das war ein ausländischer Spieler, der am Knie operiert worden war und dessen Knie total kaputt waren. Er hatte eine völlige Einschränkung seiner Beweglichkeit, er konnte nicht durchstrecken und abwinkeln. Das haben wir dann abgelehnt und er wurde auch nicht verpflichtet. 

Sie haben unzählige Medizinchecks durchgeführt. Dort erlebt man mit Sicherheit auch die ein oder andere Situation, die besonders im Gedächtnis bleibt. Welches Ereignis fällt Ihnen dazu ein?

Dr. Widenmayer: Ja, wir hatten einmal einen ehemaligen Top-Spieler. Er hatte so schlechte Knie, dass wir ihn geröntgt haben. Die Bilder haben gezeigt, dass er eigentlich ein künstliches Gelenk gebraucht hätte. Das haben wir dem Verein dann mitgeteilt, doch er wollte ihn trotzdem. Er hat dann eineinhalb Jahre ohne auch nur eine Spritze bei 1860 durchgespielt. Das war schon sehr überraschend. 

Wie kann man sich den Alltag eines Mediziners bei einem Fußballverein vorstellen? 

Dr. Widenmayer: Angestellte gibt es da nicht, wir sind alle freiberuflich unterwegs. Bei uns war es so, dass ich es mir mit meinem Kollegen Dr. Alois Engelhard aufgeteilt habe. Jedes Training wurde von einem von uns beiden besucht und das Spiel natürlich auch, um auf Verletzungen sofort reagieren zu können. Der Alltag ist die tägliche Rücksprache mit den Physiotherapeuten und Trainer. Wenn sich ein Spieler verletzt hat, sind sie natürlich direkt in die Praxis gekommen und wir haben versucht, das dann schnellstmöglich in den Griff zu bekommen.

Das Gespräch mit Dr. Wilhelm Widenmayer führte Matthias Kovacs.

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