Der Löwen-Kapitän spricht ausführlich

Aigner im Interview: "Aufstieg – je früher, desto schöner"

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"Da ist einiges an Last abgefallen“: Herzenslöwe Aigner, mit zwei Toren ein Garant für den guten Saisonstart.

München - Im Interview mit dem Münchner Merkur spricht Heimkehrer Stefan Aigner über die Ziele des TSV 1860, seine neue Rolle als Anführer und eine tiefblaue Familie.

Er wurde empfangen wie ein König – und sorgte auf Anhieb für bessere Zeiten. Mit zwei Treffern und einer Torvorlage hat Stefan Aigner, 29, maßgeblichen Anteil am guten Saisonstart des TSV 1860. Warum er im besten Fußballeralter zurück in die 2. Liga geht, welche Ziele er mit seinem Herzensverein erreichen will und wie er die vier Jahre im hessischen Exil bei Eintracht Frankfurt erlebte, verrät der neue Löwen-Kapitän im Interview.

Stefan Aigner, eine entscheidende Frage zuerst: Haben Sie Ihren Sohn Felix am Samstag noch in wachem Zustand angetroffen? Oder haben Sie das Spiel umsonst in der Nachspielzeit entschieden?

Stefan Aigner: Er war ja im Stadion dabei und ist zurzeit eh immer ein bisschen länger wach. Ich hatte das ja mehr aus Spaß gesagt, aber es stimmt schon auch: Ich freue mich jeden Tag, wenn ich heimkomme und er ist noch auf. Da merkt man dann, was wirklich wichtig ist im Leben.

War die Geburt Ihres Sohnes im Frühjahr auch ein Grund dafür, dass Sie zurück in die Heimat wollten? Oder hatten Sie nur keine Lust mehr auf Wolkenkratzer und Äbbelwoi?

Aigner: Natürlich hat das auch eine Rolle gespielt. Es war nicht der Hauptgrund, aber klar: Jetzt hat man Familie, und da zieht es einen in die Heimat.

Er sollte nicht als Hesse aufwachsen, stimmt’s?

Aigner: (lacht) Hesse ist er sowieso. In Bad Homburg geboren, aber es gibt Schlimmeres.

Vor vier Wochen waren Sie noch in Frankfurt, jetzt haben Sie den Löwen mit drei Torbeteiligungen zwei Siege beschert. Hätten Sie zu träumen gewagt, dass Ihre Rückkehr so glatt verlaufen würde?

Aigner: Es freut mich natürlich, aber nach drei Spielen ist das eine schöne Momentaufnahme, nicht mehr. Ich versuche, mich so gut wie möglich einzubringen, der Mannschaft zu helfen. Zwei Siege zum Start sind schon gut, aber der Pokalsieg gegen Karlsruhe war für mich ein Bonusspiel. Wichtiger wäre, dass wir am Samstag in der Liga drei Punkte mitnehmen.

Einerseits sind Sie in ein vertrautes Umfeld zurückgekommen. Andererseits ist vieles neu: die Mannschaft, der Trainer, der Sportchef, der Präsident. Fühlt man sich da fremd im eigenen Verein?

Aigner: So anders fühlt es sich gar nicht an. Wenn jetzt die Geschäftsstelle woanders wäre oder das Stüberl weg, dann wäre es sicher komisch. Aber die Fans, die man trifft, sind meistens noch die alten.

Kann man von den Teamkollegen nicht behaupten. Nur Kai Bülow und Vitus Eicher waren schon da, als Sie vor vier Jahren gegangen sind.

Aigner: Das stimmt, aber einen Daniel Adlung kennt man ja aus der Liga. Auch den Zimbo (Torhüter Jan Zimmermann/Red.), der früher in Heidenheim war. Es ist ja nicht so, dass man sich jetzt zum ersten Mal über den Weg läuft. Ich bin auch generell keiner, der schwer Anschluss findet in einer Mannschaft. Und der erste Eindruck, der war eh sehr gut und positiv.

Als Sie gingen, waren Sie ein wichtiger Offensivspieler, jetzt sind Sie Star, Kapitän, Aushängeschild, Hoffnungsträger. Wie kommen Sie mit den hohen Erwartungen zurecht?

Aigner: Natürlich habe ich versucht, das alles ein bisschen zu dämpfen. Dass ich kein Heilsbringer bin und kein Messi, hab ich inzwischen 100 Mal gesagt. Ich hab versucht, das nicht als Belastung zu sehen, sondern positiv. Ich nehme mir jetzt nicht vor, in jedem Spiel drei Tore zu schießen. Trotzdem weiß ich: Ich komme aus der Ersten Liga, und da erwarten die Leute natürlich einiges. In erster Linie läuft das immer über Kampf. Aber klar: Durch mein erstes Tor ist natürlich einiges an Last abgefallen, das war schon eine Erleichterung.

Ihre überraschende Rückkehr begründeten Sie damit, dass bei 1860 inzwischen alles auf Erfolg ausgerichtet sei. Woran machen Sie das konkret fest?

Aigner: Zum Beispiel an solchen Transfers wie: Olic, Matmour. Auch dass versucht wird, einen Wittek zu halten. Früher wäre so ein Spieler gegangen. Jetzt zeigt es mir den Weg. Dass man was erreichen mag, sich verbessern. Dass man ein klares Ziel vor Augen hat.

Das kann ja nur Aufstieg lauten . . .

Aigner: Natürlich habe ich das Ziel, mit 1860 noch mal in der ersten Liga zu spielen. Sonst wäre ich ja nicht im besten Fußballeralter zurückgekommen.

Auch das Führungspersonal wurde mal wieder ausgetauscht – bis auf Hasan Ismaik. Was macht Sie so sicher, dass es bei 1860 künftig professioneller zugeht?

Aigner: Für mich ist erst mal wichtig, dass man sich sportlich verbessern will. Das hat mir Thomas Eichin in den Gesprächen klar aufgezeigt, auch mit dem Trainer hab ich lange geredet. Alles andere kann ich nicht beeinflussen, aber ich hoffe natürlich, dass es ruhig bleibt – und dass man mal über einen längeren Zeitraum gut arbeiten kann.

Ging der Wechsel eigentlich von Ihnen aus – oder vom Verein? Bis vor kurzem erschien so ein Transfer undenkbar, da hätten wohl die meisten gesagt, dass das eine Nummer zu groß ist für 1860.

Aigner: Für mich war erst mal wichtig, dass ich mit Frankfurt den Abstieg vermeide. Vorher wollte ich überhaupt nichts wissen. Danach hat mir mein Berater gesagt, dass es mehrere Anfragen gibt – und da war eben auch 1860 dabei. So ist das Ganze nach der Saison ins Laufen gekommen.

Wie attraktiv waren denn die anderen Angebote? Zu hören ist, dass schon im Winter ein Champions League-Teilnehmer bei Ihnen angeklopft hat.

Aigner: Das Angebot lag auf dem Tisch, aber das ist abgehakt. Jetzt bin ich einfach froh, hier zu sein.

War es eigentlich ein Thema, dass Sie sich vor Ihrem Abschied 2012 auf die Seite von Präsident Dieter Schneider geschlagen hatten, der im offenen Clinch mit Hasan Ismaik lag? Damals sagten Sie wörtlich: „Das war für mich einer der Hauptgründe für meinen Entschluss, bei 1860 nicht zu verlängern. Ich finde es unmenschlich und absolut unfair, so auf einen Mann loszugehen, der den Verein gerettet und seine Gesundheit aufs Spiel gesetzt hat.“

Ein entspannter Gesprächspartner, Aigner hier beim Interview mit Sportredakteur Uli Kellner.

Aigner: Ich hab damals nur gesehen, dass sich Dieter Schneider für den Verein aufgeopfert hat; zweimal ist er, glaub ich, sogar zusammengebrochen. Aber für mich war der Hauptgrund, dass permanente Unruhe herrschte und ich keinen Plan erkennen konnte, dass etwas vorangeht. Wir hatten eine Super-Offensive, aber immer wieder wurden wichtige Spieler für ein Butterbrot verkauft, ob das jetzt Volland war oder Halfar. Das hat mir gezeigt, dass ich den Schritt in die Erste Liga über Frankfurt gehen muss.

Ein weiterer Grund soll gewesen sein, dass Sie gerne 100.000 bis 150.000 Euro mehr pro Jahr verdient hätten, diese Forderung aber abgelehnt wurde vom damaligen Geschäftsführer Robert Schäfer.

Aigner: Ich bin kein Geldgeier, das weiß jeder, der mich kennt. Aber der Vertrag, der mir damals angeboten wurde, war . . . ich sag’s mal so: eine Aufforderung zu gehen.

Dass es dann Frankfurt wurde, hat viele überrascht. Sie als bodenständiger Oberbayer in der Bankenmetropole . . .

Aigner: Viele haben damals gesagt: Frankfurt, ja viel Spaß . . . Da kannst es ja nicht aushalten, ungefähr so. Aber: Wir haben uns extrem wohlgefühlt in Frankfurt. Wir haben ein bisschen außerhalb gewohnt, im Taunus. Wäre meine Heimat nicht zufällig die schönste Region der Welt, dann würde ich wahrscheinlich nach Bad Homburg ziehen. Es war jetzt nicht so, dass ich gesagt habe: Durchbeißen – bis ich endlich zurückkann. Im Gegenteil: Die vier Jahre sind im Fluge vergangen.

„Viele haben damals gesagt: ,Ach, der Aigner, der schafft’s sowieso nicht!’“

Es lief ja auch bestens: 121 Einsätze, 49 Torbeteiligungen. Konnten Sie jetzt beruhigt einen Schritt zurückmachen, weil Sie die Gewissheit haben: Aigner kann auch Erste Liga?

Aigner: Mit Sicherheit. Es war ja so, dass ich’s in Bielefeld damals nicht geschafft hatte (in der Saison 2007/08). Okay, ich war noch ziemlich jung und hab mich nicht wohlgefühlt, aber ich hab nur fünf Spiele gemacht. Damals haben viele gesagt: Ach, der Aigner, der schafft’s sowieso nicht. Das war schon ein Ansporn für mich, und ich denke, ich war jetzt vier Jahre lang Stammspieler und habe dank guter Leistungen eine erfolgreiche Zeit gehabt.

Was war im Rückblick Ihr sportliches Highlight: die Duelle mit den Bayern?

Aigner: (senkt den Blick) Leider hat’s da weder mit einem Tor noch mit einem Sieg geklappt. Zu Hause haben wir immer ganz gut gespielt gegen die – und immer unglücklich verloren. Das Highlight war für mich aber ganz klar die Europa League. Spiele in Porto, in Bordeaux – das zu schaffen als Aufsteiger, mit vielen anderen Spielern, die aus der 2. Liga gekommen waren, Inui, Trapp, Oczipka, Rode, das war schon was ganz Besonderes. Die Saison fing ja an mit einer Pokalpleite in Aue (0:3), aber danach sind wir in einen positiven Strudel geraten, da lief’s dann einfach.

Davon träumen jetzt auch viele Löwen-Fans. Man hört, dass das Thema aller Themen, der Aufstieg, intern ohnehin viel offensiver behandelt wird . . .

Aigner: Ich sag ja: Ich bin nicht hergekommen, um mich vier Jahre lang auf die faule Haut zu legen. Dieses Jahr gilt für uns: Nichts mit dem Abstieg zu tun haben. Aber klar: Je früher, desto schöner.

Wie stufen Sie die Liga in dieser Saison ein?

Aigner: Ich denke, dass sie im positiven Sinne ausgeglichen ist. Klar, du hast Hannover, aber ansonsten bewegt sich vieles auf Augenhöhe: Kaiserslautern, St. Pauli, Bochum. Oft entscheidet das Glück, aber du musst auch hart dafür arbeiten. Ich denke, dass wir eine sehr gute, spielstarke Mannschaft haben: Liendl, Matmour, Adlung, Olic . . . Aber wir müssen uns noch deutlich steigern und die Siege souveräner einfahren. Du musst das Tempo hochhalten, dich nicht einschläfern lassen – und dann die Gunst der Stunde nutzen.

Angeblich haben Sie sich zusichern lassen, im Anschluss an Ihre aktive Karriere eine Tätigkeit im Verein zu übernehmen. An was denken Sie da? Trainer? Management? Gar ein Ehrenamt?

Aigner: Platzwart (lacht). Nein, es stimmt schon: Es ist im Vertrag festgeschrieben, dass ich ein Anschlussjahr habe, das kann Jugendtrainer sein, Co-Trainer der C-Jugend – was genau, steht noch nicht fest.

Eine Karriere wie Daniel Bierofka?

Aigner: Für den Biero freut’s mich unheimlich, dass er den Verein gerettet hat, aber bei mir ist das alles noch weit weg. Momentan würde ich sagen, dass ich dann auch gerne mal an den Wochenenden Zeit für die Familie hätte. Das muss man sehen. Wenn ich gesund bleibe – toi, toi, toi –, dann kann es auch sein, dass ich mit 33 noch mal verlängere.

Stimmt es eigentlich, dass Sie im Fernsehen fast keinen Fußball schauen? Sie sollen in Frankfurt mal gesagt haben: Nur wenn die Nationalmannschaft spielt – oder 1860.

Aigner: Also, bei der EM hab ich fast nichts angeschaut. Wenn ich selber nicht spiele, interessiert’s mich nicht so sehr. 1860 ist natürlich was anderes. Das habe ich mir schon gerne auf der Couch angeschaut, mittags um halb zwei. Auch jetzt das Olympia-Finale hab ich geschaut – aber vor allem, weil da die beiden Benders dabei waren.

So viel zum Thema kickender Löwen-Fan. Ist Ihr Sohn Felix eigentlich auch schon Vereinsmitglied auf Lebenszeit?

Aigner: (lacht) Das war das Erste, was der Opa gemacht hat. Ich denke, ich hätte ihn selber bestimmen lassen, aber bei meinem Vater (Helmut) hast du keine andere Wahl.

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