Interview mit Meister-Kapitän Peter Grosser

Heute vor 50 Jahren: 1860 München Deutscher Meister

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Nicht aus Zucker: Die Löwen beim Feierkorso.

München - Am heutigen Samstag jährt sich die Meisterschaft der Löwen zum 50. Mal. Wir sprachen mit Meister-Kapitän Peter Grosser über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Die Bundesliga war gerade drei Jahre alt, als die Löwen 1966 Deutscher Meister wurden. Von Anfang an dabei war jener Mann, der damals als Kapitän die Meisterschale in Empfang nehmen durfte: Peter Grosser. 77 Jahre ist er mittlerweile alt, und der Fußball lässt ihn nicht los. Bei jedem Heimspiel der Löwen sitzt er in der Arena, vor einem Jahr gehörte er dem Beraterstab des damaligen Präsidenten Sigi Schneider an – dem ehemaligen Nationalspieler macht so leicht immer noch keiner was vor. Der richtige Mann also, um darüber zu sprechen, was sich im Fußball seit dem Titelgewinn der Löwen vor 50 Jahren verändert hat.

Herr Grosser, reden wir zuerst über Taktik, Heutzutage ja ein ganz wichtiges Thema. Dreier-, Vierer- oder Fünfer-Kette. Ein Sechser, zwei Sechser. Die falsche Neun. Permanentes Verschieben. Welche Rolle spielt die Taktik heute? Und welche spielte sie 1966?

Hohe Stirn, konzentrierter Blick: Grosser, der Kapitän.

Peter Grosser: Leider spielt die Taktik heute eine viel zu große Rolle. Das hängt damit zusammen, dass es inzwischen um sehr viel Geld geht und man sich kaum noch zwei, drei Niederlagen hintereinander erlauben kann. Viele Trainer greifen deshalb zu einer Art Sicherheitstaktik. Hinzu kommt, dass die Qualitätsschere immer weiter auseinandergeht. Das heißt: Je schlechter eine Mannschaft ist, umso vorsichtiger ist die Taktik angelegt.

Grosser über Max Merkel: „Über Taktik wurde bei ihm nicht viel gesprochen“

War 1860-Meistertrainer Max Merkel ein guter Taktiker?

Grosser beim letzten Saisonspiel gegen HSV-Verteidiger Willi Schulz –das 1:1 reichte zum Titel.

Grosser: Eigentlich nicht. Über Taktik wurde bei ihm ohnehin nicht viel gesprochen, er hatte ja auch eine Mannschaft, auf die er sich voll und ganz verlassen konnte. Ich will bestimmt nicht gehässig sein, aber was bitte hätte mir Merkel beibringen sollen? Wenn es überhaupt eine Taktik gab, dann haben die während des Spiels Otto Luttrop und ich bestimmt. Wir haben damals ein 4-2-4 gespielt, und wir beide waren das Duo im Mittelfeld und gaben den Ton an. Ansonsten, was willst du groß an taktischen Finessen bringen, wenn du eh Mann gegen Mann spielst? Eins haben wir übrigens nie gemacht: Das sogenannte Pressing. Den Ball zu erkämpfen, das war nicht unser Ding, wir haben ihn ohnehin fast die ganze Zeit gehabt…

Welcher Trainer ist heute der beste Taktiker?

Grosser: Pep Guardiola, ganz klar. Was er den Spielern beim FC Bayern alles beigebracht hat, imponiert mir sehr. Auch, was sie auf eigentlich oft ungewohnten Positionen zeigen. Joshua Kimmich als Innenverteidiger zum Beispiel.

Was hätten Sie gesagt, wenn ein Trainer Ihnen gesagt hätte, dass Sie rechter Verteidiger spielen sollen?

Grosser: Für solch eine Idee hätte es überhaupt kein Argument gegeben…

Könnte so ein grantiger Typ, so ein Schleifer wie Max Merkel heute noch als Trainer in der Bundesliga tätig sein?

Am Ziel: Die Löwen mit der Schale am 28. Mai 1966.

Grosser: Das glaube ich nicht. Er hat’s einfach übertrieben, was den Umgang mit Spielern angeht. Aber Härte und Disziplin sind auch heute noch wichtig. Als ich in den Achtzigerjahren als Trainer in Unterhaching gearbeitet habe, da war Merkel in dieser Hinsicht schon ein Vorbild. Und die alten Trainer sind ja auch heutzutage nicht die schlechtesten. Denken wir nur an Claudio Ranieri, der Leicester City zum englischen Meister gemacht hat.

Fußball ist heutzutage rund um die Uhr in den Medien präsent. Wie war das damals?

Grosser: Nix war. Vom Fernsehen war die ganze Woche niemand da, und von den Zeitungen schaute hin und wieder jemand vorbei. Das hatte den Vorteil, dass viele eklatante Vorfälle gar nicht öffentlich wurden. Erst jetzt, wo wir sie mit einem Schmunzeln selbst erzählen können.

Wie gefällt Ihnen der heutige Medienrummel?

Grosser: Ist schon in Ordnung. Den würde ich mit Sicherheit nutzen, um meine Meinung als Spieler mitzuteilen.

Stichwort Berater: Hatten Sie einen, und was sagen Sie zur jetzigen Situation, in der die Spielerberater fast mehr zu bestimmen haben als die Klubs?

Grosser: Ich hatte keinen Berater. Aber der Franz Beckenbauer mit dem Robert Schwan damals schon. Damals wie heute tun die Berater den Spielern gut.

„Zum Teil war’s abenteuerlich!“

Wie sah es seinerzeit mit der medizinischen Versorgung und Vorschriften in Sachen Ernährung aus?

Nicht aus Zucker: Die Löwen beim Feierkorso.

Grosser: Der Doktor ließ sich eigentlich nur sehen, wenn du dir den Fuß gebrochen hast. Ansonsten hatte unser Vereinsarzt Dr. Galli immer eine Handvoll Pillen in der  Jackentasche, und irgendeine hat dann angeblich schon gepasst. Aber wir sind in der Meistersaison mit 15 Spielern ausgekommen – eigentlich ein Phänomen. Der Grund war vielleicht, dass du im Training niemandem etwas beweisen musstest und es deshalb weniger auf die Knochen gab. Das mit der Ernährung war abenteuerlich. Nichts trinken hieß die Vorgabe, auch wenn du noch so geschwitzt und Durst gehabt hast. Zu essen gab es drei Stunden vor dem Spiel meistens Steak mit Pommes frites. Macht heute keiner mehr. Als ich mal statt eines Steaks Spaghetti wollte, das war in meiner Zeit bei Salzburg, da hat mich der Trainer vor versammelter Mannschaft zusammengeputzt. Heute stehen Nudeln bei allen fest auf dem Programm.

Nachmessungen von Wissenschaftlern ergaben, dass Fritz Walter im WM-Finale 1954 vier Kilometer in 90 Minuten gelaufen sein soll, Wolfgang Overath bei der WM 1974 immerhin schon sechs. Heute legen die Mittelfeldspieler elf, zwölf Kilometer zurück. Wie viel waren es bei ihnen?

Grosser: Ich weiß es nicht, aber es würde mich sehr interessieren. Entscheidend ist am Ende natürlich, was rauskommt. Ich habe in der Meistersaison immerhin 18 Tore geschossen. Als Mittelfeldspieler.

Wie würden Sie sich heute in der Bundesliga zurechtfinden?

Grosser: Mit Sicherheit würde ich auch jetzt zu den Topspielern gehören. Diese Spieler fehlen ja, die aus dem Mittelfeld heraus dribbeln und den tödlichen Pass spielen können. Früher gab es allgemein viel mehr gute Techniker. Weil wir als Kinder fünf Stunden am Tag Fußball gespielt haben. Ich denke mir oft: Mensch, wäre das super, wenn du in der jetzigen Zeit mit deinem Talent spielen würdest.

Wohl auch wegen der Entlohnung. Was würde ein Peter Grosser heutzutage verdienen?

Grosser: Ich denke mal, im mittleren siebenstelligen Bereich.

Und was haben Sie damals verdient?

Grosser: Ich glaube 5000 Mark im Monat war der höchste Betrag.

Gibt es heute noch einen Spieler, wie Sie es waren?

Grosser: Hmm. Na ja, doch. Der Mario Götze.

Wäre ein Petar Radenkovic auch heute noch die Nummer eins, was die Show und das ganze Drumrum betrifft?

Grosser: Ganz bestimmt. Der Radi wäre mit seiner Art nach wie vor in der Bundesliga der Größte. Wobei ihm sein jugoslawisch-deutsches Kauderwelsch sehr geholfen hat. Die Leute haben es geliebt und er hat es beibehalten. Hätte ich immer so gesprochen, hätte man mich in Haar eingeliefert…

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