Ruhig war es bei Sechzig noch nie

Löwen-Historie: Putsch, Schmiergelder und linke Tricks

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Die Begeisterung für den Klub ist an der Basis allen Querelen zum Trotz ungebrochen.

München - Zweitligist TSV 1860 erlebt derzeit Chaos-Wochen. Ein Machtkampf samt Rücktritten erschüttert den Traditionsverein. Ein Blick in die Historie aber zeigt – ruhig war es bei den Löwen noch nie.

Um sich ein Bild davon zu machen, wie es um die Seele des TSV 1860 bestellt ist, muss man dieser Tage nur einmal Karsten Wettberg erlebt haben. Die Trainer-Legende stand inmitten der Fans, die Hände zum Himmel gestreckt, und schimpfte mit finsterer Miene. „Sechzig ist dabei, eine Kopie zu werden!“, rief er. Und so einer wie dieser Sportdirektor Poschner, polterte der 73-jährige Kultcoach weiter, „würde in der Kreisliga nach vier Wochen gefeuert werden“. Im Publikum brach Jubel aus.

Die Szene spielte sich bei der Fan-Demonstration vor eineinhalb Wochen auf dem Trainingsgelände ab. Und allein schon der rebellische Auftritt des früheren 1860- Trainers Wettberg zeigt: Der Verein durchlebt schlimme Zeiten, wieder einmal. Seither ist die Krisenstimmung sogar noch eskaliert. Mit Gerhard Mayrhofer gab der dritte 1860-Präsident innerhalb von vier Jahren auf (deutscher Negativ-Rekord), mit ihm trat die gesamte Führungsriege zurück. Der Investor Hasan Ismaik zürnt derweil im fernen Abu Dhabi. Die Schlagzeilen künden von einem „Trümmerverein“, in dicken Lettern erschien die bange Frage: „Zerreißt es die Löwen?“ Meisterlöwe Peter Grosser (76) sagt dennoch: „Der Verein wird nie untergehen. Das wird schon wieder.“

Grosser muss es wissen. Denn am ersten bundesweit Aufsehen erregenden Löwen-Eklat war er noch selbst beteiligt. Der 1860-Kapitän führte 1966 zusammen mit Torhüter Petar Radenkovic, dem damaligen Superstar der Blauen, eine Rebellion gegen den Trainer Max Merkel an. Dieser hatte die Sechziger im gleichen Jahr zur deutschen Meisterschaft geführt – allerdings mit offenbar rüden Methoden. „Er war kein guter Mensch, sondern ein Zyniker. Er hat Spieler vernichtet, sie psychisch krank gemacht“, sagte Radenkovic.

Ein Spielerrevolte gegen den Trainer – in den 60er-Jahren war das ungefähr so ungewöhnlich wie ein Vatikan-Aufstand gegen den Papst. Als Merkel auch noch ankündigte, er würde am liebsten die ganze Mannschaft feuern, stimmten die 1860-Profis im Wetterstein-Hotel über ihren Peiniger ab. Das Ergebnis: 17:3 gegen Merkel. Der missliebige Coach musste gehen. „Unseren Präsidenten Adalbert Wetzel hätte fast der Schlag getroffen“, erzählt Grosser. Der verzweifelte Vereinschef kurvte daraufhin stundenlang ziellos durch München, später erzählt Wetzel, er habe gar mit dem Gedanken gespielt, sich das Leben zu nehmen.

1860 und seine Trikots: Ein historischer Streifzug

Wetzel trat als Fußball-Abteilungsleiter zurück, den Präsidenten-Posten gab er 1969 auf. Gut möglich, dass die Löwen genau in diesen Jahren ihre Zukunft verspielten. „Wir hatte einen großen Vorsprung auf den FC Bayern. Aber man hat es nicht ausgenützt. Die Bayern haben es vorgemacht, wie es geht“, sagt Grosser. Der FC Bayern, erst 1965 in die Bundesliga aufgestiegen, wurde 1969 Meister. 1860 stieg 1970 ab.

Erich Riedl.

Gar in der Drittklassigkeit versanken die Löwen unter dem Präsidenten Erich Riedl, einem CSU-Politiker. Dieser hatte für sich und seine Partei mit dem Slogan geworben: „Wir bringen Ihre Finanzen in Ordnung.“ Am Ende seiner achtjährigen Amtszeit (1974 bis 1982) hatte der Verein acht Millionen Mark Schulden angehäuft, der DFB sah sich zum Lizenzentzug veranlasst, 1860 musste 1982 in die Bayernliga, Riedl trat zurück. Überliefert ist eine ironische Kritik im Bonner Bundestag. „Sie Absteiger, Sie!“, soll SPD-Politiker Herbert Wehner dem Münchner Kollegen zugerufen haben. Hinterher, im Parlamentspissoir habe sich Wehner – so Riedl – milder gezeigt. Er soll gesagt haben: „Nicht dass Sie meinen, ich hätte was gegen 1860. Ist ja ein alter Arbeiterklub.“

Riedl war mit allen Wassern gewaschen: Im Jahr zuvor hatte er bei den Präsidiumswahlen noch den Gegenkandidaten Radenkovic abblitzen lassen. Der Kultkeeper hatte eine Art Schattenkabinett zusammengetrommelt, in dem sich Ex-Spieler und Wirtschaftsexperten befanden. Überraschend erschienen zur Versammlung über 700 Stimmberechtigte (normalerweise waren es nur um die 300). Riedl gewann die Wahl. Später, so Radenkovic, habe sich herausgestellt, dass der gewiefte Vereinschef auf die Schnelle rund 300 CSU-Parteifreunde einen 1860-Aufnahmeantrag unterschreiben ließ. Die Ironie des Schicksals: 1969 hatte Radenkovic Riedl noch als Wahlhelfer für die Bundestagswahlen unterstützt.

Karl-Heinz Wildmoser.

Auf Riedls folgenreiche Regentschaft verlebten die Löwen neun bittere Jahre in der Bayernliga. Erst Karl-Heinz Wildmoser führte den Klub aus dem Jammertal wieder zurück in die Erstklassigkeit. Schon als Gastwirt hatte er es verstanden, sich aus einfachen Verhältnissen emporzurackern. 1961 begann er als Schankwirt des Ledigenheims München, nur 20 Jahre später wurde er Wiesenwirt – die Wahl zum 1860-Präsidenten war dann die Krönung. Auch wenn er immer wieder lamentierte, als Oberlöwe habe man „nullkommanull Lebensqualität“. Allerdings wurde es 2004, Wildmoser regierte den Klub bereits seit zwölf Jahren im Stile eines Diktators, tatsächlich sehr ungemütlich. Für ihn und seinen Sohn Heinzi. Die beiden wurden verdächtigt, beim Bau der Allianz-Arena Schmiergelder in Höhe von 2,8 Millionen Euro kassiert zu haben. Wildmoser senior verbrachte drei Tage in Untersuchungshaft; gegen die Zahlung von 200 000 Euro Kaution durfte er Stadelheim wieder verlassen. Seinen dortigen Aufenthalt schildert er in launigen Worten: „Das war keine Qual. Das war lustig, da waren lauter nette Leute. Sicher hat jeder was ausgefressen. Und ein Unschuldiger war auch dabei: Das war ich.“

18 Dinge über 1860, die Sie noch nicht wussten

Verurteilt wurde schließlich Heinzi Wildmoser, Geschäftsführer der Allianz Arena Stadion GmbH, und das zu viereinhalb Jahren. Karl-Heinz Wildmoser blieb straffrei, als Präsident aber war er nicht mehr tragbar. Christian Ude, damals im 1860-Aufsichtsrat, erklärte: „Die Zeit des Monarchen ist vorüber.“

Im Jahr des Schmiergeldskandals setzte auch der erneute sportliche Niedergang ein. Nach zehnjähriger Bundesliga-Zugehörigkeit besiegelte ein verschossener Elfmeter den Abstieg. In der Zweitklassigkeit erwies sich die Allianz Arena finanziell als Fass ohne Boden. 2011 stand der Verein vor der Pleite. Als vermeintlicher Heilsbringer tauchte der jordanische Geschäftsmann Hasan Ismaik auf. Er kaufte sich zunächst für 18 Millionen Euro Anteile an der Profiabteilung – die Rettung. Allerdings sieht der zu Cholerik neigende Ismaik die Löwen quasi als sein Eigentum an und duldet keinen Widerspruch. Die Folge: ein Dauerzwist mit Präsident Dieter Schneider, der 2013 zermürbt aufgab.

Sein Nachfolger, Münchens dritter Bürgermeister Hep Monatzeder, galt zunächst bestens geeignet, weil Kenner der arabischen Mentalität. Doch auch er fiel im April 2013 in Ungnade. Nach nur 25 Tagen musste er kapitulieren. Bei der Präsidiumswahl erlitt der Interimspräsident mit 66:130 Stimmen eine krachende Niederlage. Sein Kommentar: „Das war’s, ciao.“ Zwei Tage zuvor hatte Ismaik gedroht, er werde 8,5 Millionen Euro von den Löwen zurückfordern, falls Monatzeder als Präsident bestätigt werde. Sein Anwalt teilte damals mit: „Wir sehen nur, dass es an allen Ecken und Enden brennt.“

Daran hat sich seither nichts geändert.

Armin Gibis

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