Neuer 1860-Sportchef vor dem Ligastart

Eichin im Merkur-Interview: "Wer nicht träumt, ist fehl am Platz"

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Ein Mann startet durch: Sportchef Thomas Eichin sitzt beim TSV 1860 fester im Sattel als viele seiner Vorgänger – auch, weil ihn Geldgeber Ismaik gezielt gescoutet hat.

München - Nach Wochen der Vorbereitung geht es endlich los. Der TSV 1860 startet am Samstag in die Zweitliga-Saison. Im Interview spricht Thomas Eichin über seine Erwartungen.

Gespannt und mit einiger Vorfreude fiebern die Löwen-Fans dem Start in die neue Saison entgegen – ein Umstand, an dem Thomas Eichin nicht ganz unschuldig ist. Nachdem sich Hasan Ismaik dazu entschlossen hat, endlich auch mal in den Kader des Zweitliga-Dinos zu investieren, hat Eichin, 49, seine geballte Erfahrung aus 20-jähriger Managertätigkeit (Kölner Haie, Werder Bremen) eingebracht und dem TSV 1860 ein ambitioniertes Team zusammengekauft. Was von den neuen Löwen kurz- bis mittelfristig zu erwarten ist, verrät er im Interview.

Thomas Eichin, Ende Juni wurden Sie beim TSV 1860 vorgestellt, Ihr erster offizieller Arbeitstag als Sportgeschäftsführer war am Montag. Wie muss man sich die Zeit dazwischen vorstellen, in der Sie acht Spieler verpflichtet haben. Mit dem Handy am Ohr auf dem Motorboot? Mit dem Tablet im Liegestuhl?

Thomas Eichin: Da muss ich ein bisschen ausholen. Dass ich offiziell erst am 1. August angefangen habe, hat zwei Gründe. Zum einen habe ich schnell erkannt, dass wir durch die Fluktuation relativ spät dran waren in der Transferphase. Mir war wichtig, dass ich mich von außerhalb ausschließlich aufs Transfergeschäft konzentrieren konnte. Du telefonierst die ganze Zeit, fliegst viel rum – das ist unheimlich viel Arbeit. Zum anderen habe ich in Bremen dreieinhalb Jahre durchgearbeitet, fast ohne Urlaub. Deswegen war es eine Bedingung von mir, vier bis sechs Wochen auch noch Zeit für Dinge zu haben, die ich privat erledigen musste.

Eine Art Home Office war das also.

Eichin: Ja – nur ohne Bezahlung. Die Transfers habe ich ehrenamtlich abgewickelt, aber es lag ja auch in meinem Interesse, dass wir eine gute Truppe zusammen bekommen. Diese Flexibilität war mir einfach wichtig. Mal hab ich in Bremen gearbeitet, mal in Freiburg, wo meine Mutter wohnt, mal in Köln bei meiner Tochter. Ich hab mich bestimmt sechs, sieben Stunden am Tag mit 1860 beschäftigt.

Herausgekommen ist ein sehr ambitionierter Kader, der gewiss auch nicht billig war. Haben Sie denn alle Spieler bekommen, die auf der Liste standen?

Eichin: Nicht ganz. Es ist ja kein Geheimnis, dass ich Hajime Hosogai auch noch gerne gehabt hätte. Leider ist der nach Stuttgart gegangen, aber ansonsten haben wir tatsächlich alle bekommen. Wir sind da einem ganz klaren Plan gefolgt, denn meine Devise ist: Auf die Mischung kommt’s an – und da brauchst du auch ein paar Exoten.

Das sind jetzt Victor Andrade und Ribamar, die beiden Brasilianer.

Eichin: Dazu haben wir ein paar Local Heroes wie Stefan Aigner. Und Typen wie Ivica Olic, die die Mannschaft führen, mit denen sich die jungen Spieler messen wollen. Ich weiß ja noch, wie das bei mir früher in Mönchengladbach war. Da schaut man im Training genau hin, was ein Lothar Matthäus macht, ein Frank Mill oder Armin Veh. Wenn die dir was erzählen, dann glaubst du das einfach, denn die haben ja schon 300 Spiele oder mehr bestritten.

Geht das so einfach? Hier ein paar Alte, da ein paar Exoten, dazu ein paar sogenannte Typen...

Eichin: Ganz so einfach ist es nicht, denn alle müssen natürlich fit sein – und es muss charakterlich passen. Ich würde keinen holen, der nicht gesund lebt, der schon Kapriolen hinter sich hat. Ich suche auch Vorbilder, und mit Ola (Olic), denke ich, haben wir einen gefunden, der eine Rolle übernehmen kann wie Claudio Pizarro in Bremen.

Trotzdem ist es ein anderes Arbeiten für Sie. In Bremen mussten Sie die Kaderkosten senken – bei 1860 dürfen Sie, untypisch für diesen Klub, Geld ausgeben. War das eine Bedingung von Ihnen?

Eichin: Dass der Wille da war, 1860 in einen anderen Bereich zu führen, war schon nach den ersten Gesprächen klar. Aber es gehört natürlich auch zu meinen Aufgaben als Geschäftsführer, beratend zu agieren. Und wenn du mehr möchtest, musst du dich dem Markt anpassen. Sprich: Wer sein Produkt verbessern will, der wird um Investitionen nicht herumkommen.

Erklären Sie mal: Wie schafft man es, einen Mann zu Millioneninvestitionen zu bewegen, der fünf Jahre lang bestenfalls Etat-Löcher gestopft hat? Sprich: Wie haben Sie aufHasan Ismaik eingewirkt?

Eichin: Ich brauchte da nicht viel zu erzählen, denn man hat mich schon mit der klaren Absicht gescoutet, den Verein besser aufzustellen. Ich denke, die Erkenntnis kam zuvor von anderen Leuten, aber klar hab ich das Ganze untermauert. Man muss ja nur mal aufzeigen, was zum Beispiel Mannschaften investieren, die aus der Ersten Liga kommen und das Ziel haben, direkt wieder aufzusteigen. Auch für Bremen musste ich ein Zweitligabudget aufstellen, und das lag weit höher als das von uns jetzt.

Mehr als fünf Millionen Euro hat der TSV 1860 allein für Ablösesummen ausgegeben – das gab es zuletzt zu Bundesligazeiten. Vom Etat her müsste sich 1860 jetzt im oberen Drittel bewegen, oder?

Eichin: Ich gehe auf jeden Fall davon aus, dass wir uns nicht mehr im unteren Drittel bewegen. Wir sind jetzt da, wo man zumindest mal einen einstelligen Tabellenplatz anpeilen kann, muss oder sollte.

Sie sind ja derzeit auch für die Finanzen zuständig. Welche Tricks mussten angewendet werden, um nicht gegen DFL-Statuten zu verstoßen. Stichwort: Bilanzielle Überschuldung?

Eichin: Man darf nicht vergessen, dass wir auch Ablösesummen generiert haben, zum Beispiel für Christopher Schindler. Dazu hatten wir Partizipationen durch den Wechsel von Kevin Volland nach Leverkusen. Im Prinzip sind es nur zwei, drei Spieler, die wir anders finanzieren müssen, aber das wird laufen – da mache ich mir überhaupt keine Gedanken. Erst mal läuft das natürlich über Darlehen.

Es fällt auf, dass Ismaik erst so richtig mitspielt, seit er quasi jede Personalentscheidung mitbestimmen kann. Ist der Preis dafür die totale Abhängigkeit?

Eichin: Wie das die letzten Jahre gelaufen ist, weiß ich gar nicht so genau, aber mit Abhängigkeit hat das nichts zu tun. Wir haben einen Investor, der sich nicht nur engagiert, sondern auch noch absoluter Fußballfan ist. Den musst du natürlich mitnehmen, das ist doch ganz normal. Ich kenne das ja aus dem Eishockey: Gesellschafter, die Geld investieren, die wollen nicht unbedingt mitreden oder mitentscheiden, aber sie wollen wissen, wie die Pläne aussehen, die entstehen. Und natürlich auch mal ihre Meinung sagen. Entscheidungen zu treffen, ohne ihn mitzunehmen oder die er vielleicht nicht gut findet, das ist sicherlich der falsche Weg.

Welchen Eindruck haben Sie denn bisher von Ismaik gewonnen?

Eichin: In allen Gesprächen habe ich ihn so erlebt, dass nicht das Geld im Mittelpunkt steht, sondern die Frage: Wie kriegt man 1860 erfolgreich hin? Und man merkt, dass er sich schon tierisch freut, wenn wir nur ein Vorbereitungsspiel gewinnen. Für mich ist das ein gutes Zeichen. Wir müssen froh sein, dass es einen Menschen gibt, der die Möglichkeiten hat, einen Traditionsverein wieder so zu stabilisieren, dass wir alle Freude daran haben.

Seit der Verpflichtung von Olic ist bei den Fans eine gewisse Aufbruchstimmung zu spüren, seit dem Coup mit Aigner grenzenlose Euphorie. Wie wichtig und wie schwierig waren diese Transfers?

Eichin: Wir sind da schon eine Weile dran. Es ist nicht so, dass das erst letzte Woche entstanden ist. Wir dachten uns schon vor einiger Zeit: Das wären zwei Highlights für den Klub – so richtig dran geglaubt haben wir damals noch nicht. Bei Olic war es so: Er war vereinslos, hätte woanders wesentlich mehr verdienen können, aber wir hatten ihn schon mal angefixt. Und bei Aigner war es so, dass sein Sechzger-Herz am Ende die entscheidende Rolle gespielt hat. Frankfurt konnte dann gar nicht mehr anders, als ihm die Freigabe zu erteilen.

Ging der Impuls bei Aigner von ihm selber aus – oder vom Verein?

Eichin: Ich wollte Stefan ja schon mal nach Bremen holen. Wir kannten uns vom Telefon und haben relativ schnell gemerkt, dass er Bock auf 1860 hätte. Die Signale hatten wir also. Und dann haben wir alle zusammen Gas gegeben: der Trainer, ich, Peter Cassalette. So eine Investition kriegst du ja auch zurück – ob das die Trikotverkäufe sind oder die Euphorie. So was kann am Ende Berge versetzen.

Ist es nicht ein großer Luxus, mit Karim Matmour und Aigner gleich zwei Spezialisten für die rechte Außenbahn zu haben? War der Matmour-Wechsel im Nachhinein überflüssig?

Eichin: Nein. Ich spreche mich genau mit dem Trainer ab und frage ihn: Nach welchem System spielst du? Auf welchen Positionen siehst du Bedarf? Und wir wollen auch gerne Druck auf dem Kessel haben. Wir möchten nicht, dass Aigner oder Matmour wissen: Ich spiele eh am Sonntag. Die Liga ist hart – und wir brauchen auch eine gewisse Tiefe im Kader. Es ist doch super, wenn der Trainer in der Situation ist, dass er richtig brüten muss über der Aufstellung.

Auch Ribamar war ein spektakulärer Transfer – schon weil er sich so lange hinzog. Worum ging es da? Um die Ablöse? Und irgendwelche Klauseln?

Eichin: Ums Geld natürlich – und um die besten Bedingungen für uns. Wir wollen ja nicht in zwei Jahren dastehen und sagen: Hätten wir uns mal mehr Zeit gelassen. Normal bereitest du so etwas ein halbes Jahr vor – und keiner kriegt’s mit. Es war uns in dem Fall wurscht, dass das als Hängepartie dargestellt wurde.

Die Überzeugung, ein Juwel aufgestöbert zu haben, scheint groß zu sein.

Eichin: Für mich ist das ein Transfer abseits der Norm, der schon angebahnt wurde, als ich noch gar nicht hier war. Es ist ein Spieler, den wir Schritt für Schritt heranführen müssen, der aber eines Tages den Unterschied ausmachen kann. Er ist ein bulliger, starker Mittelstürmer, bei dem ich froh bin, dass wir ihn dank unserer Kontakte holen konnten.

Ein Branchenkenner hat salopp gesagt: Wenn sich Ribamar als Volltreffer entpuppt, müssen alle europäischen Topklubs geschlafen haben...

Eichin: Mag sein, aber ich kannte den Namen Ribamar schon zu meiner Bremer Zeit, und ich weiß, dass der eine oder andere Klub ebenfalls Interesse gehabt hätte. Am Ende ist es auch eine Frage, wie der zuständige Agent den Spieler aufbauen möchte. Der Klassiker ist, dass so ein Spieler von Spitzenklubs geholt wird und dann schnell in der zweiten Mannschaft landet – oder ausgeliehen wird. So, wie das bei Andrade der Fall war. Der wurde vor zwei, drei Jahren mit Neymar verglichen, ist dann zu Benfica Lissabon, hat aber keine Rolle gespielt. Wenn der Berater schlau ist, sucht er sich einen Klub wie 1860 und fängt im Zweifel lieber eine Liga tiefer an.

Sehen Sie ein Problem darin, dass zum Start womöglich nur noch zwei, drei Spieler aus der letztjährigen Mannschaft in der Startelf stehen werden?

Eichin: Klar werden wir am Anfang nicht die eingespielteste Mannschaft sein. Da ist Fürth sicherlich weiter als wir. Wir haben uns aber dazu entschieden, die Mannschaft zu verstärken und dann ist es sicher besser, du machst es jetzt als dann im Winter.

Bezüglich der Saisonziele hört man Widersprüchliches. Der Trainer will erst mal die Hinrunde abwarten, der Präsident spricht von Platz fünf bis acht. Und der Sportchef?

Eichin: Man sieht ja an den Dingen, die wir gemacht haben, was wir vorhaben: Wir wollen schon eine gute Rolle in der zweiten Liga spielen – wie die aussehen kann, muss man ja nicht bis ins Detail definieren.

Viele Fans träumen seit dem Aigner-Transfer heimlich vom Aufstieg. Die Geister, die Sie riefen?

Eichin: Wer hier nicht vom Aufstieg träumt, der ist fehl am Platz, das gilt für Fans, für Spieler, für Mitarbeiter – für uns alle. Jeder, der hier arbeitet, muss das Ziel haben, 1860 wieder in die Bundesliga zu bringen. Das heißt aber nicht, dass wir das schon nächstes Jahr schaffen müssen – das ist für mich der feine Unterschied. Ich weiß nicht, welches andere Ziel wir haben sollten? Ich will doch nicht fester Bestandteil der 2. Liga werden.

Die Gunst der Stunde würden Sie wohl nutzen.

Eichin: So ist es. Du musst jeden Tag die Chancen nutzen, die sich bieten – und jeden Tag daran glauben, dass man so etwas schaffen kann.

Das erste Heimspiel findet am Sonntag vor Mariä Himmelfahrt statt, mitten in den Ferien und der Euphorie des Anfangs. Rechnen Sie mit einem vollen Haus?

Eichin: Das hängt alles vom ersten Spiel ab. Wenn wir in Fürth was reißen, dann werden die Fans neugierig, was wir gegen Bielefeld aufs Parkett bringen. Die Leute sind gespannt durch unsere Transferpolitik. Eine gewisse Euphorie spüre ich, wenn ich durch die Stadt laufe. Insofern glaube ich daran, dass wir eine gute Kulisse haben werden.

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