Coach sieht viele Ursachen für Niederlagen

Runjaic skeptisch für die "nächsten Wochen"

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Arbeit, so weit das Auge reicht: Vom 0:1 in Fürth brachte 1860-Coach Runjaic eine lange Mängelliste mit.

München - Der TSV 1860 ist mit einer Niederlage in die neue Saison gestartet. Löwen-Trainer Kosta Runjaic sieht noch viel Arbeit vor sich. 

Sein Gang war schleppend, die Stimme heiser. Keine Frage: Kosta Runjaic hatte sich tags zuvor in Fürth schwer verausgabt, doch sein nimmermüder Einsatz an der Seitenlinie, sein flehentliches Ins-Spiel-Hineinrufen – es verpuffte ohne Effekt. Die Mängelliste, die er am Tag danach vor versammelter Medienschar ausbreitete, hörte sich dramatisch an. „Es gibt viele Ursachen“, stellte der 1860-Coach fest und zählte auf: „Wir hatten keinen Zugriff, keine Kompaktheit. Wir haben die Zweikämpfe schlecht geführt, waren gedanklich einen Tick langsamer als der Gegner, nicht aggressiv genug . . .“ Er unterbrach sich dann selbst und später – ganz ohne Sarkasmus – fügte er hinzu: „Positiv, so hart es klingt, war nur das Ergebnis.“ 0:1 endete das Spiel. Es hätte auch leicht ein 0:3 oder 0:4 sein können.

Eine ziemlich perfekte, da schonungslose Analyse war das. Es schwang auch eine Menge Selbstkritik mit, die nicht jedem Trainer zu eigen ist. Doch das Erstaunlichste an Runjaic’ Ausführungen war nicht die Deutlichkeit seiner Worte, sondern die Art, wie er sie vortrug. Ruhig, sachlich – wie einer, der sich ein Lotterie-Los kauft und dann die Ziehung verfolgt. Man hofft auf den Hauptgewinn, doch die Vernunft sagt einem, dass schon von der Wahrscheinlichkeit her eine Niete kommen muss.

Runjaic wirbt um Geduld

Lottospieler können ihr Los danach zerreißen oder in den Papierkorb werfen. Diese Möglichkeit hat Runjaic nicht. Also tat er das, was jeder Projektleiter in seiner Situation tun würde: Er warb um Geduld. Und er nannte ein paar Fakten, mit denen er den Fehlstart in den Bereich des Erwartbaren argumentierte. Viele neue Spieler, viele erst auf den letzten Drücker verpflichtet worden, dazu ein eingespielter Gegner, der mit Wonne in die vielen Lücken stieß, die sich im brüchigen Löwen-Gefüge auftaten. Runjaic zitierte Stefan Aigner, seinen zentralen Spieler, den Polier in seiner Großbaustelle: „Wie Aiges schon sagte: Es ist ein zusammengewürfelter Haufen, der sich erst finden muss. Die Mannschaft kennt sich noch nicht. Und das wird auch in den nächsten Wochen so bleiben.“

Bilder & Einzelkritik zur 1860-Niederlage: Reihenweise Vierer für die Löwen

Runjaic hatte in der Vorbereitung immer wieder darauf hingewiesen, dass der Neuaufbau Zeit brauchen werde, und auch einen sehr naheliegenden Einwand wischte er gekonnt zur Seite: Die Frage nämlich, warum er gleich sieben neue Profis in die Startelf zwingt, wenn er doch weiß, dass dann nur Stückwerk zu erwarten ist. „Wenn wir einen Aigner schnellstmöglich an die Mannschaft heranführen wollen, dann muss er auch spielen“, sagte Runjaic: „Und genauso ist es bei den anderen neuen Spielern.“

Runjaic: "Löwen waren zuletzt ein biederer Zweitligist"

Mit anderen Worten: Es ist eine Operation am offenen Herzen, auf die er sich eingelassen hat. Im Subtext war aber auch herauszuhören: Lieber setzt Runjaic auf halbfitte, nicht aufeinander abgestimmte Spieler als auf viele der alten, die zwei Jahre Abstiegskampf im Kopf und in den Knochen haben. „Seien wir doch mal ehrlich“, sagte der Coach: „1860 ist ein geiler Traditionsverein – aber sportlich waren die Löwen zuletzt ein sehr biederer Zweitligist.“

Es ist ein heikler Spagat, den Runjaic in den kommenden Wochen hinkriegen muss. Hier die Erwartungen des Umfelds, das kein Mittelmaß akzeptiert – befeuert durch die ehrgeizige Transferpolitik des Vereins. Dort die Erfahrung des Trainers, der schon an seinem ersten Tag bei 1860 gespürt hat, dass er nicht nur am sportlichen Neuaufbau zu feilen hat, sondern so ziemlich an allem. Kontrollieren, dass der Rasen gemäht ist, die Linien gestreut sind, einem neuen Zeugwart den Profifußball nahebringen, Einzelgespräche führen, obwohl kein Raum dafür vorgesehen ist – es fehlt an so vielem. „Jetzt fängt die Arbeit erst an. Das bisher war Basisarbeit“, sagt Runjaic und erinnert an die suboptimale Sommerpause mit zahlreichen und wie immer sehr späten Personalwechsel: „Mit wem hätte ich vor drei Wochen Standards trainieren sollen?“

Runjaic: Olic und Aigner keine Aufstiegsgaranten

Sein Problem, auf den Punkt gebracht, sind aber nicht Adlungs Freistöße, die nicht kommen – es ist die Vergangenheit des Vereins. Die Flickschusterei, die zig Trainer, Sportchefs und Geschäftsführer hinterlassen haben. Zeuge dafür ist der aktuelle Kader, in dem sich zwar 32 Spieler versammeln, viele, viele Nationalitäten, der aber, wie sich noch häufiger zeigen wird, in höchster Eile zurechtgezimmert wurde. Fällt Maxi Wittek aus wie in Fürth, findet sich kein zweiter Linksverteidiger. So ähnlich verhält es sich mit der Innenverteidigung, mit der der Coach in Fürth komplett unzufrieden war. Ein bisschen Verzweiflung klang durch, als Runjaic meinte: „Nur weil wir Olic und Aigner verpflichtet haben, heißt das im Umkehrschluss nicht, dass wir um den Aufstieg spielen werden.“

Ein Sieg am Sonntag gegen Bielefeld würde ihm fürs Erste reichen – schon, um Zeit für sein anspruchsvolles Neuaufbau-Projekt zu gewinnen.

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