Ferdl Keller wird 70

Der vergessene Rekord-Löwe

München - Ferdl Keller schoss 95 Tore für den TSV 1860, Nachruhm gab’s dafür keinen – An diesem Samstag wird der Torjäger aus Pasing 70 Jahre alt.

Wie schnell man beim TSV 1860 München in Vergessenheit geraten kann, hat Ferdl Keller schon erfahren müssen, als er noch für die Löwen stürmte. Am Ende der Saison 1975/1976 ist das gewesen, sein Transfer zum Hamburger SV stand bereits fest, und nachdem der 1860- Mannschaftsbus nach einem Freundschaftsspiel in Ulm an einer Raststätte Halt gemacht hatte, staunte Keller nicht schlecht, als er von der Toilette zurückkam. Der Bus war weg. Einfach losgefahren. Ohne ihn, ohne den Torjäger des Teams. Seine Frau Hilde musste den Alleingelassenen mit dem Auto abholen.

Ob das nur Unaufmerksamkeit war, oder vielleicht doch ein kleiner Racheakt für den Vereinswechsel? Keller zuckt da grinsend mit den Schultern. Ganz genau wisse er es nicht. Aber irgendwie typisch sei die Sache doch für seinen früheren Verein: „Ich habe bei Sechzig nie Anerkennung bekommen“, sagt er.

Und das ist doch einigermaßen erstaunlich. Denn Keller, der an diesem Samstag seinen 70. Geburtstag feiert, hat einst jede Menge Tore geschossen für die Löwen: 95 in 146 Spielen – Vereinsrekord. Von Nachruhm aber kann nicht die Rede sein. Wenn Keller bei 1860 wegen Eintrittskarten anfragte, ging er stets leer aus. Da verhielten sich jene Klubs, für die er sonst noch spielte, weitaus kulanter. Ob Hannover 96, Hamburger SV oder Borussia Neunkirchen – von allen hat er die Ehrennadel, Gratistickets sind selbstverständlich. Auch der DFB erinnert sich an den Nationalspieler. An jedem Geburtstag bekommt Keller ein neues Nationaltrikot zugeschickt. Doch beim TSV 1860 findet sich der 70. Geburtstag des hochverdienten Jubilars nicht einmal in der aktuellen Terminliste der 1860-Homepage – obwohl dort sogar jeder A-Jugendspieler oder Betreuer entsprechend vermerkt ist.

Dabei erfüllt Keller so ziemlich alle Kriterien eines Urlöwen. Schon als 19-Jähriger befand er sich im 1860- Kader, damals in der Meistersaison 1965/66. Die interne Konkurrenz erwies sich allerdings als übermächtig. „Da sind Spitzenleute wie Hansi Rebele und der Bründl Bubi auf der Bank gesessen.“ Keller zog es vor, wieder für seinen Stammverein TSG Pasing zu spielen. Nachdem er aber in der Landesliga 50 Tore in einer Saison erzielte, meldeten sich die Sechziger wieder, Keller kehrte zu den Blauen zurück.

Sein Bundesliga-Debüt gab er 1969/70 (2 Tore), also in der Abstiegssaison der Löwen. Der talentierte Angreifer wechselte zum Erstligisten Hannover 96, schaffte den Durchbruch, erzielte 39 Bundesligatore binnen zwei Jahren und fand sich sogar im erweiterten Kader der Nationalmannschaft wieder. Dennoch zog es ihn 1972 erneut zu den Löwen – in die Regionalliga Süd, der damaligen 2. Liga. 26 war er damals, im besten Fußballeralter. Rückblickend meint Keller: „Ich hab’ mir damit alles verbaut, auch die Nationalmannschaft.“

Dabei traf der Rückkehrer 93 Mal in 122 Spielen – eine grandiose Quote. Die Torstatistik seiner vier Spieljahre: 26, 21, 23, 23 – einmalig in der Vereinsgeschichte. Doch der Sprung in die Erste Liga wurde Saison für Saison knapp verpasst. „Bei vielen Spielern fehlte der letzte Biss“, so Keller. Für ihn seien das „verlorene Jahre“ gewesen, auch wenn er anmerkte: „Ich wäre schon gerne aufgestiegen.“ Dass das nicht klappte, lag damals schon an dem berüchtigten Löwen-Chaos in der Führungsetage: „Die haben alles verkehrt gemacht. Da wusste der eine nicht, was der andere macht. Das war eine Katastrophe.“

In die Nationalmannschaft hat es Keller aber doch geschafft – zumindest für 20 Minuten. 1975, ein Jahr nach Gerd Müllers Rücktritt, suchte Bundestrainer Helmut Schön dringend nach einem neuen Mittelstürmer. Und stieß dabei auf den Torjäger des TSV 1860. Ein Nationalspieler aus der 2. Liga – das war eine kleine Sensation. Beim 2:0-Sieg der DFB-Elf über Österreich in Wien kam der nun schon 29-jährige Münchner in der 70. Minute zum Zug. „Ich bin deswegen immer noch happy“, sagt Keller. Und so kann er sich auch an seine Einwechslung immer noch bestens erinnern: „Helmut Schön sagte zu mir: ,Traust du dir das überhaupt zu?‘“ Woraufhin Jupp Derwall, damals Schöns Assistent und später dessen Nachfolger, gemeint habe: „Der Ferdl, der macht das schon.“ Kellers erstes Länderspiel war aber zugleich auch sein letztes. Schön habe das so begründet: „In der Ersten Bundesliga gibt es 18 Mittelstürmer, die Sechziger sind Fünfter in der 2. Liga. Und dann lasse ich dich in der Nationalmannschaft spielen? Ferdl, das kann ich nicht verantworten.“

Keller brachte es dafür noch zu anderen internationalen Ehren. 1976 holte ihn für 300 000 Mark Ablöse der Hamburger SV in die Erste Liga. Im Europacup-Endspiel der Pokalsieger 1977 gegen Anderlecht stand der Oberbayer in der Startelf, zusammen mit Stars wie Manni Kaltz, Felix Magath und Georg Volkert. Der HSV gewann 2:0. In seiner zweiten Saison für die Hanseaten war Keller zudem mit 14 Toren bester Schütze seines Teams, der legendäre Trainer Ernst Happel versuchte daraufhin, die treffsichere Offensivkraft nach Anderlecht zu lotsen.

Doch da machte ihm der HSV-Manager Günter Netzer einen Strich durch die Rechnung. „Netzer selbst ist als Spieler ohne Ablöse von Real Madrid noch in die Schweiz gewechselt. Für mich verlangte er 400 000 Mark.“ Eine Menge Geld war das damals, zumal für einen schon 32-Jährigen. Der Transfer platzte, Keller zürnt Netzer noch heute: „Das war eine bodenlose Frechheit. Mir hat das schon weh getan, ich hätte gerne noch weitergespielt.“ Sein Karriereende erlebte er im beschaulichen Neunkirchen.

Nach der Profi-Laufbahn versuchte sich Keller als Geschäftsmann – und das mit enormem Erfolg. Erst verkaufte er schwedische Fertighäuser, in Kroatien machte der Ex-Fußballer dann mit Gesundheitsmatratzen das große Geschäft. Inzwischen haben die Kellers – der Ferdl und seine Hilde feiern im August ihren 50. Hochzeitstag – drei Häuser: Im Inninger Ortsteil Schlagenhofen mit Blick auf den Wörthsee, in Porec/Kroatien und in Kapstadt. Den Winter verbringt das Ehepaar vorzugsweise in Südafrika, wo sie in ihrer 17 Zimmer großen Villa Andrea häufig auch Besuch aus alten Fußballer-Tagen bekommen. Rainer Bonhof war schon zu Gast, Klaus Allofs, Werner Olk, Willi Reimann, Herbert Laumen.

Der Kontakt zu 1860 ist dagegen fast komplett abgerissen. „Ich bin 1976 nach Hamburg und dann war’s aus“, sagt Keller. Den sportlichen Leidensweg seines Ex-Klubs hat er dennoch aufmerksam mitverfolgt. „Ich hab im Abstiegskampf mitgezittert.“ Die Erklärung liefert Keller im gleichen Atemzug: „Ich bin immer noch ein Sechziger.“ Auch wenn sie ihn, den Rekordschützen, vergessen haben.

Armin Gibis

Vormerken, Löwen-Fans! Wir übertragen das Testspiel des TSV 1860 gegen den SC Freiburg am Samstag im Live-Stream.

Rubriklistenbild: © M.I.S.

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