Sportlicher Leiter des BCF Klaus Brand hat schon viel erlebt

Betrunkene Trainer und tobende Manager

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Der Mann mit der Dauerwelle: Klaus Brand kickte von 1980 bis 1982 in der 1. Bundesliga bei Bayer 05 Uerdingen. Hier seine originale Autogrammkarte. Der Mann mit dem Überblick: Klaus Brand zieht als Sportlicher Leiter beim Bayernligisten BCF Wolfratshausen im Hintergrund die Fäden.

BCF Wolfratshausen – Die Geschichte ist längst verjährt. Also dürfte Werner Biskup – 2014 verstorbene Trainer-Legende aus dem Ruhrpott – milde von einer Wolke herunterlächeln, wenn wir sie hier nun preisgeben.

Es war ein Sonntag im Jahr 1982 nach einem Bundesliga-Match von Bayer Uerdingen. Biskup, damals Coach der Werkself, hatte seinen Fußballprofis für den Vormittag leichtes Auslaufen verordnet. Wer nicht da war: Biskup. Die Spieler trabten ein bisschen umher, als plötzlich ein Auto über die Aschenbahn an den Rasen rollte. Am Steuer: der Trainer – und dies ziemlich angeschickert. Biskup, über zwei Jahrzehnte schwer dem Cognac zugetan, gab seinen Führungsspielern lallend ein paar Anweisungen, nuschelte ein „Ich-hau’-mich-jetzt-aufs-Ohr“ hinterher und eierte in Schlangenlinien von dannen.

Geschichten wie diese hat Klaus Brand einige auf Lager. Und er erzählt sie inzwischen auch – zumal er auf Biskup nichts kommen lässt: „Der war fachlich hervorragend, sein Training für die damaligen Verhältnisse top.“ Brand stand zu dieser Zeit auf dem Zenit seiner Profikarriere – wenn man die Liga als Maßstab nimmt. Sportlich lief es in Krefeld aber nicht so, wie „ich mir das gewünscht hatte“. Nach seinem Wechsel ins Rheinland plagte sich der damals 25-Jährige mit hartnäckigen Achillessehnenproblemen herum, „etwas, was ich bis dahin überhaupt nicht kannte“. So kam der laufstarke Regisseur in der Bundesliga nur zu vier Einsätzen, dies immerhin gegen die Topklubs FC Bayern mit Paul Breitner, Hamburger SV mit Felix Magath und den VfB Stuttgart mit Hansi Müller – sowie den Karlsruher SC. „In allen Fällen hatte ich die Aufgabe, die Kreise des jeweiligen Spielgestalters zu stören.“ Magath hat der heute 61-Jährige als „genialen“ Spielgestalter in Erinnerung. Kollege Breitner sei „brutal präsent“ auf dem Feld gewesen. Im letzten Saisonmatch gastierte Schlusslicht Uerdingen im Münchner Olympiastadion. Bis zur Pause hielt der designierte Absteiger ein 0:0. „Der Paul war ziemlich angefressen“, erinnert sich der heutige Sportliche Leiter des BCF Wolfratshausen. Das Ende vom Lied: Bayern schlug Bayer 4:0.

Im Jahr drauf in der Zweiten Liga waren dem von Blessuren zurückgeworfenen, gebürtigen Münchner nur fünf Spiele im blau-roten Trikot vergönnt. Ein wenig frustriert packte Brand 1982 seine Koffer und folgte dem Ruf seines Jugendfreundes Toni Schrobenhauser zur SpVgg Unterhaching. Für den damaligen Bayernligisten spielte er bis 1988, bevor er seine Karriere beim FC Wacker München in weiteren drei Jahren ausklingen ließ.

Seine schönste Zeit erlebte Brand aber in Bayreuth. Die SpVgg war in den 1970er Jahren eine große Nummer im bayerischen Fußball, spielte kontinuierlich an der Spitze der 2. Bundesliga mit. Den Weg zu den Oberfranken erkaufte er sich mit einem Tobsuchtsanfall von Robert Schwan, Manager-Ikone des FC Bayern München, für den Brand seit seinem zehnten Lebensjahr gekickt hatte. Er galt damals beim frisch gebackenen Europokalsieger der Landesmeister als größtes Talent seines Jahrgangs. In einer Saison hatte Brand rund 100 Tore erzielt, von den C-Jugendlichen sprang er direkt hinauf zu den A-Junioren. Mit denen kämpfte der „offensiv ausgerichtete Zehner“ um die Deutsche Nachwuchsmeisterschaft und weckte die Begierde anderer Klubs. Schwan ließ den 18-Jährigen daraufhin in seinem Büro antanzen und bot ihm an, bei Franz Beckenbauer, Gerd Müller, Sepp Maier und Co. mitzutrainieren, aber in Bayerns Reserveteam in der Regionalliga zu kicken. Brand lehnte ab. „Ich wollte so hochklassig wie möglich spielen.“ Das sagte er Schwan, und auch, dass er sich mit Bayreuth bereits einig sei. Der Manager, in seiner Ehre getroffen, lief rot an und brüllte den Teenager zusammen. Der aber blieb – obwohl beeindruckt – standhaft. Die einzige Entscheidung seiner Karriere, die er heute in Frage stellt: „Vielleicht hätte ich es ein Jahr länger beim FC Bayern probieren sollen.“ Jemand wie Bernd Dürnberger, Stammkraft in der Bundesligatruppe, sei „nicht viel besser gewesen als ich“.

Trotzdem: In Bayreuth fand der Regisseur sein Glück: Dort lernte er seine spätere Frau Gabriele kennen, wurde zum Stammspieler und Leistungsträger und erlebte Dinge, von denen hoffnungslose Fußballromantiker schwärmen. „Der Zusammenhalt in der Truppe war riesig“, sagt der 61-Jährige. „Wir waren auf und neben dem Platz eine Einheit, haben privat viel unternommen.“ Bayreuther Legenden wie Wolfgang Mahr, Wolfi Breuer, Herbert Heidenreich und Uwe Sommerer waren Teamkollegen und Freunde. Und einer der ersten lizensierten Fußball-Lehrer Deutschlands war sein Coach – mit kuriosen Methoden, die er sicher nicht an der Kölner Sporthochschule gelernt hat. Am Abend vor einem Relegationsmatch gegen Eintracht Trier beispielsweise erschien Gerhard Happ zur Spielersitzung mit einer aufblasbaren Gummipuppe. Wer Nöte habe, teilte der Übungsleiter den verdutzten Kickern mit, könne die Dame mit aufs Zimmer nehmen.

Solcher Methoden hat sich Brand, als er selbst Klubs trainierte, nie bedient. Als Coach bevorzugte er die sachliche Arbeit. Der TSV Wolfratshausen, der FC Starnberg, der SV Pullach und der TSV Großhadern tauchen unter anderen in seiner Vita auf. Seit zwei Jahren arbeitet er wieder im hochklassigen Amateur-Fußball, kümmert sich als Sportlicher Leiter des Bayernligisten BCF um die Zusammenstellung des Kaders. Wie hat sich der Fußball während der gut 40 Jahre, in denen Brand nun dabei ist, verändert? Der Wolfratshauser zögert nicht lange mit der Antwort. Die Befindlichkeiten der Spieler würden heutzutage einen viel größeren Raum einnehmen, sagt Brand und stellt fest: „Früher war es so: Hat der Trainer nicht mit dir geredet, war alles gut. Wollte er mit dir sprechen, hast du ein Problem gehabt. Heute ist es genau umgekehrt.“

Peter Borchers

Quelle: fussball-vorort.de

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