Nationalspieler im Interview

Ex-Hachinger Heinze: "Im Futsal sind wir ein Entwicklungsland"

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„Ich möchte nicht mehr tauschen“: Timo Heinze, hier im Haching-Trikot, kennt beide Welten: Fußball und Futsal.

SpVgg Unterhaching - Der ehemalige Fußballprofi Timo Heinze spielt jetzt lieber Futsal. Im Merkur-Interview spricht er über die deutsche Länderspiel-Premiere, bayerischen Gegenwind, Lichtjahre Rückstand, Pele und Max Meyer.

Timo Heinze (30) spielte einst für den FC Bayern und Unterhaching. Inzwischen ist der Rosenheimer zum Futsal übergewechselt – und nun bei der Premiere der deutschen Nationalelf dabei. Die Spiele am Sonntag (14.45 Uhr) und Dienstag (17.55 Uhr), jeweils in Hamburg gegen England, werden live auf „Sport1“ übertragen. Heinze, der mit seinem früheren Bayernkollegen Mats Hummels die Werbetrommel rührte, erklärt im Interview die Perspektiven des DFB-Teams.

Herr Heinze, wie gut kennen sich die deutschen Nationalspieler eigentlich?

Wir kennen uns inzwischen sehr gut, wir hatten ja schon einige Lehrgänge und inoffizielle Testspiele. Da wird wie beim Fußball der Kader nach und nach ausgesiebt. Zudem ist die Szene ja viel, viel kleiner als im Fußball. Da ist sich jeder schon öfter über den Weg gelaufen.

Woraus rekrutiert sich denn die deutsche Futsal-Nationalmannschaft?

Profis gibt es schon mal keine, davon sind wir noch weit entfernt und verdienen ja auch alle nichts. Es ist ein bunter Mix: Studenten, genauso alltägliche Arbeitnehmer, aus dem Büro wie vom Straßenbau...

... auch angehende Fußball-Profis, deren Plan es eigentlich ist, sich im Fußball durchzusetzen?

Nein. Wir haben zwar einige Spieler, die leider auch draußen spielen. Viele sind aber nur mehr im Futsal aktiv, und da wollen wir hin, dass es bloß noch reine Futsalspieler gibt.

Sie sagen: „Leider auch noch draußen spielen“ – warum? Passen Futsal und Fußball nicht mehr zusammen, wenn man ein gewisses Niveau anstrebt?

Ganz im Gegenteil. Ich bin kein Freund davon, zu sagen, dass der Futsal eine Gefahr für den Fußball ist – oder umgekehrt. Vielmehr kann man sich gegenseitig extrem befruchten. Ich sagte „leider“, weil es in vielen Fällen daran liegt, dass wir im Futsal noch zu selten trainieren und die Jungs deshalb nach draußen ausweichen müssen. Es bremst die Szene derzeit noch ein wenig, dass man zu wenig Hallenzeiten bekommt. Auf lange Sicht sollte man sich als Spieler aber schon allein auf Futsal konzentrieren.

Nächstes Jahr steht die EM-Qualifikation an. Mit welchem Ziel starten Sie?

Dass wir uns für die EM qualifizieren, ist nicht realistisch. Da sind zwölf Teams dabei, das wäre utopisch. Es gibt zwei Vorquali-Runden, wir sind für die erste gemeldet, und es wäre schon eine Riesensache, wenn wir in die zweite kommen.

Es ist ungewöhnlich für die große Fußball-Nation Deutschland, sich so weit unten anzusiedeln.

Ja, aber man muss das eben offen so sagen: Im Futsal sind wir ein Entwicklungsland. Die anderen Nationen spielen das seit über 20, 30 Jahren. Es gibt internationale Profiligen, da leben die Spieler von dem Sport – und wir treten mit Studenten und Arbeitnehmern an. Da haben wir noch viel aufzuholen.

Wer sind denn die starken Futsal-Nationen?

Weltweit ist Brasilien ganz vorne dabei, Weltmeister wurde vor kurzem Argentinien – das aber leicht überraschend. In Europa sind die Spanier das Maß aller Dinge, auch Italien ist stark – und in ganz Osteuropa sind die Leute regelrecht Futsal-verrückt: Russland, aber auch die Kleineren. Die sind uns noch Lichtjahre voraus.

Ihre inoffiziellen Spiele gegen Georgien im Frühjahr endeten 0:4 und 0:5.

Es geht aber schnell im Futsal, dass man mal eine „Klatsche“ kriegt. Georgien ist ein gutes Beispiel: Klingt vom Namen her nicht so besonders, aber sie haben eben seit 20 Jahren eine Nationalmannschaft, und wir haben gerade erst eine gebildet. Wir waren nicht clever genug, es wären aber auch dort schon bessere Ergebnisse drin gewesen. Dass wir am Anfang Lehrgeld bezahlen, ist einkalkuliert.

Nun geht es zwei Mal gegen England. Wie gut sind die Briten im Futsal?

England ist definitiv keine Futsal-Macht und gehört nicht zu den Top-Nationen in Europa, auch wenn sie mittlerweile seit rund zehn Jahren eine Nationalmannschaft haben. Wir hoffen, da mithalten zu können.

Warum hat sich Futsal in Deutschland bisher so schleppend entwickelt?

In Deutschland wurde ewig am ursprünglichen Hallenfußball festgehalten. Ich kenne das ja aus meiner Zeit bei Bayern. Während andere längst umgestellt hatten, existierte Futsal bei uns nicht. Erst jetzt sprießen die Teams aus dem Boden.

Ist Futsal die Zukunft des Hallenfußballs – wird man in Zukunft den ursprünglichen Hallenfußball gar nicht mehr kennen?

Ich denke und hoffe schon, dass Futsal die Zukunft ist. Ich habe ja den direkten Vergleich und kann sagen, es macht mehr Sinn. Der Ball ist optimal auf die Hallenbedingungen abgestimmt, im Hallenfußball springt der oft wie ein Flummi an die Decke. Das passt einfach nicht. Dazu fallen die Banden weg, die im Hallenfußball häufig nur nach dem Prinzip Hoffnung bespielt werden. Auch ein paar Regeln machen mehr Sinn, wodurch zum Beispiel das ständige Hintenrumspielen nicht vorkommt. Verständlicherweise sind einige Leute skeptisch, es ist ja für viele etwas völlig Neues. Es wird Zeit brauchen – zum Beispiel in Bayern ist noch viel Gegenwind zu spüren –, aber meiner Meinung nach wird sich Futsal in Deutschland durchsetzen, wie er es ja in großen Teilen der Welt schon getan hat. Übrigens halte ich Futsal auch im Jugend- und Schulbereich für sinnvoller, weil man sich schneller in den Sport reinfindet und leichter ein anständiges Spiel zustande kommt.

Inwieweit wird Futsal zum Beispiel in der Jugend des FC Bayern gespielt?

Gute Frage. Offizielle Hallenturniere, die über den DFB laufen, müssen mittlerweile mit Futsal-Regeln gespielt werden. Daher gehe ich davon aus, dass die Jungs damit schon mal in Berührung gekommen sind. In der Szene gab es darüber hinaus die Hoffnung, dass Pep Guardiola da etwas anstößt – der FC Barcelona ist nämlich auch im Futsal eine der weltbesten Mannschaften –, aber das ist wohl nicht passiert. Die Löwen dagegen haben seit Neuestem ein Team gegründet.

Die Liste der internationalen Fußball-Stars, die ihre Ursprünge im Futsal hatten, ist lang: Ronaldo, Ronaldinho, Zinedine Zidane, Lionel Messi, Andres Iniesta . . .

Es gibt etliche Stars, die im Futsal angefangen haben, das glaubt man gar nicht. Gerade in Südamerika und Spanien. Die ganzen Aktionen auf engem Raum, die dafür benötigte Handlungsschnelligkeit, das Zweikampfverhalten im 1 gegen 1, all das benötigt man ja auch im modernen Fußball.

Sogar Pele meinte mal: „Beim Futsal muss man schnell denken und spielen können. Das macht es später leichter, wenn man zum Fußball wechselt.“

Man denkt ja immer: „Ach, Brasilien, da spielen die Kinder alle von klein auf am Strand!“ Das stimmt so nicht ganz. Sie würden sich wundern, wie viele dort mit Futsal beginnen.

Immerhin gibt es jetzt den ersten deutschen Fußballer, der es vom Futsal in Jogi Löws Nationalelf geschafft hat: Max Meyer.

Ja, das stimmt. Er hat in der Jugend beides parallel gespielt und scheint bis heute ein großer Befürworter zu sein.

Sie selbst haben Fußball mit großer Leidenschaft gespielt – wie kam es, dass Sie sich jetzt dem Futsal verschrieben haben?

Nachdem ich meine Fußballkarriere vorzeitig beendet hatte, ging ich zum Studieren nach Köln. Als ich von ein paar Kommilitonen gefragt wurde erstmals zu einem Futsal-Turnier mitgefahren bin, habe ich auf der Zugfahrt noch schnell das Regelwerk durchgelesen. Ich kannte das Spiel ja nur aus vereinzelten Fernsehausschnitten. Seitdem bin ich nicht mehr davon losgekommen. Klar gibt es große Parallelen, aber es ist dennoch nicht ganz vergleichbar mit dem Fußball draußen, beides sind für sich wundervolle Sportarten. Beim Futsal bist du permanent am Ball, musst stets aufmerksam sein, denn es spielen ja nur vier gegen vier Feldspieler. Das ist extrem spannend. Ich liebe den Fußball draußen – aber ich würde nicht mehr tauschen wollen.

Was erwarten Sie von der Länderspiel-Premiere?

Wir sind keine Profis, geschweige denn Stars, die alles in Grund und Boden zaubern. Aber die Zuschauer werden bestimmt auf ihre Kosten kommen, weil es im Futsal ziemlich rasant immer hin und her geht. Meine Freunde sind nach einem Besuch jedenfalls immer wieder gekommen. Und wir werden alles geben. Denn die Szene wartet schon ein paar Jährchen auf diese Premiere.

Interview: Andreas Werner

Quelle: fussball-vorort.de

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