Der Traum von der 0,5

Hofmann: Ein absoluter Top-Profi in der Bayernliga

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Auch mit bald 44 noch lange nicht satt: Michael Hofmann will mit Pullach Bayernligameister werden

SV Pullach - Seit Michael Hofmann im Tor steht, hat der SV Pullach nur zwei von 28 Bayernliga-Spielen verloren. Dabei ist der Ex-Löwe bald 44, in Sachen Ehrgeiz und Einstellung aber ein Vorbild. Er gibt immer alles, auch wenn Pullach wegen fehlender Infrastruktur nicht aufsteigen kann.

Was treibt ihn an? Neulich hat ihm ein Stürmer, der allein auf ihn zugelaufen ist, den Ball „durch die Hax‘n“ geschoben, Gegentore nerven ihn generell, so eines aber ärgert ihn richtig. Dabei könnte sich Michael Hofmann sagen, was muss ich noch beweisen mit meinen fast 44 Jahren? Für die Löwen-Fans ist Hofmann Kult, Christoph Burkhard, ein früherer Mitspieler bei 1860, bezeichnete ihn kürzlich als „lebende Legende“. Locker und gemächlich könnte er seine aktive Laufbahn, die ihm 83 Einsätze in der Bundesliga bescherte, ausklingen lassen, wie viele frühere Profis, die noch ein bisschen zum Spaß in Amateurligen mitkicken.

Das aber wäre nicht Michael Hofmann. Wenn er etwas anpackt, dann richtig. Dann ist er halt jedes Mal im Training, nicht nur anwesend, sondern auch top vorbereitet und bis in die Haarspitzen motiviert, wirft sich trotz seines Alters noch in ausgetretenen Fünf-Meter-Räumen in den Schlamm, ist schon Tage vorher auf das nächste Punktspiel fokussiert. In dem er dann wieder alles gibt, um seinen Schnitt zu verbessern: Maximal 0,5 Gegentore pro Spiel strebt er an, zufrieden aber wäre er auch schon mit einem „Schnitt unter der eins“, der sei richtig gut, hat ihm Markus Weinzierl mal eingebläut, sein früherer Trainer bei Jahn Regensburg.

Daran orientiert sich Hofmann noch heute. Seit knapp einem Jahr steht er im Tor des Bayernligisten SV Pullach, als man ihn holte, hatte die Mannschaft in neun Spielen 15 Gegentore kassiert, mit ihm gab es in 25 Spielen nur noch 22, Schnitt unter eins, wäre okay, doch sein Ziel, nie mehr als maximal zwei Treffer zu kassieren, hat ihm das 0:3 in Rosenheim verhagelt, es grämt ihn noch heute.

Hofmann identifiziert sich mit Pullach zu 100-Prozent

Das war am vorletzten Spieltag, als längst feststand, dass es für Pullach auch dieses Mal wieder nichts werden würde mit dem Aufstieg. Wieder war die Suche nach einer Regionalliga-tauglichen Spielstätte im Sande verlaufen, Hofmann sagt, das habe ihn erst mal richtig frustriert. Als aber Abteilungsleitung und Trainer die Hintergründe erläuterten, habe er „eingesehen, dass das ein unkalkulierbares Risiko“ für den Verein gewesen wäre. Und obwohl sich daran auch in der neuen Saison nichts ändern werde, hat Hofmann seinen Vertrag verlängert. Und mit ihm fast der gesamte Kader, das macht Hofmann stolz: „Das zeigt, welchen Charakter diese Truppe hat.“

Was aber bewegt Fußballer dazu, zum dritten Mal in Folge um die „Goldene Ananas“ zu spielen? So können das nur Leute sehen, die selbst nie Sportler waren, glaubt Hofmann: „Sich eine Meisterschaft ans Revers heften zu können, ist das denn nichts?“ Und er zählt all die Vorzüge auf, die der SV Pullach bietet: Nähe zur Stadt, Top-Bedingungen, gut geführt, ein starker Kader, ein Trainer Schmöller, ein Manager Liedl, schöne Derbys, viele Highlights. Was will man mehr? „Irgendwo anders vielleicht Abstiegskampf und ständige Ungewissheit?“

Michael Hofmann identifiziert sich mit Pullach fast schon wie früher mit 1860. 14 Jahre ist er bei den Löwen gewesen, die Fans haben ihn verehrt, wegen seiner Besessenheit, seiner professionellen Einstellung, seiner Fähigkeit zur Selbstkritik. „Wenn ich Fehler gemacht habe, bin ich auch dazu gestanden.“ Und wenn er nun im Amateurbereich spielt, dann nur mit hundertprozentiger Einstellung. Auch wenn der Körper längst unter den Spuren leidet, die der Profifußball hinterlassen hat: Arthrose im Sprunggelenk, nach jedem Training Schmerzen in der Schulter, bei Übungseinheiten auf dem Kunstrasen in der Hüfte, der Rücken macht Probleme. „Alles nicht so dramatisch, dann geht man halt hinterher in die Sauna oder in die Badewanne.“

Hofmann sagt, es mache ihm noch immer ungeheuren Spaß. Dass „das Feuer noch brennt“, habe er in Bayreuth gespürt, als er vor einem Jahr kurzfristig als Nothelfer zurückgekehrt war zu seinem Heimatverein. Da kam dann der Anruf aus Pullach gerade zur rechten Zeit, denn München zu verlassen, wäre nicht in Frage gekommen, der Familie wegen. Die beiden Töchter sind hier geboren, die Gattin stammt aus Unterhaching. „Und beim Pendeln blieben so viele andere Dinge auf der Strecke.“

Zukunft in München - mit einer Torwart-Schule

Hier sieht er seine Zukunft, eine Zukunft, die eigentlich schon begonnen hatte. Eine Saisonlang war Hofmann, dessen Profikarriere 2013 in Regensburg endete, Trainer beim Kirchheimer SC, am Anfang der zweiten trat er zurück. Zu viele Abstriche hätte er machen müssen, „da leidet man als Trainer. Ich wollte nicht wieder nur gegen den Abstieg spielen.“ Irgendwann wird er einen neuen Anlauf nehmen, der Job des Trainers reizt ihn, Regionalliga könnte er sich vorstellen, vielleicht auch Co-Trainer oder Torwart-Coach bei den Profis.

Derzeit lotet er auch andere Möglichkeiten aus. Gemeinsam mit den Ex-Löwen Paul Agostino und Roman Tyce hat er im Munich Soccer Camp Kinder und Jugendliche trainiert, dort hat er aufgehört, weil sich die Tätigkeit schwer mit seinem Engagement in Pullach vereinbaren ließ. Nun schwebt ihm eine Torwart-Schule vor, Events für junge Nachwuchs-Keeper, die Installation eines Förderstützpunkts. In oder außerhalb von Vereinen, noch sondiert er den Markt, hofft auf Resonanz (michihofmann39 @me.com). Fangen von Bällen steht ganz am Anfang, „sonst bekommt man Probleme“, das Erlernen von Grundtechniken, Schulung der Beidfüßigkeit, koordinativer Fähigkeiten. „Der Torwart ist heute viel mehr ins Spiel einbezogen“, weiß Hofmann, warnt aber davor, alles spielerisch lösen zu wollen: „Manche Keeper spielen sich tot, statt den Ball einfach mal ins Aus zu dreschen.“

Hofmann hat viele Erfahrungen gesammelt, 1. Liga und 2. Liga in 14 Jahren bei 1860, 3. Liga in drei Jahren Regensburg. Er kann viel vermitteln, weitergeben, vorleben. Auch diese absolut professionelle Einstellung, die sich kaum unterscheiden darf, egal, ob man nun Bundesliga spielt oder eben Bayernliga, wie Hofmann gerade in Pullach. Der Ehrgeiz ist ungebrochen, auch mit fast 44.

Text: Reinhard Hübner

FUSSBALL-AMATEURE

Die Amateurfußballseite erscheint jeden Mittwoch. Autor ist Reinhard Hübner, erreichbar unter komsport@t-online.de

Quelle: fussball-vorort.de

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