Talent, Fleiß, Disziplin

Julian Weigls langer Weg zum Nationalspieler

+
Duell mit seinem späteren Klub: Weigl im roten Rosenheimer Trikot beim Kopfball gegen die Junglöwen.

TSV 1860 Rosenheim - Das Ende des Weges ist ein Flaschenhals, der schließlich so eng wird, dass er nur noch vereinzelt Tropfen durchlässt. Nur 0,1 Prozent der Fußball spielenden Kinder werden später Profis. Der ehemalige Rosenheim und Löwe Julian Weigl hat es geschafft.

An diesem verregneten Sonntag spürt Hans Weigl Glück, aber auch so etwas wie Demut. Der Weg dorthin aber ist weit, brutal weit, ist gespickt mit Hürden und Fallstricken.

In wenigen Stunden wird Julian gegen Ungarn sein erstes Länderspiel bestreiten, und dem stolzen Vater fällt nun ein, dass sein Sohn auf den Tag genau ein Jahr zuvor neunzig Minuten auf der Bank gesessen hatte, beim Relegationsspiel der Münchner Löwen in Kiel, beim Kampf ums Überleben in der zweiten Liga. Hans Weigl erzählt von „Gänsehaut“ und davon, wie unglaublich schnell alles gehen kann im Fußball.

Man braucht, neben einem gewissen Talent natürlich, ungeheures Glück, festen Willen, möglichst optimale Rahmenbedingungen, gute Begleitung und an manchen Weggabelungen richtige Entscheidungen. Die meist die Eltern zu treffen haben.

Dank seines Vaters wächst Weigl "auf dem Fußballplatz auf"

Bei Julian scheint der Weg vorgezeichnet. Der Vater ist ein früherer Amateurkicker, dessen größter Erfolg 1991 der Aufstieg mit dem ASV Au in die Bezirksliga gewesen ist. Als dann 1995 Julian geboren wird, wächst das Kind quasi „auf dem Fußballplatz auf“, so der Vater. Sobald er laufen kann, hat er „immer einen Ball am Fuß“, ob draußen oder daheim in der Wohnung in Ostermünchen. „Am Fußballplatz hatten wir immer eine zweite Garnitur Kleidung dabei“, schon nach kurzer Zeit nämlich ist Julian unter einer dicken Schmutzschicht kaum mehr zu erkennen. „Der hat sich immer voll reingehauen“, erinnert sich der Vater. Bereits als Dreijähriger darf er in Ostermünchens F-Jugend mitkicken.

Begeisterung für den Fußball, das ist die Grundvoraussetzung, Spaß am Sport, an der Bewegung, das war den Weigls immer wichtig, auch in der Zeit noch, als ein gewisses Talent schon zu erkennen war. Unaufgeregt treffen sie die erste wichtige Entscheidung für Julians Weg, den Wechsel nach der E-Jugend aus Ostermünchen zu 1860 Rosenheim: „Sollte es nicht klappen, kann er ja wieder zurück“, sagt sich der Vater. In Rosenheim aber erkennt man schnell, welches Juwel man da bekommen hat.

„Wir wollten ihn ja schon früher“, erinnert sich Christian Haas, der in den ersten Jahren zum wichtigsten Förderer wird. Weil er das Talent schon mal härter anpackt: „Wir sind schon auch heftiger aneinandergeraten.“ Etwa bei der Geschichte mit der Wurstsemmel. Haas hat seinen Kapitän mal eine Denkpause auf der Bank verordnet, will ihn nun einwechseln, verzichtet aber darauf, als er sieht, wie der seelenruhig gerade sein zweites Frühstück verdrückt. „Da hat er lieber das Spiel verloren“, wird Julian später berichten. Und ist Haas noch heute dankbar: „Damals habe ich verinnerlicht, dass Talent allein gar nichts ist, Disziplin aber alles.“ Kritik, sagt Haas, „hat er akzeptiert, er war nicht beleidigt oder nachtragend.“ Sondern hat daraus seine Schlüsse gezogen.

Durchbruch in der U15

Den größten Sprung macht Julian in der U15: „Da hat er alles rausgehauen, er war unglaublich dominant, hat von sich aus immer Verantwortung übernommen. So einen Spieler“, sagt Haas, „habe ich selten gesehen, er war selbstbewusst ohne arrogant zu sein, hat bei wichtigen Überlegungen mitgeredet, wurde früh mein verlängerter Arm auf dem Spielfeld.“ An Julian kommt man nun gar nicht mehr vorbei, wenn es darum geht, einen Kapitän zu bestimmen: „Er blieb immer geerdet, hat Mannschaftskollegen nach Fehlern getröstet, sie aufgemuntert, wenn wir draußen geschimpft haben.“ Julian aber ist auch eine „coole Socke“, erinnert sich Richard Riedl, der in dieser Zeit mit Haas die Mannschaft coacht: „Bei einem Turnier in Österreich mussten wir ein Spiel unbedingt gewinnen, um die nächste Runde zu erreichen. Bei einem Freistoß 18 Meter vor dem Tor forderte ich Julian auf, es direkt zu versuchen. Wie selbstverständlich haute er ihn rein, kam zu mir an die Linie und fragte frech: War das jetzt so für Sie okay, Herr Riedl? Immer hatte er einen lockeren Spruch drauf.“

Bei Julian Weigl läuft vieles, aber auch nicht alles glatt. Mit der bayerischen U15- Auswahl darf er sich beim DFB-Sichtungsturnier in Duisburg präsentieren, „muss aber Außenverteidiger spielen statt auf der angestammten Sechs und kam nicht so richtig zum Zug“, erzählt Hans Weigl. Der Sohn ist unzufrieden, verzagt aber nicht: „Sein Motto war: Wer ehrliche Arbeit abliefert, hat irgendwann Erfolg.“ So steckt er auch die frustrierende Absage des FC Bayern weg. „Die fanden ihn zu langsam, zu behäbig, ohne die nötige Dynamik“, sagt Christian Haas und muss noch heute grinsen, wenn er an diese fatale Fehleinschätzung denkt.

Auch Hoffenheim hatte Weigl auf dem Zettel

Er hat seinen Schützling anders erlebt. So beim Futsal, als die Rosenheimer U15 bis ins Finale um die Deutsche Meisterschaft vordringt. „Julian war für mich einer der besten Spieler überhaupt“, er fällt auf, so dem Scout aus Hoffenheim, auch die Münchner Löwen buhlen nun verstärkt um ihn. Nachwuchschef Wolfgang Schellenberg kennt Weigl, hat ihn seit seiner Zeit als Rosenheimer Cheftrainer auf dem Radar, den damals 15-Jährigen schon zu Fördertrainingseinheiten mit der ersten Mannschaft beordert. Die Futsal-Meisterschaft in Bergkamen sieht auch Vater Weigl als wichtige Etappe auf Julians Weg, „wir besuchten damals das Dortmunder Stadion, das ihn sofort faszinierte.“ Wobei er natürlich nicht ahnen kann, genau hier einmal zum Nationalspieler zu reifen.

Schellenberg schätzt Weigl nicht nur als Fußballer, sondern auch als Charakter: „Julian ist ein positiver, ein offener Typ, der auf seine Mitspieler zugeht.“ Die Entscheidung, nach München zu wechseln, fällt spät, den Eltern aber nicht schwer: „Bei 1860 war die Atmosphäre familiär und locker.“ Und Ostermünchen liegt an der Bahnstrecke Rosenheim – München, Julian kann pendeln. „Aber natürlich muss die Familie voll dahinterstehen.“ Die Weigls haben noch eine Tochter, die nicht zu kurz kommen soll. Sie spüren, dass es ein Einschnitt ist, „Julians Traum aber war der Profifußball, den sollte er leben können.“ Er muss „nun einfach den nächsten Schritt machen“, findet auch Förderer Haas.

Für Eltern aber ist es immer auch ein Balanceakt. Plötzlich wird man konfrontiert mit hohen Ansprüchen, mit wachsender Professionalität, mit blumigen Avancen von Beratern, taucht ein in eine neue, bisher weitgehend unbekannte Welt, stellt sich Fragen: War die Entscheidung richtig, wie wird der Bub umgehen mit der Belastung? Schließlich soll auch ein vernünftiger Schulabschluss her, „darauf haben wir größten Wert gelegt“, so Hans Weigl. Er zählt nicht zu den Vätern, die Druck ausüben, ihre eigenen Träume in das Kind projizieren. „Wir haben ihn, so gut es ging, unterstützt“, den Weg aber sollte Julian gehen, „wir haben uns da weitgehend zurückgehalten“. Julian geht ihn, mit aller Konsequenz. Er schließt die Wirtschaftsschule in Bad Aibling erfolgreich ab, zieht nach München ins Internat und macht im Fanshop der Löwen eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann.

Thomas Tuchel für Weigl ein Glücksgriff

Als er als jüngerer Jahrgang Kapitän der U19 wird, ahnt auch Hans Weigl, dass „es was werden könnte“. Julian ist total fokussiert auf Fußball, verzichtet auf vieles, geht lieber ins Trainingslager als auf Feste oder die Abschlussfahrt mit seinen Mitschülern. „Fleiß schlägt Talent“, den Spruch seines Trainers Josef Steinberger hat Julian verinnerlicht, einfach hart an sich arbeiten, das ist sein Motto, das ihn auch kleinere Enttäuschungen wegstecken lässt. „Natürlich hätte er gerne früher als erst in der U19 den Sprung in ein Junioren-Nationalteam geschafft“, so der Vater. Julian aber verzagt nicht, sagt sich: „Wenn man nur seine Leistung bringt, kommt alles andere von alleine.“ Er sollte recht behalten.

Als er vor einem Jahr die Löwen verlässt, nach Dortmund wechselt, traut ihm kaum einer zu, dort sofort zum unumstrittenen Stammspieler zu werden, „zunächst wollte er lernen“, so der Vater. Trainer Thomas Tuchel aber erkennt Weigls Qualitäten, diese Spielintelligenz, diese Abgeklärtheit, Ballsicherheit und minimale Fehlerquote. Dass er nun sogar bei der Europameisterschaft dabei ist, zeigt, wie schnell alles gehen kann im Fußball.

Geschenkt aber wurde auch Julian Weigl nichts. Er hatte das Glück, ein vernünftiges Elternhaus zu haben, das passende Umfeld, die richtigen Förderer. Und die nötige Geduld, wenn der Erfolg etwas länger auf sich warten ließ. Alles hat er für sein großes Ziel getan, immer an sich geglaubt. Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet er schließlich durchgeschlüpft ist durch diesen brutal engen Flaschenhals.

Profifußball: Ein ziemlich fragiles Standbein

Nur für ganz wenige erfüllt sich der Traum vom Profifußball. Millionen von Kindern träumen diesen Traum, den Traum vom Profifußball, vom Nationalteam, vielleicht vom WM-Titel. Viele von ihnen nehmen Entbehrungen in Kauf, verlassen früh das Elternhaus, um in einer der Nachwuchsakademien der Bundesligaklubs ausgebildet und ihrem großen Ziel nähergebracht zu werden. Jahr für Jahr werden an die 500 potentielle Neuprofis auf den Markt geschwemmt, nur ganz wenige werden dauerhaft vom Fußball leben können. Rund 2500 Fußballer sollen es sein, die das in Deutschland können, knapp 500 davon im Überfluss, sehr gut oder ganz ordentlich. Sie spielen Bundesliga. Der Rest wird schon seltener in Verbindung gebracht mit Villa, Yacht und Sportwagen. Zweite und dritte Liga, erst recht die Regionalligen, werfen nicht mehr allzu viel ab, der Job ist hart, undankbar und oft zu gering bezahlt, um etwas zurücklegen zu können für die Zeit nach der Karriere.

Wer Fußballprofi ist, hat in 75 Prozent der Fälle keine abrufbare berufliche Qualifikation, wenn Alter oder Verletzungen eine Umorientierung erfordern, hat eine Untersuchung des „kicker“ mal ergeben. Nur ganze zehn Prozent der Profifußballer haben finanziell ausgesorgt.

Insgesamt sind es nur 0,1 Prozent der in Deutschland kickenden Kinder, die später ihren Traum vom großen Fußball verwirklichen können. Und davon wiederum nur ein Fünftel in der Bundesliga. Die Arbeitsplätze sind rar, jeden Sommer treffen sich viele arbeitslose Profis im Trainingscamp des Berufsverbands VdV, in der vagen Hoffnung, sich auf diesem Umweg noch für einen Vertrag empfehlen zu können. Diese doch recht düstere Perspektive muss Jugendlichen und ihren Eltern bewusst sein und sie dazu bringen, neben einer qualifizierten sportlichen auch die schulische und berufliche Ausbildung zu forcieren. Auch wenn das Talent noch so groß sein sollte, allein auf den Profifußball zu setzen, ist ein äußerst fragiles Standbein. Da ist es nur gut, wenn man sich ein zweites geschaffen hat.

Die Jugendsportseite erscheint alle drei Wochen am Freitag. Autor ist Reinhard Hübner, für Tipps, Infos und Anregungen erreichbar r unter 08031/42657 oder Huebner-Rosenheim@t-online.de.

Quelle: fussball-vorort.de

Mehr zum Thema:

auch interessant

Meistgelesen

Pipinsried holt Manchings Top-Torjäger
Pipinsried holt Manchings Top-Torjäger
Sulmer bekennt sich zum SV Pullach
Sulmer bekennt sich zum SV Pullach
Kupka und sein Kampf für den Amateurfußball
Kupka und sein Kampf für den Amateurfußball
Hürzeler: "Würde Höß gerne seinen Traum erfüllen"
Hürzeler: "Würde Höß gerne seinen Traum erfüllen"

Kommentare