BCF verliert Spiel und Trainer

Leitl: Der ständigen Improvisation überdrüssig

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Abgang nach drei Jahren: BCF-Trainer Reiner Leitl (li.) warf nach dem 0:3 gegen Hankofen das Handtuch

BCF Wolfratshausen - Unvorbereitet und mit voller Wucht trifft ein Paukenschlag den BCF Wolfratshausen: Cheftrainer Reiner Leitl erklärte nach der katastrophalen 0:3-Heimpleite gegen die SpVgg Hankofen-Hailing seinen sofortigen Rücktritt.

Endzeitstimmung herrscht seit dem späten Samstagnachmittag in Farchet. Muss der BCF doch das überlebenswichtige Saisonfinale ohne seinen langjährigen Übungsleiter bestreiten: Reiner Leitl traf den Entschluss, sein Werk der letzten drei Spielzeiten unvollendet abzubrechen. Als Interimslösung bis zum Saisonende – also in den verbleibenden drei Punktspielen – werden Klaus Brand als Sportlicher Leiter sowie der verletzte Routinier Sebastian Pummer die Geschicke im Training und von der Bank aus leiten.

Leitls Reaktion nach dem Hankofen-Match war spontan, doch sie war gut durchdacht. Ein letztes Mal ging der 56-Jährige mit seinen Spielern in die Kabine, verabschiedete sich von ihnen und informierte noch Abteilungsleiter Dr. Manfred Fleischer. Dann verließ er per Fahrrad das Isar-Loisach-Stadion. Geblieben sind Konsternierung und Verdruss. War doch mit solch einer Richtungsänderung nicht zu rechnen. Erst vor geraumer Zeit verlängerten Leitl und Co-Trainer Günter Wernthaler, der ebenfalls hinwarf, ihren Vertrag. Doch ließen die letzten Wochen Leitl an seinem Wirken zweifeln. Erreichte er die Mannschaft noch in ausreichendem Maße? Offensichtlich nicht. Er müsse sich als Trainer eingestehen, dass ein „neuer Impuls“ notwendig sei. Er hatte „nicht mehr das Gefühl“, dass seine Kicker die Abstiegsfrage ernsthaft angehen. Überdies war er der „ständigen Improvisation“, jeden Spieler aufs Neue fragen zu müssen, „ob er da ist oder nicht“ überdrüssig. Bayernliga sei keine Hammelklasse. Da könne man sich nicht auf Bezirksliga-Nivaeu präsentieren.

Unzweifelhaft haben sich bei Leitl in letzter Zeit einige Dinge angestaut. Er habe ob der schwierigen Situation mit den vielen Verletzten – darunter absolute Leistungsträger wie Marco Höfert, Werner Schuhmann und Michael Marinkovic – den „Mantel des Schweigens“ über die sportlichen Darbietungen geworfen. Ausschlaggebend sei aber tatsächlich die aktuelle Niederlage gewesen. Er habe seine Mannschaft „noch nie so schlecht“ erlebt, erläuterte der 56-Jährige seinen kapitalen Entschluss. Der frühe Rückstand, das Glück eines nicht gegebenen Elfmeters, die Ampelkarte für Luca Faganello nach zwei gelbwürdigen Fouls und ein über weite Strecken lebloser Auftritt –  irgendwann wurde es dem Coach zu viel. „Das hatte mit Fußball nichts zu tun“, urteilte er merklich resigniert. Es sei nicht zu erkennen, dass die Mannschaft in der momentanen Zusammensetzung „den Klassenerhalt schaffen“ möchte. Harte Worte und sicherlich eine gehörige Portion Frust. Aber auch ein ehrliches Eingeständnis. Leitl lobte den Verein, der ihm stets „alles ermöglicht“ habe. Er sprach aber auch von „Stress ohne Ende“, den er in der laufenden Rückrunde bewältigen musste. Weil er nie so arbeiten konnte, wie es aus seiner Sicht hätte sein sollen.

BCF-Sprecherin Hilde Kluge mutmaßte, dass Leitls Entscheidung gegebenenfalls durch den mehrfach möglichen Ausgleichstreffer hätte verhindert werden können. Doch wäre das wohl nur ein Aufschub um drei Wochen gewesen. Die offizielle Stellungnahme der Klubs fiel sachlich nüchtern aus. „Reiner und Günter haben hier in den vergangenen drei Jahren gute Arbeit geleistet. Ich bedaure ihren Rücktritt“, sagte Dr. Fleischer. Er sei jedoch zuversichtlich, dass die Mannschaft auch ohne das bisherige Trainergespann die Bayernliga halten werde: „Unser Saisonziel war und ist es, den Klassenerhalt ohne Relegation zu schaffen.“

BCF Wolfratshausen – SpVgg Hankofen  0:3 (0:1)

BCF: Pradl, Hoffmann (60. Ratte), Kasperek, Misirlioglu (73. Rappel), Korkor, Duswald, Scheck, Rödl (58. Kaya), Lehr, Faganello, Diep

Tore: 0:1 (13.) Gröschl, 0:2, 0:3 (81.,84.) Biermeier. – Schiedsrichter: Stefan Treiber (Neuburg). – Gelbe Karten: Faganello, Rödl (bd. BCF); Biermeier, Beck, Reif, Richter (alle SpVgg). – Zuschauer: 125.

 

Kommentar des Autors: Überraschend, aber aufrichtig

Reiner Leitls Rücktritt kam überraschend, denn die gegenseitige Wertschätzung zum BCF war glaubhaft und nachhaltig. Sein Abgang wird in Farchet Spuren hinterlassen und wirft gleichermaßen Fragen auf. Wann begann sein Entschluss zu reifen? War das Verhältnis zur Mannschaft, die sich im Sommer kaum veränderte, unterbewusst verschlissen? Schon vor zwei Jahren, als die Liga durch zwei Relegationsspiele gehalten wurden, war das Binnenklima zwischenzeitlich gestört. Der anschließende Erfolg ließ das vergessen. Jetzt aber war der Bruch nicht mehr zu kitten. So bedeutend die Entscheidung zunächst sein mag, so alltäglich ist sie. Die Halbwertszeit von Fußballtrainern ist in der Regel von überschaubarer Dauer. Der exakte Verbleib geht maßgeblich mit den sportlichen Geschicken einher. Leitls Entscheidung ist aufrichtig und konsequent. Begründet durch klare Worte ohne Ausreden oder Schuldzuweisungen. Authentizität, wie man sie von ihm in den drei Jahre in Farchet gewohnt war. Bleibt zu hoffen, dass die BCF-Fuß- baller die Zeichen der Zeit jetzt erkannt haben und nicht neben einem echten Typen als Trainer tatsächlich auch noch den Klassenkampf verlieren. 

Text und Kommentar: Oliver Rabuser

Quelle: fussball-vorort.de

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