Nationalspieler aus unteren Spielklassen

Marinovic: Zwischen Relegationsspiel und Confed-Cup

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Marinovic ist Neuseelands Nationalkeeper

SpVgg Unterhaching - Stefan Marinovic steht ein heißer Sommer bevor. Ob er sich entscheiden kann, was sein größeres persönliches Highlight werden wird?

Wenn nicht noch die Fußballwelt aus all ihren Angeln gehoben werden sollte, wird „Kiwi“, wie er genannt wird, mit der SpVgg Unterhaching Ende Mai um den Aufstieg in die 3. Liga spielen. Eine Riesengeschichte, aber was ist ein Drittliga-Aufstieg in Relation zu dem, was den Hachinger Keeper vom 17. Juni bis 2. Juli erwartet? Dann wird in Russland der Confed-Cup ausgetragen, die Generalprobe für die WM 2018. Weltmeister Deutschland ist dabei, Portugal, der Europameister, Chile, Russland. Und Marinovic als Torhüter von Neuseeland.

Marinovic ist Neuseelands Fußball-Held

In seiner Heimat ist Marinovic ein Fußball-Held. Spätestens, seit er im vergangenen Sommer im Finale des OFC-Nations-Cup, der kontinentalen Meisterschaft der ozeanischen Staaten, zwei Elfmeter gegen Papua-Neuguinea gehalten und die „Kiwis“ damit zum Titel geführt hatte. Marinovic wurde zudem mit dem „Golden Glove Award“ als bester Torhüter des Turniers ausgezeichnet. Und Neuseeland qualifizierte sich damit für den Confed-Cup, der die Länderspiel-Bilanz des Hachingers mit etwas namhafteren Fußball-Nationen anreichern wird als Neukaledonien, die Fidschi-Inseln oder die Salomonen. Wobei nicht verschwiegen werden sollte, dass er auch schon gegen die noch von Klinsmann trainierten USA und Mexiko gespielt hat.

Meist aber sind es Länder, die man hier kaum kennt. Und so weit entfernt sind, dass Marinovic meist um die halbe Welt fliegen muss für ein Länderspiel, seinen Hachingern in der Regionalliga fehlt. Die nämlich kennt, im Gegensatz zu den Bundesligen und der 3. Liga, keine Länderspielpause. Dabei sind es gar nicht so wenige Amateurkicker, die immer wieder zu Länderspielen unterwegs sind. Bei Unterhaching zum Beispiel noch Vitalij Lux, der für Kirgisistan spielt. Und auf den Reisen ins Land seiner Vorfahren meist Begleitung hat, Edgar Bernhardt zum Beispiel, der in der Regionalliga West für den SV Rödinghausen antritt. Oder Viktor Maier, der als 17-Jähriger neben Toni Kroos und Sascha Bigalke mal für den DFB-Nachwuchs gekickt hat und heute beim FC Emmen in Holland aktiv ist.

Viele Nationalspieler im deutschen Amateurfußball

Gerade kleinere Fußball-Nationen suchen gerne in Europa nach gut ausgebildeten Fußballern. Sobald sich eine wenn auch noch so vage Verbindung finden lässt, bemüht man sich. Kirgisistan war natürlich auch an Sergej Evljuskin dran, derzeit bei Hessen Kassel in der Regionalliga Südwest. Evljuskin hat sämtliche deutschen U-Nationalmannschaften durchlaufen, wurde zweimal mit der Fritz-Walter-Goldmedaille als größtes Talent der Jahre 2005 und 2006 ausgezeichnet, ehe seine steile Karriere beim VfL Wolfsburg abrupt abbrach. Noch aber ist er kein kirgisischer Nationalspieler, für die FIFA hat er einfach schon zu viele Länderspiele im deutschen Dress bestritten.

Die Philippinen buhlen gerade um den Ex-Löwen Mike Ott aus der zweiten Mannschaft des 1. FC Nürnberg, Otts Mutter ist Philippinin. Und sein Bruder Manuel, einst für den FC Ingolstadt II in der Regionalliga Bayern am Ball, hat schon 35 Mal für das Land seiner Mutter gespielt, zuletzt auch zweimal gegen Kirgisistan und gegen Vitalij Lux. Lux hat beim 1:2 das Tor für die Kirgisen erzielt, in letzter Minute mit einem vergebenen Strafstoß den Ausgleich verpasst. Den zweiten Vergleich gewannen die Philippinen dann mit 1:0.

Lux: "Geile Erfahrung für mein Land spielen zu dürfen"

Lux berichtete nach seiner Rückkehr, wie „stolz“ er sei, „für mein Land spielen zu dürfen“, von der „geilen Erfahrung“ auf internationalem Parkett. Lux ist 1989 in Karabalta geboren, damals noch Sowjetunion, kam aber schon als Kind nach Deutschland. Mit 22 hat er sich als Torjäger des FV Illertissen einen Namen gemacht. Zu dieser Zeit begann Kirgisistan, eine schlagkräftige Nationalmannschaft aufzubauen, ein Kirgise aus London wurde Teammanager und begann, in Europa nach Spielern zu suchen, die für das Team spielen können. Lux, damals noch beim 1. FC Nürnberg II, feierte im Sommer 2015 sein Debüt mit einem 3:1-Sieg in Bangladesch. Nationalspieler aber gibt es auch in der Bayernliga, einen richtig erfahrenen sogar. Martin Büchel vom FC Unterföhring hat bereits 64 Länderspiele bestritten, hat mit Liechtenstein gegen große Fußball-Nationen gespielt, gegen Spanien, Deutschland, Italien, Russland. Mit 29 zählt Büchel, der des Studiums wegen nach München gekommen ist, zu den fest etablierten Stammkräften des Fürstentums. Unterföhrings Trainer Andi Pummer ist zwar stolz auf den Mann mit so viel internationaler Erfahrung, leicht aber fällt es ihm nicht, immer wieder mal auf Büchel verzichten zu müssen. Als es mal passte, der Bayernligist zufällig ein spielfreies Wochenende hatte, ist die ganze Mannschaft nach Vaduz gefahren, um den Kollegen Büchel in der EM-Qualifikation gegen Österreich zu unterstützen. Genutzt hat es nicht viel, Liechtenstein verlor trotzdem 0:5, einer der Torschützen hieß David Alaba.

Auf der Bank saß ein weiterer Spieler aus der Region, Sandro Wolfinger, damals Heimstetten, ist inzwischen beim BCF Wolfratshausen gelandet. Für Liechtenstein aber hat er zuletzt nicht mehr gespielt, viele Verletzungen brachten ihn aus dem Rhythmus. Und damit aus dem Blickfeld der Nationalmannschaft. Aber auch Wolfinger zählt zu den doch überraschend vielen Nationalspielern, die im deutschen Amateurfußball kicken. Und wenn die Bundesligen wieder Länderspielpause haben, dann schwärmen auch sie aus. Manche eben nach Liechtenstein oder Kirgisistan, andere nach Luxemburg, Tadschikistan, einige zu recht exotischen Zielen, auf die Seychellen, in den Südsudan, nach Mauritius und Niger.

Die weiteste Anreise aber hat meistens Stefan Marinovic. Dafür aber wird er im Sommer reich belohnt werden, beim Confed-Cup trifft er in den Gruppenspielen auf Portugal und Ronaldo. In Russland wird außer ihm keiner dabei sein, der hier in den deutschen und bayerischen Amateurligen kickt.

Text: Reinhard Hübner

FUSSBALL-AMATEURE Die Amateurfußballseite erscheint jeden Mittwoch. Autor ist Reinhard Hübner, erreichbar unter komsport@t-online.de 

Quelle: fussball-vorort.de

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