Weniger Spielzeit durch erfahrene Kräfte

Sprungbrett Regionalliga? Hachings Youngster müssen sich gedulden

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Kämpfen um jede Minute: Orestis Kiomourtzoglou, Tim Schels und Yanis Mareseiler.

SpVgg Unterhaching - Orestis wäre kein Fußballer, würde er sich zufriedengeben mit seiner momentanen Situation. „Stammspieler“ wolle er werden, später gestandener Profi in der ersten Liga.

Orestis heißt mit Nachnamen Kiomourtzoglou, der Einfachheit halber hat der Sohn eines Griechen und einer Deutschen sein Trikot mit Orestis beflocken lassen. Das Unterhachinger Trikot mit der 31, das er letzte Saison 17-mal in der Regionalliga getragen hat. In der aktuellen Spielzeit aber stand er bis Dienstagabend noch keine einzige Minute auf dem Platz. Frustrierend? Orestis schluckt kurz, sagt dann: „Natürlich will ich spielen.“ Aber dass die SpVgg Unterhaching, für die er im letzten Jahr mit gerade mal 17 sein Debüt im Herrenfußball feiern durfte, kräftig aufgerüstet, sich mit Hochkarätern wie Dominik Stahl und Stephan Hain weiter verstärkt hat, findet er schon okay: „Wir alle möchten ja aufsteigen, da helfen solche Leute.“

Auch in Unterhaching hat man erkannt, dass es nur mit Jugendstil nicht funktioniert. Als Abkehr vom eingeschlagenen Weg aber will man das nicht sehen, im Gegenteil: „Erfahrene Leute bringen noch mehr Qualität ins Training, wovon unser Nachwuchs profitiert“, so Manni Schwabl, der Präsident. Im letzten Jahr hat man, auch der finanziellen Not gehorchend, mehrere blutjunge Leute ins kalte Wasser geworfen, neben Orestis Tim Schels, der mit 16 Jahren, sieben Monaten und sieben Tagen als jüngster Debütant aller Zeiten in die Annalen der Regionalliga Bayern eingegangen ist. Schels, kurze Zeit später zum U18-Nationalspieler geworden, hat in dieser Spielzeit auch erst zehn Minuten gespielt, Yanis Marseiler, der im April mit 17 debütierte, noch gar nicht. „Für die Jungs war das erst einmal was zum Verdauen“, weiß auch Trainer Claus Schromm, „aber jetzt haben sie gemerkt, wie wichtig jeder ist und wie wichtig jeder noch werden wird.“

Sprungbrett Regionalliga

„Leistung zählt, nicht Alter“, Tim Schels hat das gesagt, als er vor einem Jahr in die Startelf rutschte. Und dazu steht er auch jetzt. Alle drei wissen sie, dass sie angesichts größer gewordener Konkurrenz Geduld aufbringen, jedes einzelne Training als Herausforderung annehmen, den Älteren auf die Füße schauen, von ihnen lernen müssen. „Als Junger musst du dich schon mal hinten anstellen und auf deine Chance warten“, gibt sich Orestis demütig. „Und wenn sie dann kommt, musst du sie nutzen.“ So, wie in der letzten Saison. Damals hat er bei seinem Debüt gegen Ingolstadt II zwei Minuten nach seiner Einwechslung den Ausgleich erzielt. „Mit 17 schon in der Regionalliga zu spielen, bietet dir nicht jeder Verein, das ist in Unterhaching schon einzigartig.“

Die Regionalliga Bayern kann zum Sprungbrett werden, so war sie bei ihrer Einführung auch angekündigt. Als Bühne für Talente, die es nicht sofort aus der Jugend in den Profifußball schaffen. Gerade die zweiten Mannschaften der Bundesligisten haben sich als Ausbildungsstätten künftiger Stars hervorgetan, Pierre-Emile Hojbjerg hat sich über die U23 der Bayern in die Bundesliga hochgearbeitet, ebenso Alessandro Schöpf, der heutige Schalker. Bei 1860 Jung-Nationalspieler Julian Weigl oder der gerade nach Hamburg gewechselte Bobby Wood. Der heutige Ingolstädter Profi Stefan Lex ist einen anderen Weg gegangen, ist nie in einem Nachwuchsleistungszentrum ausgebildet worden, sondern hat bis zu seinem Wechsel in die Regionalliga bei Freising gekickt. Und sich mit seinen Toren in Buchbach für höhere Aufgaben empfohlen, ohne den Druck, Profi werden zu müssen. Mit Abitur und Studium hat sich Lex ein zweites Standbein geschaffen.

Von einem ähnlichen Weg träumen viele Talente in der Regionalliga Bayern, junge Aufsteiger, die sich beharrlich im Nachwuchs eines Bundesligisten hochgearbeitet haben, andere, die nach ihrer Ausbildung in einem Nachwuchsleistungszentrum keinen Vertrag bekamen und einen Umweg nehmen mussten, in der Regionalliga aber bald spüren, dass es auch bei einer qualifizierten Ausbildung noch ein großer Schritt ist vom Jugend- in den Herrenbereich. „Das Spiel ist viel schneller, körperbetonter als in der Jugend“, musste Tim Schels erkennen, der wie Orestis noch wenige Wochen vor seinem Regionalliga-Debüt für Unterhaching in der Bundesliga der B-Junioren gespielt hat. Orestis nennt das DFB-Pokalspiel gegen den FC Ingolstadt „eine coole Erfahrung“, zum ersten Mal live im Fernsehen, gegen eine Bundesliga-Truppe, die „unglaublich athletisch auftrat“. Und trotzdem gegen Hachings Jungspunde unterlag. Das motiviert, noch mehr zu tun, noch mehr zu geben.

Von den erfahrenen Spielern lernen

Den Kinderschuhen ist die Regionalliga Bayern im fünften Jahr ihres Bestehens entwachsen, aufsteigen, das zeigen die beiden letzten Jahre, kann man. Mit einer gestandenen Profitruppe. Reine Nachwuchsteams tun sich schwer, wie der FC Bayern. Nun sollen dort die routinierten Nicolas Feldhahn, Torsten Oehrl und Karl-Heinz Lappe die Talente führen, bei der U21 der Löwen gibt Michael Kokocinski mit seinen 31 Jahren den spielenden Co-Trainer, beim FC Augsburg II der 32-jährige Dominik Reinhardt. Und nachdem man bei der SpVgg Unterhaching im zweiten Regionalliga-Jahr mit Macht oben angreifen will, hat auch Schwabl Erfahrung in sein junges Team geholt.

Trotzdem zählt Haching nach den U23-Teams zu den jüngsten Mannschaften der Liga, keine andere hat drei 17-Jährige im Kader, keine andere gibt ihrem Nachwuchs so früh die Chance, sich im Herrenfußball zu behaupten. Fabian Benko, jüngster Debütant bei Bayern II, war 17 Jahre und einen Monat bei seinem ersten Regionalligaspiel, Tim Schels bei Unterhaching fünf Monate jünger. „Es ist schon etwas Besonderes, sich mit Spielern messen zu können, die doppelt so alt sind wie man selbst“, sagt Yanis Marseiler, der sein erstes Regionalligaspiel mit 17 Jahren und fünf Monaten bestritten hat. Und auch wenn in dieser Spielzeit seine Einsatzzeiten kaum mehr werden sollten, er sieht Unterhaching und die Regionalliga als gutes Sprungbrett in den Profifußball.

„Wir können uns hier stetig weiterentwickeln“, sagt auch Orestis, Schels fordert, „immer geerdet zu bleiben“, auch wenn man schon als 16-Jähriger bei den Herren mitgespielt hat. Dass man nun mit Stahl und Hain neben weiteren arrivierten Spielern wie Nicu, Bigalke, Taffertshofer und Steinherr hochkarätige Konkurrenz vor der Nase hat, „bringt uns alle auch weiter. Konkurrenz belebt doch das Geschäft“, sagt Orestis, der gerade von Dominik Stahl „viele gute Tipps“ erhält und in jeder Trainingseinheit sieht, wo er steht, woran er noch arbeiten muss.

Und Spielpraxis werden die Hachinger Youngster trotzdem bekommen: Orestis Kiomourtzoglou, Tim Schels und auch Yanis Marseiler sind noch für die U19 spielberechtigt. Die startet Ende August als großer Favorit in die neue Bayernliga-Saison, die mit dem Aufstieg in die Bundesliga enden soll: „Da müssen wir rauf“, fordert Orestis.

Text: Reinhard Hübner

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Die Amateurfußballseite erscheint jeden Mittwoch. Autor ist Reinhard Hübner, erreichbar unter komsport@t-online.de

Quelle: fussball-vorort.de

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