Wie Marco Stier Wolfratshausens Turbulenzen trotzt

Stier: "Wer den Weg nicht mitgehen will, ist fehl am Platz"

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Steht beim BCF vor einer „Mammutaufgabe“, ist aber überzeugt, sie lösen zu können: Marco Stier.

Als Marco Stier Ende August dem BCF Wolfratshausen sein Ja-Wort gegeben hat, war der Verein in argen Turbulenzen. Nicht die dankbarste Aufgabe für einen jungen Trainer. Der Ex-Profi aber stellt sich mutig der „Mammutaufgabe“, den Abstieg aus der Bayernliga doch noch zu verhindern.

Von den Tagen, da beim BCF Wolfratshausen kein Stein auf dem anderen geblieben ist, als der Bayernligist im Chaos zu versinken drohte, hat Marco Stier kaum etwas mitbekommen. Zumindest interessiert ihn das nicht besonders. Dass mit dem Trainer auch der Co, der sportliche Leiter, die technische Leiterin, der Torwarttrainer hingeworfen haben, ach ja? Dass sich mehrere Spieler solidarisiert und den Verein unter harscher Kritik am Vorstand verlassen haben? „Ich war“, sagt Stier, „lange im Profibereich, da ist ein Kommen und Gehen ganz normal. Das ist nie ein Problem für mich gewesen.“ Warum also jetzt? Nicht jeder junge Trainer, der Ambitionen hat, hätte sich wohl diesem „Himmelfahrtskommando“ gestellt. Nichts anderes war das doch, als Marco Stier, 32, dem BCF seine Zusage gegeben hat. Sieben Spiele, sieben Niederlagen, die sportliche Leitung weg, der Vorstand in der Kritik, die Mannschaft am Auseinanderbrechen, es gibt dankbarere Aufgaben.

Stier aber sagt: „Was war, ist nicht wichtig für mich.“ Er sah die Chance, den nächsten Schritt zu tun, aus der Bezirksliga, wo er die SF Aying betreute, in die Bayernliga. Und die „besondere Herausforderung.“ Wenn nichts mehr ist wie es war, „das mag ich, ich will eingefahrene Strukturen aufbrechen, für frischen Wind sorgen.“ So gesehen war Wolfratshausen in dieser Situation für ihn der ideale Verein. Klar, bewusst ist ihm schon, dass es „eine Mammutaufgabe“ ist, die Mannschaft in der Liga zu halten. Leistungsträger sind weg, Onur Misirlioglu, um dessen Einsatz der Streit zwischen Vorstand und sportlicher Leitung entbrannt war, fällt verletzt aus, immerhin haben Sebastian Pummer und Günther Wernthaler als Interimslösungen dem jetzigen Chef Marco Stier zum Einstand die beiden ersten Siege geschenkt, noch immer aber steckt die Truppe tief im Tabellenkeller fest. Trotzdem, „mit dem Thema Abstieg beschäftige ich mich überhaupt nicht, ganz ehrlich“, sagt Stier.

Mit Bastian Schweinsteiger in den Jugendnationalteams unterwegs

Das einstige Top-Talent, mit Bastian Schweinsteiger in den Jugendnationalteams unterwegs, hat schon ganz andere Situationen bewältigt. Schwere, langwierige Verletzungen haben die Träume von einer großen Profi-Karriere zerstört, als Stier bei Werder Bremen gerade auf dem Sprung war. Als er beim FC Bayern einen neuen Anlauf unter Hermann Gerland starten wollte, musste er zwei Jahre auf sein Debüt warten. Wieder hatte ihm der Körper einen Strich durch die Rechnung gemacht. Immerhin spielte er dann doch noch 3. Liga mit den Bayern und mit Holstein Kiel, ehe er den vielen Rückschlägen Tribut zollen musste. Selbst als Spielertrainer in Aying reichte es schließlich nicht mehr, „ich bin total kaputt“, so Stier. Geblieben ist der Ehrgeiz. Und ein gewisses Maß an Selbstvertrauen. Nur so lässt sich wohl eine Aufgabe wie die in Wolfratshausen mit diesem Optimismus angehen. Natürlich brauche er jetzt erst einmal Zeit, „Wunderdinge kann ich nicht versprechen“, erwartet auch der Vorstand nicht. „Es gibt auch ein Leben nach der Bayernliga“, hat Manfred Fleischer gesagt. Die Mannschaft ist jung, sehr jung. Und entwicklungsfähig. Das spürt Stier, das reizt ihn. Den Leuten, die Ende August gegangen sind, trauert er nicht nach, hat auch nicht versucht, sie zum Bleiben zu überreden: „Wer den Weg nicht mitgehen will, der ist hier fehl am Platz.“ Dass der Weg hart wird, ist ihm bewusst. „Wenn du unten stehst, hast du auch kein Glück.“

Im Vergleich zu Aying eine neue Welt

Die letzten Spiele habe sich die Mannschaft „keineswegs wie ein Tabellenletzter“ präsentiert, in Ismaning hat sie 3:1 geführt, dann aber ihrer Unerfahrenheit Tribut zollen müssen. Gegen Vilzing sei „unglaubliches Pech“ im Spiel gewesen, „wir spielen sie an die Wand, bekommen einen Elfmeter nicht und verlieren dann wegen eines Sonntagsschusses“. Zumindest gegen Kottern wurde man belohnt, „da haben die Jungs ein Riesenspiel gemacht“. Und zuletzt sogar in Sonthofen 2:1 gewonnen. Das gibt ihm die Zuversicht, dass er hier in Wolfratshausen sein Ziel verwirklichen kann, die jungen Spieler zu entwickeln, weiterzubringen und zu verbessern. Seine Art kommt an, unter dem neuen Coach habe er wieder Spaß am Fußball gefunden, erzählte kürzlich Gilbert Diep, in Sonthofen Schütze beider Tore.

Stier: "Der Verein ist immer noch eine Top-Adresse"

Stier sieht sich bestätigt. „Der Verein“, sagt er, „ist ja immer noch eine Top-Adresse“, die Trainingsbedingungen mit Rasenplätzen und Kunstrasen seien optimal und obwohl noch keine Nachfolger gefunden sind für die zurückgetretenen Funktionsträger, werde einem „unheimlich viel abgenommen“, die Wäsche gewaschen, das Organisatorische erledigt, „ich kann mich hier ganz auf den Fußball konzentrieren.“

Es ist für Stier im Vergleich zu Aying eine andere, eine neue Welt, „diese Chance musste ich einfach ergreifen“, die Bayernliga soll für ihn der nächste Schritt sein auf seinem Weg, der ihn, das macht er unverhohlen klar, „möglichst ins Profigeschäft führen soll“, dorthin, wo er als Spieler schon war. Nahziel aber ist erst einmal die Konsolidierung in Wolfratshausen, Stier setzt auf eine „geile Vorbereitung im Winter“, zwei, drei neue Spieler, einen verstärkten Kader und damit auf eine gute Rückrunde. So wie im letzten Jahr mit Aying, der Tabellenletzte nach acht Spieltagen war am Ende Siebter, „fast wären wir noch Vierter geworden, das war sensationell.“ Leicht ist ihm der Abschied nicht gefallen, „es tat mir leid um die Jungs“.

Wolfratshausen hatte ihn schon vor Saisonbeginn kontaktiert, da aber stand er noch fest zu seinem Wort, das er den Sportfreunden Aying gegeben hatte. Nun aber, nach Fleischers neuem Angebot, war es „ein Bauchgefühl“, das ihm sagte, „das musst du jetzt einfach machen“. Auch wenn er sich nun als junger Trainer vor einer „Mammutaufgabe“ sieht, als „Himmelfahrtskommando“ will er es nicht bezeichnen. Dafür ist sein Vertrauen in die Mannschaft viel zu groß. Und das Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten. „Es gibt nur einen Direktabsteiger in der Bayernliga“, der Klassenerhalt, davon ist er überzeugt, „muss einfach machbar sein“.

Dieser Text erschien auf der Amateursport-Seite. Sie erscheint jeden Mittwoch im Münchner Merkur. Autor ist Reinhard Hübner, erreichbar unter komsport@t-online.de

Quelle: fussball-vorort.de

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