tz-Interview mit Enrique Cerezo

Atlético-Präsident: So ist mein Verhältnis zu Rummenigge

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Enrique Cerezo

Madrid - Nur wenige Monate nach dem spannenden Halbfinale treffen Atlético Madrid und der FC Bayern wieder in der Champions League aufeinander. Einer, der den Klub mehr als gut kennt, ist Atléti-Präsident Cerezo. Die tz sprach mit ihm.

Atlético. Schon wieder. Kein halbes Jahr nach dem bitteren Halbfinal-K.-o. gegen die Rojiblancos trifft der FCB erneut auf die Mannschaft von Diego Pablo Simeone – diesmal allerdings im zweiten Spiel der Gruppenphase. Warum Rachegelüste am Mittwoch fehl am Platz sind, der Fußballgott den Madrilenen (derzeit Tabellendritter in Spanien und mit nur zwei Gegentoren in sechs Spielen) einen Henkelpott schuldet und wie das Verhältnis zu Karl-Heinz Rummenigge ist, verrät Atlético-Präsident Enrique Cerezo (68) im tz-Interview:

Señor Cerezo, schon wieder Bayern. Was ging Ihnen bei der Auslosung durch den Kopf?

Enrique Cerezo: Nichts Besonderes, um ehrlich zu sein. Es konnte passieren und ist passiert. Die Bayern sind eine große Mannschaft, und ich ziehe große Namen unbekannten Teams vor. Wir kennen die Bayern, wir wissen wie sie spielen und wo sie aktuell stehen. Und hinzu kommt, dass Spiele gegen die Bayern seit jeher ein wichtiger Bestandteil unserer Geschichte sind. Von daher freue ich mich auf beide Spiele.

Schwirrt Ihnen noch das letzte Halbfinale im Kopf herum? Atlético zog mit einem blauen Auge ins Finale ein.

Cerezo: Bei so wichtigen Spielen muss man immer zittern. Sei es gegen die Bayern oder andere große Mannschaften. Heute ist der Fußball anders, die Spielsysteme sind anders, und wir versuchen stets, uns an die Gegebenheiten anzupassen – was auch ganz gut klappt. Wir haben ein paar fantastische Spielzeiten hinter uns, befinden uns in einem schönen Moment und können es mit jedem aufnehmen.

Cerezo: "Rache spielt überhaupt keine Rolle"

Glauben Sie, dass der Stachel vom Halbfinale noch tief sitzt bei den Bayern?

Cerezo: Es ist ein komplett anderes Spiel. Erst mal treffen wir nicht in einem Halbfinale aufeinander, sondern in der Gruppenphase. Es qualifizieren sich zwei Teams, daher spielt Rache hier überhaupt keine Rolle. Im Fußball gibt es ohnehin keine Rache, sondern immer nur das nächste Spiel.

Immerhin konnte sich Atlético im Frühjahr auch für das verlorene Endspiel 1974 gegen die Bayern rächen.

Cerezo: Auch das war nicht in unseren Köpfen, sondern lediglich das Finale. Nur daran haben wir gedacht. Und nun gehen wir mit dem Gedanken ins Spiel, uns weiterhin dem Achtelfinale anzunähern.

Ein weiterer Unterschied: Die Bayern werden nicht mehr von Pep Guardiola, sondern von Carlo Ancelotti trainiert.

Cerezo: Ich muss gestehen, dass ich selbst noch nicht so viele Partien des FC Bayern unter Carlo Ancelotti gesehen habe. Fest steht aber, dass es sich bei beiden um sensationelle Trainer handelt. Und gerade ein großer Trainer wie Ancelotti gehört zu einer großen Mannschaft wie Bayern.

Das sind die CL-Gruppengegner des FC Bayern

Die besten Erinnerungen an ihn werden Sie nicht haben, schließlich holte er 2014 „la ­decima“ für Real. Gegen Atletico.

Cerezo: Er hat eine großartige Zeit bei Real durchlebt, so viel steht fest. Und wir sind eine Mannschaft, die immer auf Sieg spielt. Manchmal siegt man dann auch, manchmal verliert man. So ist der Fußball.

Cerezo: Simeone ist ein magischer Trainer

Dass es in den letzten Jahren mehr Siege als Niederlagen waren, liegt vor allem an Diego Pablo Simeone. Was macht diesen Trainer einzigartig?

Cerezo: El Cholo (Simeones Spitzname, d.Red.) ist ein magischer Trainer. In ihm schlummert eine Magie, die er für seine Spieler und das Publikum nach außen trägt. Die Kombination ist fantastisch. Er ist jemand, der jedes Spiel mit einer ihm eigenen Akribie vorbereitet, den Fußball liebt und ihn jeden Tag zum Mittelpunkt seines Lebens macht. Für eine Mannschaft ist es Gold wert, einen Trainer mit diesen Eigenschaften auf der Bank zu haben.

Gerade nach dem Halbfinale gegen die Bayern ist sein Stil in Deutschland auf viel Kritik gestoßen. Was entgegnen Sie?

Cerezo: Dass sie sich unser Spiel am vorvergangenen Wochenende gegen den FC Barcelona (1:1, die Redaktion) anschauen sollen. Aber davon mal abgesehen: Fußball ist Fußball und kennt nur ein einziges Ziel: gewinnen. Wenn man gewinnt und dabei auch noch gut spielt, dann ist das natürlich wunderschön. Wenn man gewinnt und dabei nicht gut spielt, dann ist das auch gut. Der Fußball hat sich immer schon durch eine Vielfalt an Stilen und Interpretationsweisen ausgezeichnet. Und das gilt es zu erhalten.

Der Fußball hat es oft nicht gut mit Atlético gemeint. 1974, 2014 und 2016 schrammte der Klub Millimeter am CL-Titel vorbei. Ist der Fußball Atlético einen Henkelpott schuldig?

Cerezo: Ich glaube schon. Dreimal waren wir haarscharf dran, und mindestens zwei davon könnten jetzt in unseren Vitrinen stehen, aber die unerwarteten Geschehnisse in einem Spiel haben letzten Endes dazu geführt, dass die Pokale in den Vitrinen anderer Klubs stehen. Wir geben aber nicht auf. Wir werden weiter kämpfen und versuchen, erneut ein Finale zu erreichen, um diesen Pokal zu gewinnen, den der Fußball uns schuldet.

Mit Antoine Griezmann an der Front, der trotz vieler Angebote Atlético treu geblieben ist.

Cerezo: Ich bin der Meinung, dass jeder Spieler dort spielt, wo er spielen will, insbesondere Spieler wie Antoine, Ronaldo, Messi oder Neymar. Und in diesem Fall ist es so, dass Antoine bei Atlético spielen will.

Cerezo: Rummenigge als Vorstandsvorsitzender genauso gut wie als Spieler

Wie steht es um Ihr Verhältnis zu Karl-Heinz Rummenigge?

Cerezo: Bestens. Herr Rummenigge ist mindestens genauso gut als Vorstandsvorsitzender wie früher als Spieler. Wir pflegen ein sehr gutes Verhältnis zueinander, und es gibt überhaupt keinen Grund, warum sich zwei so großartige Klubs wie unsere nicht verstehen sollten. Rummenigge ist ein guter Kerl, der das Beste für seine Mannschaft will, genauso wie ich für meine.

Für seine Aussagen zu Atléticos Stil und einer Setzliste hat er Kritik geerntet.

Cerezo: Die Worte verfliegen. Außerdem habe ich Herrn Rummenigge erst neulich in Monaco getroffen, wo wir uns mit derselben Freude begrüßt haben wie eh und je. Weder bei ihm noch bei mir gibt es irgendein Problem, weshalb wir ihn in unserem Stadion herzlich empfangen werden.

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