Champions-League-Achtelfinale

Das sind die drei Erkenntnisse aus dem 2:2 in Turin

München - In der "Hölle von Turin" zeigt der FC Bayern 60 Minuten lang beeindruckenden Fußball. Am Ende steht nach dem Hinspiel bei Juventus ein 2:2 zu Buche - trotz einer 2:0-Führung. Das Champions-League-Duell bot einige lehrreiche Erkenntnisse.

Mit der "Hölle von Turin" war den Spielern des FC Bayern im Vorfeld gedroht worden, die Erfolgsserie von 15 Siegen und einem Unentschieden in der italienischen Serie A flößte den Münchnern zusätzlich Respekt ein. Dazu konnte Trainer Pep Guardiola aus Verletzungsgründen keinen gelernten Innenverteidiger in der Startelf aufbieten.

Doch im Hinspiel des Champions-League-Achtelfinales zeigte der deutschen Rekordmeister allen Unkenrufen zum Trotz eine höchst beeindruckende Vorstellung im Juventus Stadium. Eine Stunde lang schnürten Arjen Robben, Douglas Costa, Thomas Müller & Co. die "Alte Dame" in deren Hälfte ein, teilweise verteidigte Juve den eigenen Sechzehner mit zehn Mann. Die Früchte ihrer Arbeit ernteten die Bayern in Form zweier Tore: Müller (43.) und Robben (55.) brachten die Münchner verdient in Führung, der Einzug ins Viertelfinale war da beinahe schon besiegelt. Doch Juve zeigte Moral und kam schließlich noch zum 2:2-Ausgleich. Was ist nun von diesem Ergebnis und der gezeigten Leistung zu halten?

Das sind die Erkenntnisse des Spiels

1. Arturo Vidal ist ein unverzichtbarer Bestandteil des Bayern-Spiels

Arturo Vidal will nicht so recht passen zum auf makellos getrimmten Erscheinungsbild vieler Fußballklubs. Der Chilene ist im positiven Sinne wild, unzähmbar und dadurch auch oft unberechenbar. "Mit Vidal haben wir etwas Verrücktes gemacht. Wie der auf dem Platz auftritt, da kann Arturo richtig zum 'Tier' werden", sagte Matthias Sammer am Rande der Präsentation des "Kriegers" im vergangenen Sommer. Bayerns Sportvorstand sieht in Vidal die Komplexität in Person: "Er ist physisch stark, hat Kraft in seinem Spiel, ist taktisch flexibel."

Pressestimmen: "Die Münchner Panzer sind nicht mehr unbesiegbar"

Coach Guardiola vertraute zuletzt nicht mehr hundertprozentig auf den Mittelfeldmann, doch in Turin zeigte Vidal sein wohl bislang bestes Spiel im Trikot des FC Bayern. Er ließ sich als nomineller Sechser immer wieder ins Zentrum der Abwehrkette fallen und unterstützte damit Joshua Kimmich und David Alaba äußerst wirkungsvoll. Dazu warf er sich in jeden sich bietenden Zweikampf - und gewann diesen auch fast immer - und stopfte mit extrem hoher Laufbereitschaft die sich öffnenden Löcher im Defensivverbund. "Er hat sehr gut gespielt. Vor dem souveränen Auftritt, den er hier hingelegt hat, kann ich nur meinen Hut ziehen", lobte Torwart Manuel Neuer Vidals Leistung. Ob es die Rückkehr an seine alte Wirkungsstätte war, die ihn zu dieser außerordentlichen Leistung motivierte? Dem FC Bayern dürfte es egal sein - hauptsache, der 28-Jährige ruft dieses Potenzial nun regelmäßig ab.

2. Große Mannschaften lieben große Spiele - Druck ist für die Bayern kein Problem

Liefern, wenn es darauf ankommt - diese Eigenschaft zeichnet große Mannschaften aus. Und wer bis gestern Abend noch Zweifel hatte, ob der FC Bayern ein Problem mit Drucksituationen hat, kann diese Zweifel spätestens jetzt in die Tonne kloppen. Eine fast schon biblisch anmutende Verletzungsseuche, durchwachsene Bundesligaspiele seit dem Rückrundenstart und viel Wirbel außerhalb des Platzes um Maulwürfe, angebliche Eskapaden und Unstimmigkeiten zwischen Trainer und Team - was auch die ein oder andere Spitzenmannschaft aus dem Trott bringen kann, lässt die "Teflon-Bayern" nur müde lächeln.

Vom Anpfiff weg übernahm Guardioals Mannschaft das Zepter in der "Hölle von Turin" und spielte den italienischen Rekordmeister in Grund und Boden. "Die Mannschaft lebt, wir haben einen sehr guten Teamspirit", verteilte Kapitän Philipp Lahm nach dem Schlusspfiff viel Lob an die Kollegen. Die 90 Minuten gegen Juve zeigten: Den FC Bayern kann so schnell nichts erschüttern. Mag die Aufgabe auch noch so groß sein, Lahm & Co. sind gerüstet.

3. Die Abwehr funktioniert grundsätzlich - doch wehe, es fällt ein Gegentor

Boateng verletzt, Badstuber verletzt, Martinez verletzt, Benatia noch nicht fit - in Turin musste Guardiola eine Startelf ohne Innenverteidiger auf den Platz stellen. Abwehr-Azubi Joshua Kimmich und der polyvalente, also flexibel einsetzbare David Alaba stellten in Turin das Defensivzentrum - unterstützt von Arturo Vidal, der sich immer wieder aus dem Mittelfeld fallen ließ. Guardiolas Plan ging auf, Juve machte kaum mal einen Stich nach vorne. Die Bayern verteidigten und pressten extrem hoch, der Gastgeber kam in Durchgang eins nur sporadisch aus der eigenen Spielhälfte heraus und fuhr nur selten die von den Bayern einkalkulierten Konter. Nach der zwischenzeitlichen 2:0-Führung sah alles nach einem ungefährdeten Viertelfinaleinzug der Münchner aus.

Doch eine kleine Unachtsamkeit im Spielaufbau brachte Juve wieder heran - und die Bayern-Defensive aus dem Konzept. Nach dem 1:2 durch Turins Paulo Dybala (62.) funktionierten plötzlich die Absprachen nicht mehr wie zuvor, in wichtigen Zweikämpfen zogen die Bayern vermehrt den Kürzeren, die Ordnung ging verloren, das Abwehrbollwerk, das 60 Minuten lang wie eine Eins funktioniert hatte, zeigte in der letzten halben Stunde unerwartete Lücken. "Da war mehr drin. Wir haben uns von der Hektik im Stadion ein bisschen aus der Ruhe bringen lassen", analysierte Keeper Neuer die ungeordnete Rückwärtsbewegung anschließend.

Dieses Phänomen gab es in der jüngeren Vergangenheit häufiger zu konstatieren. Etwa im April 2015 im CL-Viertelfinal-Hinspiel beim FC Porto, als dem schnellen ersten Gegentor ein fast ebenso schnelles zweites folgte. Oder das Halbfinal-Hinspiel beim FC Barcelona Anfang Mai 2015, als dem späten 1:0 Barcas durch Lionel Messi innerhalb von 13 Minuten zwei weitere Gegentreffer folgten. Oder in der aktuellen Bundesliga-Saison beim Auswärtsspiel in Gladbach (5. Dezember 2015), als Guardiolas Mannschaft zwischen der 54. und 68. Minute gleich drei Buden kassierte und dadurch das Spiel verlor. Wenn der FC Bayern tatsächlich den CL-Titel 2016 gewinnen will, muss er diese Entwicklung schnellstmöglich stoppen.

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